Eurovision Song Contest : Der Osten rockt den Grand Prix

Die Musik spielt in Osteuropa - zumindest beim Eurovision Song Contest 2007. Die westliche Grand-Prix-Gemeinde, allen voran DJ Bobo, ärgert sich über die zunehmende Ostblock-Dominanz.

Helsinki - Mit hymnischen Gesängen, Ethno-Getrommel, Opern-Klängen und treibenden Beats zeigen die osteuropäischen Kandidaten den Westlern, was modernen Pop ausmacht: Die Vermischung von folkloristischen Elementen mit aktuellem Sound und der Mut zum Besonderen. Nach dem Halbfinale, bei dem sich neun osteuropäische Länder und die Türkei für das Finale am Samstag qualifizierten, ging ein Aufschrei durch die westliche Grand-Prix-Gemeinde. "Wir können das Ding bald in East Eurovision Song Contest umbenennen", meinte ein erbostes Delegationsmitglied aus den Niederlanden in der Nacht zu Freitag - immerhin kommen nun 15 der 24 Finalteilnehmer aus Osteuropa.

Allen voran schimpfte der Schweizer Popstar DJ Bobo, der gegen die Übermacht aus dem Osten nicht ankam und ausschied: "Wir wurden alle abgewatscht, die westlichen Länder - durch die Bank." Die einhellige Meinung vieler westlicher Grand-Prix-Beobachter: Die befreundeten Staaten des ehemaligen Ostblocks schieben sich gegenseitig die Punkte zu - die Westler gucken in die Röhre.

Politisches Kalkul bei Punktevergabe sei ein Mythos

Doch die gezielte Punkteverschieberei aus Freundschaft oder politischem Kalkül sei schlicht eine Legende, sagt der Hannoveraner Grand-Prix-Experte Irving Wolther, der in seiner Doktorarbeit die kulturelle Bedeutung des Wettbewerbs untersucht hat. "Natürlich gehören die Länder des Balkans oder des Baltikums zu einem gemeinsamen Kulturkreis und haben einen ähnlichen Musikgeschmack. Außerdem sind die Künstler in den Nachbarstaaten oft ebenso bekannt." So komme es, dass ein guter Künstler aus Lettland häufig viele Punkte aus Litauen und Estland bekomme. Das ist aber keineswegs ein Automatismus: So blieben im Halbfinale beispielsweise Montenegro und Kroatien auf der Strecke - obwohl sie so viele "Freunde" haben.

Britische Musikexperten betonten, dass sich vor allem gute, ungewöhnliche und ethnisch orientierte Musik gegen westlichen Mainstream-Pop durchgesetzt habe. Die Künstler aus dem Osten seien häufig authentischer, viele singen in ihrer Muttersprache. Genau diese Vielfalt möchte der Eurovision Song Contest eigentlich zeigen. Denn diejenigen, die jetzt die Ost-Invasion kritisieren, haben zuvor jahrelang über den Pop-Einheitsbrei beim Contest geschimpft.

DJ Bobo ärgert sich über befreundeten Ostblock

Doch musikalische Argumente lassen Kritiker wie DJ Bobo nicht gelten. "Die Musik ist total egal gewesen. Du hättest auch die türkische Flagge auf die Bühne legen können, drei Minuten lang. Dann hätte das auch geklappt", sagt er - räumt aber auch ein: "Ich war nicht optimal drauf, habe nicht 100 Prozent abgerufen. Daran hat es auch gelegen", sagte er zur Performance seines Songs "Vampires Are Alive" - einer altbekannten Dance-Pop-Nummer aus der Bobo-Kiste.

In Wirklichkeit war vermutlich das der Hauptgrund für das Ausscheiden. Denn die Qualität der Mehrzahl der 24 Finalteilnehmer ist hoch, so hoch wie selten beim Grand Prix. Die Ausgeschiedenen haben häufig verdient verloren. "Da ist kein großer Verlust dabei", meint beispielsweise Peter Urban, die deutsche Stimme des Grand Prix. Er wird das Finale am Samstag ab 21 Uhr live im Ersten kommentieren.

Ein Finale, bei dem es keinen klaren Favoriten gibt, aber einen absoluten Publikumsliebling aus der Spaßfraktion: Verka Serduchka nimmt sich selbst, die Fans und den gesamten Wettbewerb auf den Arm. Die schrille Person - eine Art Dame Edna auf Speed, verkörpert von dem Künstler Andrei Nikoli - mit dem riesigen Glitzerstern auf dem Kopf und viel Rouge auf den Wangen ist frech, wild und urkomisch. Sein Trash-Song "Dancing Lasha Tumbai", eine Art Polka-Rock mit Blödeltext ("Sieben, sieben, Ai lyu lyu, sieben, sieben, eins, zwei, drei - Dance") bringt Stimmung in jeden Saal. Und mit der Skandal trächtigen Refrainzeile "Russia good bye" - oder ist es doch "Lasha Tumbai"? - dürfte er bei Menschen aus ehemaligen Ostblockländern vielfach auf Sympathie stoßen.

Roger Ciceros Swing chancenlos bei Oststaaten

Das Gegenstück liefert Roger Cicero: Er macht einfach nur gute Musik ohne Schnörkel, wie seine internationalen Musikerkollegen respektvoll bestätigen - aber auch ohne Kracher. Vor einer Bühnenkulisse im Las-Vegas-Stil will er am Samstag die rund 100 Millionen Fernsehzuschauer mit seinem Swing-Song "Frauen regier'n die Welt" überzeugen. Was nicht ganz einfach sein wird, wie Experte Wolther befürchtet. "Dafür kann man quasi ein Lineal auf die Europakarte legen, von Skandinavien bis nach Italien. Alles links davon kennt und mag Swing oder Jazz; das sind die Länder, die seit den 50er Jahren von der amerikanischen Pop-Kultur beeinflusst sind. Rechts davon, also im Osten, können die meisten Menschen mit Swing nur wenig anfangen."

(Von Patrick T. Neumann, dpa)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben