Welt : Es riecht nach Regen

Die ersten Tropfen fallen – ein Schauspiel fürs Publikum. Zu Besuch bei Bauern in Brandenburg

Kerstin Decker

Zuerst kommen die Schwimmwolken. Ganz in Weiß. Sehr gute Segler. Denn so ein Himmel, wissen wir seit sechs Wochen, ist auch nur ein Ozean. Blau, sehr tief und vor allem unendlich. Schwer zu sagen, ob David Barlow die Schwimmwolken sieht. Denn er ist nicht hier, um in die Luft zu gucken. Ein Bauer, der in die Luft guckt, ist alles, aber kein Bauer. Barlow ist ganz allein auf einem entmutigend großen Acker bei Joachimsthal, Schorfheide. Gleich nebenan in den Wäldern jagte einst der deutsche Kaiser und etwas später Erich Honecker. Seit Sonnabend früh schaut Barlow grundsätzlich nach unten. Barlow pflanzt Kartoffeln. Oder heißt das Kartoffeln-Legen? Stecken? Ausbringen? Säen keinesfalls. David Barlow weiß das auch nicht, denn er ist Amerikaner, er kann kein Deutsch. Und außerdem kommt er aus New York, Manhattan. Was weiß man in großen Städten schon von Kartoffeln?

Man könnte auch sagen: Barlow wirbelt Staub auf. Manche Brandenburger Bauern haben ihre Äcker mit der Wintersaat schon wieder umgepflügt, wegen der Trockenheit, und der pflanzt! Er hat einen schönen Strohhut auf und trägt die Keimlinge in einem Tuch vorm Bauch wie vor einhundert Jahren. Staubgelegt in ein Trockengrab? Der Mann kriegt bestimmt eine Staublunge, wenn er so weitermacht. Noch glaubt hier kein Mensch an Regen. Und die weißen Schwimmwolken sind auch schon wieder weg.

Richtige Erde ist feucht. Und sie riecht. Nichts riecht so gut wie Erde und niemand konnte diesen Geruch besser beschreiben als der Nicht-Bauer Rainer Maria Rilke. Ein Geruch, „der nicht geringer ist als der Geruch des Meeres, bitter, wo er an Geschmack grenzt, und mehr als honigsüß dort, wo man meint, dass er an die ersten Töne stoßen müsse. Tiefe in sich enthaltend, Dunkelheit, Grab beinah, und doch auch wieder Wind, Teer und Terpentin und Ceylontee.“

Aber es riecht nicht nach Grab, Wind, Terpentin und Ceylontee. Es riecht nach gar nichts. Man nennt das auch die Versteppung Brandenburgs. Es gibt nicht nur die globale Klimakatastrophe, es gibt sie auch lokal. In den letzten vierzig Jahren soll sich Brandenburg um 1,5 Grad erwärmt haben. Die Schaulustigen am Feldrand genießen das. Manche sitzen sogar auf Picknick-Decken und sehen abwechselnd auf den arbeitenden Mann mit Hut im Feld und in den wieder blankgefegten durchsichtigen Himmel. Einer arbeitet, alle gucken zu. Das ist keine Unmenschlichkeit, sondern Absicht. Denn einerseits arbeitet David Barlow wirklich, fünf Tage in der Woche, zehn Stunden – andererseits ist das hier eine Inszenierung. Eine Performance (Idee: David Levin). Arbeit als Attraktion! Sagen nicht viele, wenn das so weitergeht mit der Trockenheit, könnte es bald überhaupt vorbei sein mit der Landwirtschaft in Brandenburg? Für viele Brandenburger ist es schon seit dem Ende der DDR und der LPGen vorbei mit der Landwirtschaft. Nach dem Leben kommt die Kunst. Arbeit als Attraktion eben (noch drei Wochen, von Mittwoch bis Sonntag). Barlow ist in Wirklichkeit Schauspieler. Wie man eine Kartoffel hält und eine Hacke, hat er noch in Manhattan geübt. Das ist Landart, Bauerntheater!, sagt die Britin Sarah Philipps. Sie wohnt gleich nebenan, im historischen Wasserturm von Joachimsthal. Irgendwann sind sie und ihr Mann, der Möbeldesigner Richard Hunting, hier vorbeigefahren, haben von der Autobahn aus den Turm auf dem Hügel gesehen und gedacht: Da wollen wir wohnen! Und das machen sie jetzt. Keiner hat einen besseren Überblick über Brandenburg als Sarah Philipps und Richard Hunting: zwei Seen und die Schorfheide. Und in der Ferne, wenn die Luft so schön trocken und klar ist wie jetzt, erkennt man sogar den Berliner Fernsehturm. Die Versteppung Brandenburgs hat einen Vorteil. Man sieht sie gar nicht, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Grüner können die Bäume nicht sein und rapsgelber nicht der Raps vor dem tiefblauen Himmel. Der Möbeldesigner spricht nun über das Wesen der Frühkartoffel. Er ist ganz sicher, dass sie ernten werden. Es stört ihn und seine Frau nicht, dass von Mittwoch bis Sonntag öfter mal jemand an ihrem Wohnzimmer vorbei die Treppe hochsteigt, um von der neuen Aussichtsplattform runterzugucken. Der Regen soll von Nordwesten kommen. Nirgends lässt sich seine Ankunft besser beobachten als hier und zugleich kontrollieren, ob Barlow da unten auch gut arbeitet. Neue Wolken schwimmen heran. Sie haben schon dicke graue Bäuche, aber Sonnenränder. Und dann geschieht das Unfassbare. Für einen Moment ist die Sonne weg. Seit Wochen zum ersten Mal. Solche Verdüsterungen der Welt sind wir nicht mehr gewohnt. Haben wir inzwischen, nach so vielen Wochen, nicht ein Gewohnheitsrecht auf einen sauberen, blank gefegten Himmel? Und gut sichtbare Sonnenauf- und -untergänge?

Der Acker, auf dem Barlow vergräbt, woraus einmal Kartoffeln werden sollen, gehört Otto Melzow. Melzow ist in Joachimsthal geboren und wird hier sterben genau wie seine Eltern vor ihm, sagt er. Aber ob man Kartoffeln nun ausbringt oder pflanzt oder legt, darüber muss er einen Augenblick nachdenken. Legen, entscheidet er sich, natürlich legen. Er ist noch nicht sicher, was er von diesem Amerikaner auf seinem Feld halten soll, auf dem er eigentlich Mais pflanzen wollte. Aber bei der Trockenheit ist das eh egal. Melzow glaubt auch noch nicht an den Regen. Einerseits, weil ein Bauer nur glaubt, was er sieht, und andererseits, weil er ein moderner Bauer ist. Wenn er wissen will, ob es regnet, schaut er nicht in den Himmel, sondern ins Internet. Nicht vor Montagnachmittag, sagt er, wenn überhaupt! Seine Maiskörner liegen schon seit zehn Tagen trocken in der Erde.

Er wollte längst eine Beregnungsanlage für seine Felder kaufen und das Wasser dafür aus dem Grimnitzsee entnehmen. Aber doch nicht bei dieser Trockenheit!, antwortete ihm das zuständige Amt in Eberswalde. Es meinte, der Wasserstand des Sees sei zu niedrig. Melzow stöhnt. Manchmal kommt er sich vor wie früher in der DDR. Melzow: Marx war die Theorie, Murx war die Praxis. Und unfrei fühlt er sich noch immer. Keinen Schritt kann er machen, ohne an eine Vorschrift zu stoßen. Er darf auch keine Ferienhäuser auf seine Uferwiese bauen, weil das eine Feuchtwiese ist. Oder war. Jetzt jedenfalls ist das eine Trockenwiese. Melzow, noch der einzige Milchproduzent weit und breit, will aber vermieten, denn Urlauber haben einen großen Vorzug: Sie freuen sich grundsätzlich, wenn es nicht regnet!

Der Landwirt schaut skeptisch in den Sonnenuntergang. Ob und wann es regnet, entscheidet allein der liebe Gott, findet Melzow und meint das durchaus ernst. Die wichtigsten Dinge haben wir eben nicht in der Hand. Und das sind ziemlich viele. Ein Bauer weiß das. Dabei versinkt die Sonne zum ersten Mal nicht wie ein roter Ball in den Tropen, sondern gut mitteleuropäisch versteckt in Dunst und Wolken.

Viel später in der Nacht kann man Gott anderswo schon riechen. Denn Regen riecht nach Erde. Perfekter steingrauer Grabplattenhimmel am Morgen. Aber vorerst fallen nur ein paar Tropfen auf Joachimsthal. Das wird noch. Die dümmsten Bauern haben die größten Kartoffeln? Keine schlechten Aussichten für Barlows potatoes. Und für Melzows Mais auch.

Vorstellungen: noch den ganzen Mai, Mittwoch bis Sonntag 11 bis 18 Uhr. Adresse: biorama-Projekt, Am Wasserturm, Töpferstraße, 16247 Joachimsthal

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