Welt : „Einen blutigen Straßenkrieg verhindert“

Italiens Mafiajäger haben in Sizilien 45 Personen verhaftet – und feiern ihren Erfolg

Paul Kreiner[Rom]

Zwei Monate nach der Verhaftung des obersten Mafiabosses auf Sizilien hat die italienische Polizei eine Flurbereinigung bei der Cosa Nostra vorgenommen und damit, wie es heißt, „einen blutigen Krieg in den Straßen Palermos verhindert“.

Den „Boss der Bosse“, Bernardo Provenzano, hatte die Polizei schon am 11. April geschnappt. Vorausgegangen war diesem Sensationserfolg eine Großrazzia, bei der mehr als 50 mittlere Mafiosi verhaftet wurden. Damit, sagten die Ermittler später, hätten sie das Umfeld um Provenzano ausgetrocknet.

Jetzt sucht die hierarchisch strukturierte Mafia Siziliens nach einem oder mehreren neuen Chefs; genau in diesem Übergangsstadium hat die Polizei nun noch einmal zugeschlagen – auf die Oberhäupter von 52 „Familien“ und „Distrikten“ hatte sie es abgesehen; 45 wurden tatsächlich festgesetzt. Pietro Grasso, Italiens oberster Kämpfer gegen die organisierte Kriminalität, jubelt bereits: „Die Mafia ist in die Knie gegangen.“

Nun ist bei Pressekonferenzen solcher Art in der Regel davon auszugehen, dass es zwischen dem, was die Polizei verkünden will und was sie „aus ermittlungstaktischen Gründen“ verschweigt, Unterschiede gibt. Nicht auszuschließen ist auch, dass hin und wieder Nebelkerzen abgeschossen werden. Jedenfalls fehlen in der Liste der Verhafteten genau die beiden Mafiosi, die bisher als aussichtsreichste Kandidaten für die Nachfolge Provenzanos gehandelt worden waren: Salvatore Lo Piccolo und Matteo Messina Denaro. Doch in der Hauptsache, so will Pietro Grasso verstanden werden, sei man erfolgreich gewesen: Man habe einen akut heraufziehenden, neuen Krieg zwischen rivalisierenden Mafiaclans verhindert, einen Rachefeldzug für das hemmungslose Morden zwischen 1981 und 1983. Damals eroberten die Mafia-Clans von Corleone die Stadt Palermo und schossen in bestialischer Weise alle „Familien“ hinweg, die sich ihnen in den Weg stellten. Wer übrig blieb, etwa Mitglieder der Familie Inzerillo, wurde zur Zwangsauswanderung in die USA „begnadigt“. Der führende Corleonese damals war Totò Riina; nach seiner Verhaftung 1993 übernahm Bernardo Provenzano das Kommando und erreichte mit seiner persönlichen Autorität so etwas wie einen Frieden zwischen den Clans.

Dass es unter dem Deckel gleichwohl weiterbrodelte, hat die Polizei nun durch langwierige, technisch anspruchsvolle Abhöraktionen festgestellt: In einer Wellblechgarage im Westteil von Palermo belauschte sie führende Mafiosi der achtziger Jahre, die – nach abgesessener oder krankheitshalber erlassener Haft – zu ihren alten Aktivitäten zurückgekehrt waren. Sie sammelten sich um „Distriktchef“ Nino Rotolo und schmiedeten Kriegspläne gegen den untergetauchten, aber recht selbstsicheren Führer der Stadt-Mafia, Salvatore Lo Piccolo. – Da war sie wieder: die alte Feindschaft zwischen Corleonesern und Palermitanern.

Rotolo nämlich hatte sich vor 25 Jahren als Killer der Corleoneser einen Namen gemacht. La Piccolo hatte sich zwar eine Weile auf ihre Seite geschlagen. In Vorbereitung auf die Nachfolge Provenzanos ging er jetzt aber offenbar wieder eigene, palermitanische Wege. Und er hat sogar einen Sohn der verbannten Inzerillos in die Stadt gelassen. Rotolo und seine Corleoneser hatten wohl allen Grund, Blutrache zu befürchten und bereiteten sich darauf vor – durch eigene Angriffspläne. Rotolo war bereits auf der Suche nach großen Mengen Säure, um nach Mafia-Art die Leichen der Gegner darin aufzulösen.

So stellt es Mafiajäger Grasso dar. Flankierend fügt er hinzu, man habe auch den Arzt Riinas und Provenzanos verhaftet sowie einen Jungpolitiker aus der Berlusconi-Partei Forza Italia, den die Mafia nächstes Frühjahr in den Stadtrat von Palermo entsenden wollte. So sollen die ohnehin bestehenden Vernetzungen zur Politik verstärkt werden.

In der Hauptsache aber hinterlässt Grasso den Eindruck, sein Friedenseinsatz habe darin bestanden, einen von zwei rivalisierenden Clans auszuschalten. Den anderen, den von Salvatore Lo Piccolo, gibt es also noch. „Und dieser“, so zitiert die Turiner Tageszeitung „La Stampa“ einen anonymen Ermittler, „ist nun gefährlicher als zuvor. Er regiert allein über Palermo. Jetzt müssen wir uns beeilen. Wir bräuchten allerdings mehr Mittel, mehr Leute, all das also, was wir für Provenzano zur Verfügung hatten ...“

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