Welt : Es bleibt spannend bis zur letzten Minute

HEIDRUN HELWIG

Niemand kann sagen, wie das an diesem Donnerstag erwartete Urteil gegen Monika Böttcher lauten wirdVON HEIDRUN HELWIG GIESSEN.Sie spricht leise und mit tränenerstickter Stimme: "Ich hatte keinen Grund, meine Kinder zu töten.Wenn ich sie umgebracht hätte, würde ich nicht mehr leben.Ich habe Melanie und Karola, die den wichtigsten Platz in meinem Leben hatten, verloren.Dieser Schmerz wird mich mein Leben lang begleiten.Ich habe meine Kinder nicht getötet und bitte das Gericht, mir zu glauben." Kein Rascheln, kein Räuspern.Es ist still im Saal 207 des Landgerichts Gießen, als Monika Böttcher, geschiedene Weimar, nach 55 Verhandlungstagen im Wiederaufnahmeverfahren des Mordfalls Weimar das letzte Wort hat.Während des Prozesses hat sie von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht.Jetzt beteuert sie ihre Unschuld.Doch wird ihr das Gericht glauben? Wird es der Argumentation der Verteidigung folgen, und sie vom Vorwurf des Mordes an ihren beiden Töchtern freisprechen? Oder wird es die Überzeugung der Anklage teilen, die keine Zweifel an der Täterschaft der zierlichen, blonden Frau hat? An diesem Donnerstag wird vor der 2.Schwurgerichtskammer des Gießener Landgerichts das Urteil in einem der spektakulärsten Mordprozesse der Nachkriegsgeschichte erwartet.Wie es lauten wird, mag niemand vorauszusagen.Es bleibt spannend bis zur letzten Minute.Ein riesiges Medienaufgebot steht bereit, um in Presse, Fernsehen und Radio über das Urteil zu berichten.Viele Sender haben kurzfristig Sondersendungen angekündigt.ARD berichtet neben aktuellen Beiträgen um 21 Uhr in "Panorama", das ZDF um 21.15 Uhr. Rückblende: Ungewöhnliche Aufregung macht sich am Nachmittag in Röhrigshof-Nippe, einer kleinen Ortschaft in der Nähe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, breit.Es ist Montag, der 4.August 1986.Polizei, Bundesgrenzschutz, Freunde und Nachbarn suchen Melanie und Karola.Seit Mittag gelten die Kinder des Ehepaares Weimar als vermißt.Drei Tage später werden die schlimmsten Befürchtungen zur Gewißheit: Auf zwei Parkplätzen, wenige Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt, werden die Leichen der Mädchen entdeckt.Erstickt die eine, erwürgt die andere.Schon früh scheint klar, als Täter kommen nur Reinhard Weimar und seine Frau Monika in Frage.Die Ehe ist zerrüttet, die Mutter hat eine Beziehung zu dem US-Soldaten Kevin Pratt.Auf sie fällt zuerst der Verdacht, dann auf den Vater. Schließlich ist es doch Monika Weimar, die verhaftet wird.Im Januar 1988 verurteilt sie das Landgericht Fulda wegen Mordes zu lebenslanger Haft.Zwar räumen die Richter ein, daß das Motiv für die Tat nicht eindeutig geklärt wurde.Sie glauben es aber in der zur Tatzeit "deutlich gestörten Beziehung" zu Kevin Pratt erkennen zu können.Er drängte zur schnellen Scheidung, sie sah sich durch die bevorstehende Einschulung von Melanie daran gehindert.Widerstreitende Gefühle und die steigende streßerzeugende Belastung müßten sie dann zu der Überzeugung geführt haben, "sie könne sich mit ihren Taten auch ihrer Schwierigkeiten entledigen". Im Dezember 1995 erreicht der Hamburger Verteidiger Gerhard Strate die Wiederaufnahme des Verfahrens.Zwar hatte die zuständige Kammer des Landgerichts Gießen den Antrag zunächst als unbegründet zurückgewiesen, doch das Oberlandesgericht Frankfurt hob den Beschluß auf.Monika Böttcher, wie sie nach ihrer Scheidung wieder heißt, wird aus der Haft entlassen.Entscheidend dazu beigetragen hat ein neues Fasergutachten.Winzige Partikel einer gelben Bluse der heute 39jährigen befanden sich am T-Shirt der toten Melanie.Waren die Fuldaer Richter davon überzeugt, diese hätten sich gelöst, als die Mutter den Leichnam im Gebüsch ablegte, besagt das neue Gutachten, die Fasern könnten auch beim alltäglichen Kontakt übertragen worden sein.Zudem haben sich inzwischen mehrere Zeugen gemeldet, denen gegenüber sich Reinhard Weimar selbst der Tat bezichtigt haben soll.Am 5.Juni vergangenen Jahres wird das Wiederaufnahmeverfahren in Gießen eröffnet.Und: Die drei Berufsrichter, die zunächst den Wiederaufnahmeantrag zurückgewiesen hatten, werden nun gemeinsam mit zwei Schöffinnen das Urteil fällen. Zwei mögliche Tatabläufe stehen im Raum: Die Tag- und die Nachtversion.Erstere hatten die Fuldaer Richter ihrem Urteil zugrunde gelegt: Am Morgen des 4.August kundschaftet Monika Weimar einen geeigneten Tat- und Ablageplatz aus.Gegen 11.30 Uhr steigen die Mädchen zur Mutter in den Wagen.Sie fährt mit ihnen zu einem der späteren Fundorte.Dort tötet sie beide. Die Nachtversion hat Monika Böttcher geschildert: Sie kommt in der Nacht zum 4.August gegen 3 Uhr von einem Treffen mit Kevin Pratt nach Hause.Dort findet sie ihren Mann weinend am Bett der toten Mädchen.Sie ist verzweifelt, hat Schuldgefühle, glaubt sich wegen ihrer Beziehung zu einem anderen Mann mitschuldig.Sie verläßt das Zimmer und hört, wie ihr Mann wegfährt.Als er wieder kommt, fragt sie ihn, warum er das getan habe.Seine Antwort: "Jetzt kriegt keiner von uns die Kinder".Die Frage, ob die Kinder am Morgen des 4.August tatsächlich noch lebten, spielt im Wiederaufnahmeverfahren die zentrale Rolle.Vier Zeugen haben ausgesagt, die Kinder am Montag vormittag noch gesehen zu haben.Damit ist für die Anklage die Nachtversion widerlegt. Großes Medieninteresse hatte den Auftritt des Amerikaners Pratt vor dem Landgericht begleitet.Hatte er doch in einem Interview mit Spiegel-TV vermeintlich Interessantes zu erzählen.Die erwartete Sensation aber blieb aus."Sehr eindringlich hat er geschildert, daß er die Kinder geliebt hat.Daß er gemeinsam mit Monika Böttcher und ihnen leben wollte", sagt Verteidiger Strate.Und damit ist für die Verteidigung kein Tatmotiv mehr erkennbar. Mindestens vier der fünf Richter und Schöffinnen müssen sich einig sein: Einig über Freispruch oder Schuldspruch.

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