Welt : Es gibt doch Bier auf Hawaii

Der Klavierspieler des Jahres: Wie kaum ein zweiter prägte Paul Kuhn über Jahrzehnte die deutsche Unterhaltungsmusik. Heute wird er 75

Andreas Conrad

Ehrenbürger von Hawaii? Nein, das wird Paul Kuhn wohl nie werden. Nicht, dass sie dort nachtragend wären wegen der zahllosen Besucher, denen Paulchen mit seinem größten Hit die Reise zur Pazifikinsel vergräzt hat. Aber den traditionellen Blumenkranz einem Mann umzuhängen, der sich zu Unrecht lauthals beklagt: „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ – das ginge zu weit. Obwohl, zum heutigen 75. Geburtstag des Musikers hätte man eine Ausnahme machen sollen.

Spaß beiseite. Wenn es um Hawaii geht, ist Paul Kuhn gar nicht zum Lachen. Auch seine andere berühmte Bier-Arie entlockt ihm allenfalls noch ein müdes Lächeln: „Gebense dem Mann am Klavier noch’n Bier, noch’n Bier“. Wie Bill Ramsey haderte Paulchen … aber stop, auch diese populäre Namensvariante mag er nicht … wie Bill Ramsey also haderte Paul Kuhn lange Zeit mit dem Image, das durch seine bierseligen Schlagererfolge ein für allemal festgelegt schien. Und dabei wollte er doch wie „Pigalle“-Bill vor allem eines: Jazz.

Mancher denkt bei Paul Kuhn gleich an Berlin – zu Unrecht, denn er stammt ja aus Wiesbaden. Allenfalls Wahlberliner käme hin, für eine gloriose Zeit, bis der SFB 1980 aus Spargründen Kuhn Vertrag als Bandleader der SFB-Bigband nicht mehr verlängerte und man im Zorn voneinander schied. Und begonnen hatte ja auch alles in Berlin, 1936 zur Funkausstellung, als der Achtjährige erstmals auf der Bühne stand – mit Akkordeon. Sein Bruder soll ihn mit Jazz, damals als „artfremd“ verpönt, bekannt gemacht haben.

Nach dem Krieg hat sich die lange Zeit riskanter Liebe zum Swing bezahlt gemacht. Schon im besetzten Frankreich hatte Paul Kuhn als Truppenbetreuer gespielt, dabei blieb es, nun aber vor amerikanischen Soldaten. Er wurde herumgereicht, bis nach Berlin, erhielt als einziger Deutscher eine feste Anstellung beim Soldatensender AFN. In der legendären Femina-Bar in Berlin-Schöneberg feierte Kuhn auch seine ersten Erfolge. Dort bekam man normalerweise drei Mark die Stunde, der „Mann am Klavier“ und seine Combo bekamen achtzig – pro Person. „Wir waren die Könige von Berlin“, sollte er sich später an seine frühen Jahre erinnern.

Wie kaum ein zweiter prägte Kuhn über Jahrzehnte die deutsche Unterhaltungsmusik, als Komponist, Arrangeur, Musiker, Sänger, als Conferencier in Sendungen wie „Spiel mit Vieren“, „Hallo Paulchen“ und „Pauls Party“ – und seit 1968 als Dirigent und Arrangeur der SFB-Bigband. Mit dem Ausscheiden dort ging es mit der Karriere erst mal bergab. Mit der neuen Paul Kuhn Bigband ging er auf Tournee, versuchte sich wieder im Fernsehen, so 1989 in der ARD in einen achtteiligen Streifzug durch die deutsche Schlagergeschichte. In den letzten Jahren hat er zum Jazz zurückgefunden. Eine „Ikone der Unterhaltungsmusik und des Jazz“ wurde er gepriesen, als er vor wenigen Tagen auf der Frankfurter Musikmesse als „Klavierspieler des Jahres“ geehrt wurde. „Der Applaus ist das Brot des Künstlers“, hat er gesagt, „ich wollte aber gerne noch einen Belag darauf haben.“ Den hat er bekommen.

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