Eurovision Song Contest : Musikalische Friedensbotschaft

Israel schickt ein jüdisch-arabisches Gesangsduo zum Eurovision Song Contest. Die befreundeten Künstlerinnen sehen sich als Friedensbotschafter. Kritiker nennen die Sängerinnen von "There must be another way" Marionetten.

Andrea Nüsse
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Die Sängerinnen Achinoam Nini (links) and Mira Awad. „Ich weine für uns beide“, singen sie in Moskau. - Foto: dpa

Berlin - Politische Texte sind beim Wettbewerb verboten. Dennoch wird der israelische Beitrag beim internationalen Schlagerwettbewerb in diesem Jahr hochpolitisch sein. Das Duo Achinoam Nini und Mira Awad ist im Kontext des Nahostkonfliktes an sich ein Politikum: Die 39-jährige Nini ist Jüdin, die 33-jährige Awad ist Araberin. Damit vertritt erstmals eine israelische Araberin Israel bei dem internationalen Wettbewerb.

Das Verwirrende: Die Jüdin Nini, die unter ihrem Künstlernamen Noa eine der international bekanntesten Sängerinnen Israels ist, sieht arabisch aus mit ihrer dunklen Hautfarbe, den schwarzen lockigen Haaren. Die Araberin Awad dagegen, mit heller Haut und grünen Augen, wird auf den ersten Blick sicher von den meisten Zuschauern für die jüdische Israelin gehalten werden. Doch damit wollen die beiden befreundeten Sängerinnen auch spielen: „Einige Leute werden ein arabisches Mädchen sehen, das jüdisch aussieht, und ein jüdisches Mädchen, das arabisch aussieht. Vielleicht wird das manche Leute zum Nachdenken bringen“, hofft Nini. Ihre Eltern stammen aus dem Jemen, sie ist größtenteils in den USA aufgewachsen und kehrte mit 17 nach Israel zurück. Das Lied „Einaiych“ („Deine Augen“), das auf Hebräisch, Arabisch und Englisch gesungen wird, stellt denn auch das Gemeinsame in den Vordergrund: „Ich weine für uns beide“, heißt es und „Mein Schmerz hat keinen Namen“. Optimistisch lautet der Refrain: „Es muss einen anderen Weg geben.“ So auch der übersetzte englische Titel.

Doch der Auftritt der beiden Sängerinnen ist in Israel umstritten. Ausgerechnet friedensbewegte israelische Künstler forderten die christliche Araberin Awad, die aus einer palästinensisch-bulgarischen Familie in Nordisrael stammt und in Tel Aviv lebt, auf, sich nicht als Marionette benutzen zu lassen. Der gemeinsame Auftritt gaukle der Welt vor, dass es eine jüdisch-arabische Koexistenz gebe, während die israelische Regierung täglich palästinensische Zivilisten massakriere. Die Entscheidung, Nini zur Eurovision zu schicken, fiel am zweiten Tag des Gazakriegs, in dem die israelische Armee insgesamt etwa 1300 Palästinenser tötete. Nini schlug vor, gemeinsam mit ihrer Freundin Awad aufzutreten.

Awad, die in Israel als Sängerin und Schauspielerin bekannt ist, lässt sich nicht beirren. Es sei wichtig für sie, „nicht zurück in die Ecke zu gehen und zu verschwinden“, sagt Awad im Hinblick auf die Situation der etwa 1,7 Millionen arabischen Israelis, die gesellschaftlich und politisch völlig an den Rand gedrängt sind. Formal sind sie zwar gleichberechtigt, de facto leiden sie aber unter Diskriminierung. Die neue israelische Regierung will sie zwingen, dem jüdischen Staat ihre Loyalität zu schwören. Nini und Awad bezeugen da lieber öffentlich ihre Freundschaft und ihren gemeinsamen Schmerz.

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