Europäische Kulturhauptstadt : Die neue Marseillaise

Erst kam der TGV aus Paris, dann die Billigflieger - und nun auch noch die Kultur. Museen und Hotels werden gebaut, der Hafen wird umgekrempelt. Und die Marseiller fragen sich: Ist das noch unsere Stadt?

Mika Biermann
Der Alte Hafen von Marseille
Der Alte Hafen von MarseilleFoto: imagebroker / vario images

Er sagt: Es ist wie bei einer Mayonnaise. Die Zutaten sind in der Schüssel, jetzt wird gerührt, ob sie steif wird, weiß man nicht.

Der so redet, ist kein Küchenchef. Es ist Laurent, ein Künstler aus Marseille, und er redet von seiner Stadt.

Marseille erwacht aus dem Dornröschenschlaf, wischt sich die Augen und sieht Baukräne überall. Waren wir nicht die ärmste, billigste, verrufenste Stadt Frankreichs? Es gab wunderbare Elendsviertel mit wunderbaren Schießereien. In der Innenstadt verbrannten Penner Sperrmüll, um sich die Hände zu wärmen. Im Rotlichtviertel an der Joliette war nicht gut Kirschen essen. Fremde wurden in der Altstadt mit Stahlkugeln aus der Schleuder beschossen. Die dicken Docker streikten das ganze Jahr, die Fremdenlegionäre grapschten nach Frauenhintern, eine Sechs-Zimmer-Wohnung an der prachtlosen Prachtstraße La Canebière konnte sich ein Student leisten. Olympique Marseille schied im Landesmeisterpokal in der ersten Runde gegen Juventus Turin aus. Die gute alte Zeit, gerade mal 40 Jahre her. Die Bouillabaisse war dick wie Sahne, der Wein hatte kein Etikett, man war unter sich, trotzig, stolz, mit Akzent und Matrosenhemd.

Die ersten Japaner, die aus einem Reisebus am Alten Hafen kletterten, wurden von den Kindern bestaunt wie Außerirdische, die erste Touristenbimmelbahn bewarfen Anwohner mit Eiern und Tomaten. Dann gewann der Fußballverein den Europapokal. In der Bouillabaisse war Wasser, im Wein zuviel Schwefel. Die gute alte Zeit, gerade mal 20 Jahre her. Der Pastis kostete ein paar Pfennig, die Müllabfuhr streikte dreimal im Jahr, es stank so schön zum Himmel, man war unter sich, war der gemütliche Loser, der in der Sonne hockte.

Die gute Fee der Moderne hatte ihren Zauberstab dabei. Neun Stunden Zugfahrt von Paris bis Marseille? Zu lang. So wurde der TGV gebaut, gerade mal drei Stunden zwischen Haupt- und Hafenstadt. Pariser kauften plötzlich Wochenendvillen an der Uferstraße. Marseille gehörte zu Frankreich, ob es wollte oder nicht. Um die Rebellen in die Grande Nation einzugemeinden, hatte der Sonnenkönig noch mit einem Heer eine Bresche in die Stadtmauer hauen müssen. Der Anbau eines Billigflughafens war ähnlich wirksam. Jetzt kann man Marseille national und international bequem ansteuern.

Bloß: Warum in aller Welt sollte man das tun? Nur wegen des schönen Wetters? Also schlug die Fee noch zweimal zu: „Euromediterrannée“, das größte urbane Stadtrenovierungsprojekt Europas, wurde aus der Taufe gehoben. Bis 2030 werden 480 Hektar Hafen umgekrempelt. Und: Marseille gewann die Kandidatur für die Kulturhauptstadt Europas 2013. Nehmt es hin, dass ihr eine Zukunft habt, sagte die Fee und verschwand wieder in der Versenkung

Die Einwohner sind leicht benommen vom Weckruf. Erst die neue Straßenbahn, nun gut, aber jetzt Museen, Wolkenkratzer, Touristen? Da bestellt man sich erst mal einen doppelten Kaffee – und stellt fest, dass sich auch der Preis verdoppelt hat. Könnte man doch bloß weiterschlafen. „Hätte ich’s gewusst, wäre ich heute morgen im Bett geblieben“, ist hier ein Sprichwort. Aber hinter den Fensterläden ragen die Baukräne in den Himmel, Presslufthämmer knattern verbittert. Das wird nie was, stöhnt der Ureinwohner. Warum all das, jammert er. Die Marseiller waren schon immer weinerliche Rabauken.

Am Dock J4 direkt neben der alten Festung von König René ist der Wald der Kräne besonders dicht. Hier wächst ein Prestigeobjekt des Kulturjahrs aus dem Boden: das MUCEM, das Museum für Europäische- und Mittelmeerzivilisationen. Kein kleiner Anspruch für das erste Nationalmuseum außerhalb der Metropole Paris. Keiner weiß, was sich hinter dem schönen Namen verbirgt. Keiner weiß, dass der Architekt Ricciotti es wie Brüsseler Spitze aussehen lassen will. Keiner weiß, wer das alles finanziert. Aber jeder sieht, dass dort gewaltige Träger durch die Luft schweben, dass dort etwas gedeiht, was man nicht wieder ungeschehen machen kann. Direkt daneben wird das CeReM zusammengeschweißt, das Regionalzentrum des Mittelmeers. Eine Fähre aus Tunesien läuft ein, die neobyzantinische Kathedrale hinten scheint zu schrumpfen, überragt vom ersten Wolkenkratzer der Stadt, ein Schiff aus Glas, das sich die drittgrößte Containerreederei der Welt hier baut. Die eine Hälfte der Marseiller möchte ihn wieder einreißen, die andere versteht, dass Wandel nicht ohne Symbole auskommt. Was die Fertigstellung des geheimnisvollen MUCEM zum Liefertermin 2013 angeht, stehen die Wetten in den Kneipen eins zu acht dagegen. Beim Bau der Pyramiden standen sie wahrscheinlich ähnlich schlecht.

Die beiden Damen im Touristenoffice raufen sich das falschblonde Haar, ihr Telefon läuft heiß. „Eine Führung durch das Museum von Cantini auf Englisch! Was heißt das, du kannst kein Englisch? Keine 14-Meter-Busse zur Kirche hoch, habe ich gesagt, die kommen nicht durch die Kurve. Nein, es gibt keinen Parkplatz am Alten Hafen, das muss der Fahrer begreifen. Ach so, der kann kein Französisch?“

Die Rechnung ist einfach: wenn drei Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig am neuen Pier anlegen, sind das 12 000 Touristen, macht 240 Busse, in einer Innenstadt, in der man die historischen Bauwerke an einer Hand abzählen kann. Ein steckengebliebener Bus in einer Gasse reicht, damit sich der Verkehr bis Avignon staut. Am Fuß der Bonne Mère, der Mosaikkirche auf dem Hügel, ist das Durcheinander unbeschreiblich: Polizisten befehlen Unmögliches, Busfahrer werden zu Philosophen, Stadtführern weicht der Kragen durch, die Madonna auf dem Kirchturm hält ihr Kind so hoch wie möglich über das Gewimmel der Reisegruppen.

Marseille wird attraktiv. Wer hätte das gedacht? Rund vier Millionen Touristen haben letzten Sommer die Stadt besucht. Vor zehn Jahren waren es nur ein paar hunderttausend. Es mangelt an vielem: kein Campingplatz, nicht genügend Hotels, kaum Herbergen. Ein Krankenhaus aus dem 18. Jahrhundert wird jetzt zu einem Vier-Sterne-Hotel umgebaut, mitten im populären Viertel Le Panier. Die Künstler der Stadt hatten sich dort eine neue Hochschule erträumt. Oder wenigstens ein Museum. Aber die Touristen müssen ja irgendwo schlafen. An die Mauer hatte jemand gesprüht: Traum der Reichen, Albtraum der Armen. Der Spruch ist überstrichen worden. Man plant jetzt, Touristen bei den Einwohnern unterzubringen, auch in den armen Nordvierteln, auch in arabischen, armenischen, komorianischen Familien. Treffen der Kulturen an der Basis. 2013 werden zehn Millionen Besucher erwartet.

Der alte rechte Bürgermeister klammert sich an seinen Sessel, die linke Opposition ist in Skandale verstrickt, die Politiker haben andere Sorgen, als diesen Turm von Babel zu organisieren, den sie so gewollt haben. In Reden wird die Kulturhauptstadt weiter beschworen, unter der Hand klagt man über das Chaos, das man sich eingebrockt hat. „Kultur IST Chaos“, sagt Laurent, der als Künstler mit Gummibändern arbeitet, die er spannt, entspannt, in Installationen, Performances, Zeichnungen verwandelt. „Auf dem Kompost wachsen die schönsten Pilze.“

Die Industrie hat schnell begriffen, welches Potenzial im Projekt steckt. Der Präsident des gemeinnützigen Vereins „Marseille-Provence 2013“, der die Kulturhauptstadt ins Rollen bringen soll, ist gleichzeitig der Vorsitzende der Industrie- und Handelskammer. Hundert Firmen werden hundert Künstlern Workshops in ihren Gebäuden finanzieren. Ein Kunstwanderweg von 200 Kilometern Länge wird angelegt, dreizehn verrückte Küchenwagen werden Stadt und Land bekochen. Alle sollen mitmachen. Beteiligung heißt das Zauberwort. Der Kulturbegriff muss erweitert werden, auch dazu dient die Dynamik Kulturhauptstadt: nicht ein vertikales Gerüst, sondern eine bunte Wolke. Die Politiker haben Angst vor einem Gewitter, die Künstler bepflanzen den Garten in der Hoffnung auf Wasser, die Bevölkerung sucht nach ihren Regenschirmen.

Wenn das Boot schwankt, heißt das nicht, dass es sinkt – vielleicht hat es nur Fahrt aufgenommen. Laurent will nicht in dem Rummel mitmischen. Er will allerdings 2013 auch nicht die Stadt verlassen, wie andere Künstler es angekündigt haben. Vielleicht bringt er sich beim „Off“ ein, einem trotzigen Alternativfestival, bislang ohne Ort, Geld und Zukunft, dessen selbsternannter Leiter kürzlich an alkoholisch bedingtem Pankreasversagen verstarb. Laurent sieht all das gelassen. „On verra“, sagt er. Wir werden sehen.

Die Gelassenheit teilt er mit Ulrich Fuchs, Vize-Intendant des Vereins Marseille-Provence 2013, der den gleichen Job schon 2009 gemacht hat, als Linz Kulturhauptstadt war. „Skepsis ist normal“, sagt er. „Wenn der Countdown läuft, werden die Leute schon entdecken, was sie erwartet. Das war in Linz genauso.“

Die Leute erwartet viel, zumindest auf dem Papier. Am 20. Januar, ein Jahr vor der Eröffnung, wird das vorläufige Programm verkündet: 400 Veranstaltungen, 60 Ausstellungen, Straßentheater, Wanderungen, Musik, Tanz, Zirkus, Feuerwerke, ein Viehtrieb. Ein Viehtrieb? Ein Viehtrieb. Tausende von Pferden, Hunderte von Schafen aus Italien, Marokko und der Carmargue sollen nach Marseille ziehen, begleitet von Cowboys und Schäfern, einer Theatertruppe und Touristen. „Und wer räumt den Mist weg?“, fragt der Marseiller als erstes. Aber irgendwie ist er jetzt doch neugierig geworden.

„Kulturhauptstadt ist keine Auszeichnung, sondern ein Stipendium. Einer der Gründe, wieso Marseille statt Lyon oder Bordeaux den Zuschlag bekommen hat: Die Stadt hat es von allen am nötigsten.“ Fuchs erklärt gut, er sagt, dass das Projekt eine ganze Region angeht, von Arles über Martigues bis Aix-en-Provence, nicht allein Marseille. Dass die Alltagskultur hier mit der Hochkultur tanzen darf und soll, dass die Stadt zum kulturellen Gelenk zwischen Europa und dem ganzen Mittelmeer werden könnte.

Fuchs’ 70 Mitarbeiter sitzen im „Maison Diamantée“, früher das verstaubte Stadtgeschichtemuseum, und versuchen, etwas in den Griff zu bekommen, das keinen festen Umriss hat und haben kann: Kultur. In der ganzen Stadt und im Land, in Vereinen und Gremien, Kneipen und Hinterzimmern werden Projekte geschmiedet und verworfen, rauchen Computer und Hirne, wird mit Zahlen jongliert und Geld ausgegeben, das bis jetzt noch keiner hat. Ganz unten im Sumpf regt sich langsam was, das nicht von schlechten Eltern ist. Man denkt an Ameisen, die sich daran machen, einen großen Käse wegzutragen. Auf allen Ebenen wird nach dem Hebel gesucht, mit dem man das Ding bewegen kann.

Vielleicht ist es in erster Linie eine Frage der Aufmerksamkeit. Kultur wird zur Kunst und umgekehrt, wenn man Aufmerksamkeit darauf richtet, so wie ein Flaschenständer in einem Museum. Das Kulturjahr dient dazu, die Aufmerksamkeit zu bündeln. Die der Beteiligten, der Touristen, der Schmoller, der Enthusiasten, der Skeptiker, und im besten Fall der Welt. Auf die Stadt, auf ihre unendlichen Möglichkeiten, auf ihre lächerlichen Unzulänglichkeiten. „Wenn das kulturelle Treiben nach dem Jahr 2013 nicht wieder auf den alten Stand zurücksetzt, ist es schon ein Erfolg“, meint Fuchs.

Es ist wie ein leises Geräusch, das immer lauter wird und am Ende eine Melodie ergeben soll. Und deshalb scheint es logisch und richtig, die Kulturhauptstadt am 13. Januar 2013 um 20 Uhr 13 mit Höllenkrach einzuläuten: Schiffshörner, Feuerwehrsirenen, Kirchenglocken, Hupen, Kochgeschirr, Trompeten, Megafone, Geschrei, Gesang: So weckt man eine Stadt, die die Augen schon auf hat. Marseille, Hauptstadt der Kultur? On verra.

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