Welt : Expo 2000: Zu Besuch in der Ausstellung "Wasser in der Stadt"

Insa Lüdtke

Mein Gegenüber zählt sich in Gedanken durch das Alphabet. "Stopp!", sage ich. "S" ist seine Vorgabe für "Stadt, Land, Fluss". Spandau, Stralau, Spree? Das fragt, wer die Ausstellung "Wasser in der Stadt" im Rahmen der Expo 2000 besuchte. Bis zum 31. Oktober präsentiert die Wasserstadt GmbH in der Rummelsburger Bucht Berlins vielleicht schönste Seiten - am Wasser.

In der ehemaligen Werkstatt der Glashütte Stralau kleben Folien auf den Fenstern, der Raum taucht in tiefes Blau, es plätschert und rauscht. Die Wasserwelt von Architekt Jürg Steiner erinnert an die Quelle des Berliner Städtebaus: an die Ausläufer von 200 Kilometern Spree, Havel und Dahme, an 600 Kilometer lange Ufer und an 50 Seen. Ist Berlin aber wirklich eine "Wasserstadt"? Werden dabei nicht eher Bilder von Venedig, Amsterdam oder Hamburg wach? Wie ist es möglich, dass die Berliner Waterkant im Geiste auf dem Trockendeck liegt?

Dabei ist Wasser die Quelle des Lebens - auch für Städte: Wasser war Transportweg, lieferte Energie durch Mühlen und stiftete Identität. Im Mittelalter stärkte Wasser Trutzburgen, denn es umfloss Wehranlagen. Mit der Industriealisierung dienten Flüsse als Energiequellen und Lieferwege, an den Ufern lagen Manufakturen und Fabriken. Als die Stadt geteilt war, bildete das Wasser an vielen Orten die Grenze. Deshalb sin die Ufer aus dem Bewußtsein verdrängt. Dabei hätte Berlin heute die Chance, das Wasser wieder in sein Stadtbild zu integrieren.

Eine Tradition, an die die Hauptstadt anknüpfen könnte, haben Schlüter und Lenné seinerzeit vorgezeichnet. Lenné schuf am Oranienplatz einen urbanen Wasserplatz mit dem Luisenstättischen Kanal - 1926 wurde er zugeschüttet. Auch die Hauptfassade des Stadtschlosses sollte ursprünglich dem Wasser zugewandt sein wie die bürgerlichen Stadtpalais in Mitte. "Die städtischen Orte am Wasser gingen in den letzten 150 Jahren verloren, wir müssen sie erst wieder entdecken", sagt Uli Hellweg, Geschäftsführer der Wasserstadt GmbH.

Dieses Ziel verfolgen die "Wasserstädte", am Spandauer See im Westen, und an der Rummelsburger Bucht im Osten. Die beiden Projekte der Wasserstadt GmbH sollen einen Bogen über die Stadt spannen und Initialzünder für die Öffnung weiterer Ufer sein. Die Aneignung dieser Stadträume, so die Strategie der Planer, erfolgt, indem sie wieder öffentlich zugänglich werden. Doch ist es damit getan, dass die Bewohner der Rummelsburger Bucht die Uferwege entlang flanieren und von den Wohnzeilen aufs Wasser blicken? "Das Ufer lebt vom Wechsel, die totale Verlandschaftlichung kann nicht richtig sein", gesteht Hellweg. Er plädiert dafür, an die Tradition urbaner Räume an den Ufern anzuknüpfen, und beklagt, dass eine politische Strategie Berlins zur Aufwertung des Wassers in der Stadt fehle.

Heute stehen in der Rummelsburger Bucht 1400 Wohneinheiten, 25 Prozent der geplanten Bauten. Sie sind zu 92 Prozent belegt, etwa zur Hälfte Miet-, zur anderen Eigentumswohnungen. Die Preise betragen 15 bis 18 Mark pro Quadratmeter. 70 Prozent der Bewohner kommen aus Friedrichshain und Lichtenberg. Auch ehemalige Arbeiter der Industriebetriebe auf der Halbinsel Stralau sind darunter. Sie zogen die Wohnungen einem Eigenheim "auf der grünen Wiese" vor. Der Alexanderplatz ist von der Halbinsel nur fünf Kilometer entfernt, die S-Bahn fährt fast bis ans Wasser. Es muss also nicht immer das Grün vorm Haus sein.

Auch Kultur soll die Standorte stärken. Ein "Wasserfest" findet im September in Sichtweite statt, an den Treptowers. Die Ausstellung "Wasser in der Stadt" habe seit ihrer Eröffnung im Juni 5000 Besucher gezählt, so die Veranstalter. Die Wasserstadt GmbH würde diese Ausstellungsflächen, im Werkstattgebäude am Kopf der Halbinsel Stralau, gerne erhalten, sofern sich Investoren finden. Das ist nicht leicht, wie die Gesellschaft bei der Umsetzung ihrer Stadtentwicklung erfahren musste: Mitte 1999 hat der Rechnungshof Berlin das bis 2010 erwartete Defizit der Wasserstadt GmbH mit einer Milliarde Mark beziffert. Die amtlichen Rechnungsprüfer empfahlen, das Gebiet "abzuspecken" und den bautechnischen Standard zu senken. Frühere Grundstückskäufe, aus heutiger Sicht zu überhöhten Presien, und die Vermarktung bereits entwickelter Immoblien bereiteten den Haushältern Sorge.

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