Welt : Erwachsen geworden

Leonardo DiCaprio ist der bestbezahlte Schauspieler. Vier Gründe, warum der Romantiker von der Titanic heute so erfolgreich ist

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Immer freundlich, immer charmant. Leonardo DiCaprio, ein Charakterdarsteller, der seinen Charakter in der Öffentlichkeit niemals preisgeben will. Foto: AFP
Immer freundlich, immer charmant. Leonardo DiCaprio, ein Charakterdarsteller, der seinen Charakter in der Öffentlichkeit niemals...Foto: AFP

Bestbezahlter Schauspieler Hollywoods, das muss man erst einmal schaffen. Leonardo DiCaprio, längst mit Topgagen von 20 Millionen Dollar auf den ersten Plätzen der Schauspieler-Riege, hat in diesem Jahr mit geschätzt 77 Millionen Dollar Jahresverdienst seinen Konkurrenten Johnny Depp auf Platz zwei verwiesen – dank der Blockbuster-Erfolge von „Shutter Island“ und „Inception“. DiCaprio, mit eigener Produktionsfirma an den weltweiten Einspielergebnissen seiner Filme beteiligt, ist längst nicht mehr der süße Junge, der als Romeo in Baz Luhrmanns „Romeo und Julia“ allen Mädchen den Kopf verdrehte. Doch was macht ihn tatsächlich so einzigartig erfolgreich? Eine Suche nach den Gründen.

1. Der Titanic-Effekt

Da ist zunächst der frühe Ruhm, unerwartet, unwiederholbar. Der Film, der ihn zum weltweiten Teenie-Schwarm macht, die Rolle, der er seitdem zu entkommen versucht. Ähnlich wie Julia Roberts, die ihren Ruhm und ihre Höchstgagen vor allem ihrem Anfangserfolg von „Pretty Woman“ verdankt, ist auch Leonardo DiCaprio zunächst ein One-Hit- Wunder gewesen. Als Jack Dawson, der mittellose Künstler, der sich einen Platz im Unterdeck der Titanic erspielt hat und eine unmögliche Liaison mit der reichen, unglücklichen Rose (Kate Winslet) am Oberdeck beginnt und schließlich den Liebestod in den eisigen Fluten stirbt, wurde er in James Camerons Megablockbuster „Titanic“ schlagartig weltberühmt. Die sensible Künstlerseele, der sanfte Romantiker, der nicht nur Rose, sondern uns alle am Bug in Gedanken fliegen lehrt, dieses Image des weichen, zärtlichen Jungen hat „Leo“ verzweifelt versucht abzuschütteln, unter anderem auch mit Playboy-Geschichten, in denen verschiedene Models wie Gisele Bündchen, Kate Moss, Eva Herzigova und Anne Vyalitsyna kurze oder längere Rollen spielten. Lange vorbei die Zeiten, dass Leo sich, wie 2000 bei der Berlinale, heimlich durch den Hintereingang in den Berlinale-Palast schleicht, um der Hysterie seiner draußen wartenden Fans zu entkommen. Inzwischen ist der 36-Jährige ein gestandener Mann, der Öffentlichkeitskontakte mit ruhiger Professionalität erledigt. Doch es bleibt die Frage: Beruht Leonardo DiCaprios heutiger Ruhm immer noch auf dem Titanic-Effekt? Ist er wegen „Titanic“ das, was er heute ist – oder im Gegenteil gerade trotz des Films?

2. Der Star-Regisseur als Mentor

Leonardo DiCaprio hat schnell begriffen, dass er nach seinen ersten Erfolgen mit „Gilbert Grape“ (1993), „Romeo und Julia“ (1996) und „Titanic“ (1997) Substanz braucht – und hat dafür auf einen der anerkanntesten und besten Regisseure Hollywoods gesetzt: auf Martin Scorsese. Unter dessen Regie hat er in bislang vier Filmen gespielt, im monumentalen amerikanischen Gründungsmythos-Drama „Gangs of New York“ (2002), in „The Aviator“ (2004), dem an den Kinokassen ungerechterweise gefloppten Biopic über den legendären Filmproduzenten Howard Hughes, und in „The Departed“ (2006), dem Remake eines japanischen Yakuzi-Krimis im Mafia-Milieu von Boston. Auch für den Thriller „Shutter Island“ hat Scorsese wieder Leonardo DiCaprio als Protagonisten engagiert. Die Rolle des US-Marshalls Teddy Daniels, der auf einer Gefängnisinsel vor Boston nach einer verschwundenen Insassin fahnden soll und mehr und mehr in ein Netz von rätselhaften Ereignissen gerät, erfüllt DiCaprio wie gewohnt mit vollem Einsatz – und lobt in Interviews die einzigartige Zusammenarbeit, das fast blinde Vertrauen und Verstehen, das sich zwischen Scorsese und ihm inzwischen eingestellt habe. Scorsese, der sich nachhaltig für die Rettung des Filmerbes besonders der Stummzeit engagiert, hat seinem Ziehsohn den Weg in die Filmgeschichte geöffnet. Er wolle Filme machen, die man noch in Generationen schätzen kann, hat DiCaprio denn auch selbstbewusst zu Protokoll gegeben. Er ist auf dem besten Weg.

3. Erwachsen werden

Dass Leonardo DiCaprio heute als einer der „begabtesten Schauspieler seiner Generation“ (Tom Hanks) und eines der größten Talente Hollywoods gilt, hat sicher auch mit dem bewussten Reifungsprozess zu tun, den er vor den Augen der Kinoöffentlichkeit absolviert hat. Von Film zu Film ist spürbar, wie angestrengt DiCaprio wegwollte vom Image des unbekümmerten Glückskinds, das ihm seit „Titanic“ anzuhaften schien. Brutalität, Rücksichtslosigkeit, Testosteron prägen seine Rollen, der Körper ist muskelgestählt, das weiche Gesicht längst hart und maskenhaft geworden. Die Rolle des manischen Hochstaplers in Steven Spielbergs leichthändigem „Catch me if you can“ (2002) fiel so gesehen aus dem Rahmen. Ansonsten mag es DiCaprio hart, sei es als rachedurstiger Bandenboss („Gangs of New York“), verwegener Diamantenschmuggler („Blood Diamond“, 2006), korrupter Undercover-Cop („The Departed“) oder CIA-Agent im Einsatz im Irak („Body of Lies/Der Mann, der niemals lebte“, 2008). Doch die aufschlussreichste Performance war die des amerikanischen Mittelstandsmanns in Sam Mendes’ Yates-Verfilmung „Zeiten des Aufruhrs“ (2009). Erneut an der Seite von Kate Winslet spielt Leonardo DiCaprio einen aufstiegswilligen Angestellten im prüden Amerika der Fünfzigerjahre – getrieben von der eigenen Versagensangst und einem übergroßen Anpassungswillen, übersieht er, dass seine Frau neben ihm verkümmert und zugrunde geht. Ja, Leonardo DiCaprio ist erwachsen geworden, sieht man an dieser exzellenten Darstellung. Aber um welchen Preis.

4. Politisch korrekt

Soziales Engagement gehört zum Ruhm, das ist in Hollywood Gesetz. Leonardo DiCaprio hat sich auf den Umweltschutz verlegt. Ob über Tierschutz oder Biodiversität, Klimawandel, globale Erwärmung, Wasserschutz und Artensterben – DiCaprio dreht eigene Filme („Global Warning“, „Water Planet“), produziert andere („The 11th Hour“), unterstützt mit seiner Foundation Umweltorganisationen und tourt mit dem Thema auch gern über Festivals. Auch in der Wahl seiner Filmthemen – Diamantenschmuggel in Afrika, CIA-Einsatz im Irak – zeigt er politisches Bewusstsein. Doch der Funke will nicht recht überspringen. DiCaprio, der so gern seine deutschen Wurzeln und seine Anhänglichkeit an Großmutter Helene und Mutter Irmeline demonstriert, vermittelt in der Öffentlichkeit das Bild eines Musterknaben. Eines Mannes, der nichts falsch machen will, der nichts riskiert, der keine Blöße zeigt. Berüchtigt seine Interviews, in denen es ihm gelingt, ganze Takes nur mit Leerformeln und PR-Sätzen zu füllen. Die SZ hat ihn einmal „Mr. Roboter“ genannt. Die Vorliebe für gedeckte Farben, das höflich-freundliche Auftreten, die unbedingte Professionalität, die keine persönliche Farbe, keine Schwäche, keine Spontanität erlaubt – LeonardoDiCaprio verkörpert das seltsame Paradox eines Charakterdarstellers, der als Charakter nicht in Erscheinung treten will. Und der vielleicht gerade deshalb als perfekte Projektionsfläche funktioniert. Je weniger er preisgibt, desto mehr wird vermutet. Leonardo DiCaprio ist Schauspieler und nur Schauspieler, aber das sehr gut. Das ist das Geheimnis seines Erfolgs.

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