Welt : Einstein umarmt Muhammad Ali

Clemens Mayer, ein Abiturient aus Bayern, ist neuer deutscher Gedächtnismeister

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Darmstadt Der Abiturient Clemens Mayer aus Brannenburg bei Rosenheim in Bayern wird sich an diesen Tag bestimmt lange erinnern. Der 19-Jährige gewann am Samstag in Darmstadt die Deutsche Gedächtnismeisterschaft. Er stürzte Rekordmeister Gunter Karsten aus Erfurt vom Thron und ist jetzt Deutschlands Superhirn. Karsten hatte den Wettbewerb sieben Mal in Folge gewonnen.

Im Hotelsaal herrscht angespannte Ruhe, nur das leise Rauschen der Klimaanlage ist zu hören. Die Teilnehmer der 9. Deutschen Gedächtnismeisterschaft konzentrieren sich. Sie sitzen wie Schüler bei einer Klausur an Einzeltischen, die mit einigem Abstand aufgereiht sind. Titelverteidiger Karsten hat eine verspiegelte Sonnenbrille und einen Kopfhörer aufgesetzt, um sich und sein Gedächtnis von der Außenwelt abzuschirmen. Ein anderer trägt eine Art Hut mit Scheuklappen. Er sieht einem Rennpferd sehr ähnlich. Die Teilnehmer des Gedächtniswettkampfes absolvieren an zwei Tagen einen mentalen Zehnkampf. Beim Kartenmarathon zum Beispiel haben die Superhirne 30 Minuten Zeit, sich möglichst viele Spielkarten in der richtigen Reihenfolge einzuprägen.

In einer anderen Disziplin werden ihnen 15 Minuten lang Gesichter mit Namen gezeigt, die sie richtig zuordnen müssen. Der Darmstädter Gedächtniskünstler Christian Schmitt hält die Zahlenreihe für die schwerste Übung. Der Schiedsrichter liest dabei rund 200 Ziffern vor, die Gedächtniskünstler müssen sie in der richtigen Reihenfolge aufschreiben. „Da kann man nicht zurückblättern. Nach einer Sekunde ist die Zahl weg.“ Die für Laien fast unglaubliche Gedächtnisleistung erfordert nicht nur hartes Training, sondern auch eine ausgeklügelte Strategie. „Ich gebe jeder Karte eine Bedeutung“, erklärt Karsten. Der Kreuz-Bube zum Beispiel ist für ihn Einstein, die Herz-Dame symbolisiert Umarmen und der Pik-König ist Muhammad Ali. Tauchen die Spielkarten in dieser Reihenfolge auf, heißt das: Einstein umarmt Muhammad Ali. „In der Regel fallen einem diese Geschichten leicht wieder ein“, sagt Karsten.

Der neue Titelträger Clemens Mayer, ein angehender Jurastudent, trainiert nicht nur seinen Geist, sondern jagt als Mittelstreckenläufer auch auf der Aschenbahn nach Rekorden. So konnte sich der 19-Jährige auch für das Sportgymnasium am Olympiastandort Cottbus qualifizieren. „Die körperliche Fitness hilft beim Gedächtnissport“, sagt Mayer. Er stellte in Darmstadt zwei Weltrekorde auf. Beim Zahlenmarathon, bei dem er sich in 30 Minuten möglichst viele Ziffern einer Zahlenkolonne einprägen musste, verbesserte er die Bestmarke von 1004 auf 1040. Bei „Namen und Gesichter“ steigerte er den Rekord um zwei auf 170. dpa

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