Welt : Expo-Recherchereise: Expedition "Mutter Erde"

Der Boden Bebt. Ein dumpfes Grollen ertönt. Rauch quillt aus den Spalten, Glut leuchtet zwischen Felsbrocken. Gleich muss das Magma aus der Erde quellen. Licht an, Computer aus. Vorbei der Zauber.

Der Vulkanausbruch ist nur eine Animation im Besucherzentrum des Nationalparks Timanfaya auf Lanzarote. Doch wenige Meter unter den Füßen brodelt auf der 100 Kilometer westlich von Nordafrika gelegenen Insel noch tausende Grad heißes Magma - das bekamen die jungen Tagesspiegel-Leser während ihrer einwöchigen Recherchereise auf den Kanaren zu spüren. Andrea Nienhaus, Susanne Ozegowski, Sebastian Richter, Julius Riese und Christine Weissenborn aus Berlin hatten, wie berichtet, den Leserwettbewerb gewonnen, den der Tagesspiegel anlässlich der Weltausstellung mit den Kooperationspartnern Langnese und TUI ausschrieb. Ihr Auftrag: das weltweite Expo-Projekt zum Vulkanismus für eine eigene Dokumentation in Hannover erforschen.

Einmal Lanzarote und zurück: Acht Tage lang erleben die Jugendlichen nicht nur rostrote Krater in der Wüstenweite und schneeweiße Flachdachbauten vor pechschwarzen Aschefeldern, sondern auch nächtliche Redaktionskonferenzen bei Kerzenlicht am Pool. In die Team-Taschen haben die Berliner neben Reiseführer und Fachliteratur auch digitale Foto- und Videokameras gepackt. Nicht zu vergessen: Papier und Kuli zum Mitschreiben.

"Ich halte das hier manchmal nicht mehr aus: Überall Steine", seufzt Sven von der Rezeption des Appartementhotels in der Touristenhochburg Puerto del Carmen. Anders die Tagesspiegel-Leser. "Guckt mal, was ich gefunden habe", ruft die 20-jährige angehende Werbekauffrau Tine im Nationalpark Timanfaya und hält einen Brocken in die Höhe. "Was für ein großer Olivin", lautet der Kommentar ihrer gleichaltrigen Cousine Andrea, Studentin der Visuellen Kommunikation an der Hochschule der Künste Berlin.

Vor dem Lanzarote-Trip war ein Stein nichts als ein Stein. Nach den ganztägigen Führungen durch die Kraterlandschaft macht der Recherchetruppe aus Berlin keiner mehr was vor: Dort drüben türmt sich einst zähfließende Aa-Lava auf, da hinten wölbt sich ehemals dünnflüssige Pahoehoe-Lava in der wüstenähnlichen Landschaft. Ob sie für die Ausstellung auf der Expo Bodenproben mitnehmen dürfen, fragen die Jugendlichen die Reiseführerin Conny Mangard. Außerhalb des Nationalpark-Schutzgebiets sei das kein Problem, lautet die Antwort. Am Ende eines Tages sind die Rucksäcke um einiges schwerer. Die Brocken sind steinerne Zeugen einer Zeit, in der man hier nicht in Sandalen umhergehen konnte.

Nirgendwo sonst auf der Erde gab es auf so engem Raum derart intensive und lang anhaltende Eruptionen wie auf der 752 Quadratkilometer großen Insel Lanzarote. Am 1. September 1730 "öffnete sich plötzlich die Erde" nahe des Dorfes Timanfaya, ist in den Annalen des Pfarrers aus dem Ort Yaiza nachzulesen. Und weiter: "In der ersten Nacht erhob sich ein riesiger Berg aus dem Schoß der Erde. Aus der Bergspitze schlugen Flammen, die neunzehn Tage unaufhörlich loderten." Asche und Lava versiegelten damals fruchtbare Täler, begruben Dörfer unter sich. Menschen kamen nicht zu Schaden, nur Ziegen rannten sich in Panik die Köpfe an den Felsen ein.

Neue Technik im Test

Weite. Stille. In der Hitze flirrt die Luft. Heute herrscht Ruhe über den 185 Kegeln und 300 Kratern der vor etwa 18 Millionen Jahren entstandenen Insel. Ob sich die Urgewalten dieser Erde unter all den Irish Pubs und deutschen Bierbars ("Big Brother - die Entscheidung, heute live im Fernsehen") wohl wieder einmal zeigen? "Von 1730 bis 1736 brachen Vulkane aus, 1824 gab es Eruptionen - da ist es sehr wahrscheinlich, dass es auch in diesem Jahrtausend dazu kommt", sagt Vincente Araña. Den Expo-Projektorganisator erreichen wir per Telefon in Madrid, bevor er die Koffer für eine Dienstreise nach China packt. Experten aus aller Welt kommen regelmäßig im "Casa de los Vulcanes" auf Lanzarote zusammen. Von hier aus werden die drei Messstationen der Insel überwacht, hier finden die weltweit einzigartigen Ausbildungsseminare in spanischer Sprache statt. Auf den Kanaren werden neuartige Messmethoden, etwa Satellitentechnik, erprobt, die herkömmliche seismische, thermische und magnetische Instrumente ersetzen sollen. Vor einem Jahr hat sich das spanische Forscherteam mit Sitz im "Casa des los Vulcanes" als internationales Projekt für die Expo beworben - mit Erfolg. "Auf welche Weise arbeiten Sie mit dem Katastrophenschutz zusammen?", will der 16-jährige Gymnasiast Julius von Orlando Hernandez wissen. Der Mitarbeiter des Vulkan-Hauses führt die Tagesspiegel-Leser hinter die Kulissen. Hinter einer Scheibe können Basti und Tine Messdaten auf dem Bildschirm verfolgen. Noch intensiver bekommt die Gruppe die inneren Kräfte der Erde im touristischen Erlebnisparcour des Timanfaya-Nationalparks der Insel zu spüren. Voll ist es hier. "Die Vulkane spucken Lava aus, und die Busse Touristen", raunt Tine. Doch das Anstehen lohnt sich. Da lodern Dornenbüsche lichterloh, nachdem Nationalpark-Mitarbeiter die Bündel kurz in ein Erdloch halten. "Man muss nur die oberen Krümel wegscharren, dann ist es am Boden schon total heiß", staunt die 16-jährige Susanne aus Köpenick. Ein paar Meter weiter schießt Dampf meterhoch in die Luft, nachdem zuvor kaltes Wasser aus Kübeln in die knapp sieben Meter tiefen Erdrohre gegossen wurde. Vor spontanen Eruptionen brauche man sich als Tourist indes nicht zu fürchten, beruhigt uns Wahl-Lanzaroteña und Vulkanismusexpertin Conny vom Bodensee während der Wandertour zu Raben- und Nusskrater. "Unsere Vulkane gehören zum freundlicheren hawaiianischen Typ und sind nicht so plötzlich explosiv wie etwa der Mount St. Helens in Nordamerika." Bei den Ausbrüchen 1730 bis 1736 gelang es den Einwohnern der heutigen Hauptstadt Arrecife sogar, den behäbigen Lavastrom dank eines künstlichen Grabens vorbei an ihrem Heimatort zu lenken. Heute leben 90 000 Menschen auf Lanzarote, fast die Hälfte davon sind zugezogene "Residentes"; Festlandspanier, Deutsche, Engländer, die sich auf dem kargen Eiland niederließen.

Jetzt aber genug von Lapilli, dieser rötlich-dekorativen Ascheart, von Algen und Pilzen, die als Flechten Vulkangestein über Jahrtausende in Muttererde verwandeln. Über eine Off-Road-Piste geht es mit dem Mietwagen zum Papagayo-Strand. Doch auch hier nehmen die Tagesspiegel-Leser den Block in die Hand: Die Artikel fürs Internet schreiben sich nicht von selbst. Abends werden die Texte über die Touren in großer Runde besprochen und internetfertig bearbeitet. Aber um Mitternacht machen wir Pause. Happy Birthday: Basti wird sechzehn.

Dort, wo die Jugendlichen aus Berlin jetzt in Strandbars Saft und Cocktails trinken, verfrachtete man früher Alte und Kranke, erzählt Reiseleiterin Katja. Im Zuge des aufkommenden Massentourismus wurde der "Ort der Kranken und Schwachen" schließlich in Puerto del Carmen umbenannt - Euphemismus auf Spanisch.

Die Fragen übersetzt Susanne

Den britischen Urlaubern, die Burger sowie Fish and Chips den spanischen Tapas-Häppchen vorziehen, bleiben solche Hintergründe wohl ebenso verschlossen wie jenen Deutschen, die bei "Ihr Platz an der Sonne" einkehren, um "SAT 1 ran im TV" zu verfolgen. "Viele Deutsche, die sich hier niedergelassen haben, sprechen selbst nach Jahren noch kein Wort Spanisch", ärgert sich Vulkanexpertin Conny. In der Recherchegruppe übersetzt mitunter Susanne - sie hat einen Spanischkursus an der Volkhochschule belegt. Vom Wissensdurst des Berliner Teams ist selbst Betreuerin Manuela beeindruckt. "Das war mir so auch noch nicht bekannt", sagt die Österreicherin, nachdem sie das Interview der Berliner mit einem Dromedarführer verfolgte.

Nach einer Woche ist das Team zusammengewachsen. Andrea fotografiert, Basti filmt, Susanne schreibt - und sorgt für die Lacher. "Wenn uns die Reiseleiterin nichts sagen möchte, hat sie den falschen Job. Dann soll sie doch zum Geheimdienst gehen", quittiert die 16-Jährige die Weigerung einer Gästebetreuerin, die sich zierte, etwas über die Homosexualität von Inselkünstler César Manrique zu erzählen. Später hockt sich die Köpenickerin im einzigen Wäldchen Lanzarotes mit Latschenkiefern, Akazien und Mimosen in den Windschatten eines Steinhaufens: "Jetzt fühle ich mich wie eine dieser Weinreben hinterm Schutzmäuerchen auf den Aschefeldern."

Wie Landwirtschaft auf einer Insel ohne Grundwasser und - statistisch bemessen - mit nur 15 Regentagen im Jahr funktioniert, hat das Berliner Rechercheteam zuvor beim Gespräch mit einer Bäuerin herausbekommen. Wenn man es weiß, kann man es gut erkennen: Überall auf der Insel haben Bauern die Vulkankegel angegraben, um poröses Picon-Gestein abzubauen, das die Feuchtigkeit aus der Luft speichert.

Wieder einmal ist die Natur beeindruckender als jede noch so gut gemachte Animation.

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