Welt : Expo 2000: Political Correctness (Glosse)

Arne Boecker

"Kalaallit Kulturiannik atisanillu isiginnaartitsineq" verspricht das Convention Center für 16 Uhr, was - wie jeder Tagesspiegel-Leser zwischen Köpenick, Tempelhof und Mitte weiß - nichts anderes heißt als: "Grönländische Kultur- und Modeshow" auf der Expo 2000. Auf dem Weg blättere ich ein wenig in der Einladung und lese, dass die "Stylistin Charline Skovgaard Voigt zusammen mit dem Pelzunternehmen A. Koppel & Co. zahlreiche Unikate aus grönländischem Robbenfell" hergestellt hat, die in der Schau "eine ganz besondere Rolle spielen". Farben, Perlen und Kristalle würden verwendet, schreiben PR-Experten (von denen anscheinend auch Grönland nicht verschont bleibt), die "das natürliche Muster des Fells auf völlig neue, provozierende Weise" ergänzen. "Provozierend"...hmmm...soso.

Der Schritt stockt, erstmal auf die Exponale-Treppe setzen. Einerseits: Sehen ja attraktiv aus, diese eisgekühlten Models in dem Prospekt! Andererseits: "Farben, die Felle auf provoziernde Weise ergänzen" - meint das etwa auch ein todschickes Leuchtendrot? Einerseits: "Man fängt die Robben nicht um ihres Felles wegen, sondern um etwas zu essen zu haben. Die Felle werden traditionell zu Bekleidung verarbeitet, da sie selbst bei minus 50 Grad warm halten" (Prospekt). Andererseits: Wenn es auf der "zweitgrößten Eismasse der Erde" schon PR-Agenturen gibt, werden die meisten Grönländer wohl kaum ausschließlich auf Robbenfleisch und -pelze angewiesen sein.

Huch, wie spät haben wir es eigentlich? Gleich fünf - "Kalaallit Kulturiannik atisanillu isiginnaartitsineq" ist vorbei! Muss wohl eingenickt sein auf den Steinstufen. Den Seinen gibt der Herr political correctness im Schlaf.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben