Welt : Eiszapfen an der Heizung

Russland erlebt den härtesten Kälteeinbruch der letzten fünfzehn Jahre / 242 Menschen in Moskau erfroren / Kältewelle auch in Südeuropa und Indien

Elke Windisch[Moskau]

Die Kälte sieht man nicht nur, man hört sie auch: Mit hohem singenden Ton knirscht bläulich-weißer Schnee unter eiligen Schritten. Vermummte Gestalten huschen im fahlrosa Licht der kraftlosen Wintersonne nur mal schnell über die Straße, um Brot und Milch zu kaufen. Wer immer kann, verfolgt das Treiben von General Winter nur aus dem in die Eisblumen am Fenster gehauchten Guckloch: Russland stöhnt unter der schlimmsten Kältewelle der letzten fünfzehn Jahre. Allein in Moskau starben seit Oktober 242 Menschen den Kältetod.

Auch Südeuropa bibbert, wegen des Kälteeinbruchs wurde in Spanien der höchste Stromverbrauch aller Zeiten gemessen. Im Norden Indiens hat eine Kältewelle bereits 300 Opfer gefordert. Doch die bitterste Kälte herrscht in Russland: Pünktlich zum orthodoxen Weihnachtsfest am 7. Januar meldete die Kola-Halbinsel, die gewöhnlich von Restwärme des Golfstroms profitiert, satte 47 Grad Frost. Ganze zwei Grad wärmer war es in der an Finnland grenzenden Teilrepublik Karelien. Temperaturen, wie sie sonst nur in der Arktis und in Sibirien gemessen werden. Selbst in Moskau wurden in der Weihnachtsnacht minus 32 Grad gemessen, im Umland minus 37 Grad. Das sind 20 Frostgrade mehr als der langjährige Durchschnitt für die gemäßigten Breiten Zentralrusslands.

„Hurra, es wird Frühling“, jubelte dort denn auch ein Radio-DJ am Mittwoch, als er die neuesten Werte verkündete – minus 16. Eine vorübergehende Atempause, warnen Meteorologen, deren Prognosen sich meist bewahrheiten. Der Grund: Kontinentalklima ist viel berechenbarer als maritimes. Tausende Kilometer vom Atlantik entfernt, wo das westeuropäische Wetter gemacht wird, bauen sich Hoch- und Tiefdruckgebiete in Russland sehr viele langsamer auf und ab und bewegen sich außerdem sehr träge.

Das wissen auch die städtischen Betriebe und Wohnungsgesellschaften. Doch trotz umfänglicher Wintervorbereitungen – in Moskau werden im Sommer Fernwärme und Heißwasser für drei Wochen einfach abgedreht, um die Rohre zu prüfen und gegebenenfalls zu reparieren, auf dem flachen Lande dauert diese „Prophylaxe“ oft von Mai bis Oktober – passieren die schlimmsten Havarien mit konstanter Bosheit im Januar und im Februar. Ganze Siedlungen bleiben nach Rohrbrüchen oft tagelang ohne Heizung, in den Wohnungen sinkt die Temperatur dann schnell bis auf minus fünf Grad. So, wie momentan im Waldai, einer Hügelkette nordwestlich von Moskau, wo selbst im Kreißsaal des einzigen noch arbeitenden Krankenhauses mit elektrischen Heizgeräten ganze vierzehn Grad erreicht wurden.

An dem Elend, das sogar Putin veranlasste, vorzeitig aus dem Skiurlaub in den Kreml zurückzujetten und den Provinzfürsten im Staatsfernsehen die Leviten zu lesen, ist jedoch nicht nur die Natur schuld. Der Präsident Kareliens, Sergej Katamandu, musste zerknirscht einräumen, dass die schlecht oder gar nicht bezahlten Belegschaften mehrerer Heizkraftwerke zwischen den Feiertagen an Neujahr und orthodoxem Christfest einfach sieben Tage am Stück blau gemacht hatten und unter den Kesseln das Feuer ausgehen ließen. Die Rohre froren zu, an den Heizkörpern bildeten sich Eiszapfen, was beim Wiederhochfahren der Kraftwerke zum Zusammenbruch führte.

Das droht zwar den Moskowitern nicht, doch dafür kämpft die Hauptstadt mit extremen Schneemassen. Zwar sind die größten Verwehungen beseitigt, doch die Bürgersteige sind spiegelglatt, weil die Stadtreinigung das teure Granulat verdünnt, was der finnische Hersteller ausdrücklich untersagt hat. Knochenbrüche sind auf dem besten Weg, Grippe-Erkrankungen vom ersten Platz der Krankenstatistik zu verdrängen.

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