Welt : Expo: Von manchem Pavillon bleibt nur die Fassade

Renate Hirsch

In Paris steht der Eiffelturm, in Brüssel das Atomium - doch was wird in zwanzig Jahren noch an die Expo Hannover 2000 erinnern? Was werden sich die Leute erzählen, wenn sie in Erinnerungen schwelgen? Je näher das Ende der Expo rückt, desto mehr rücken diese Fragen in den Vordergrund. Eins ist auf jeden Fall klar: eine Antwort in der Größe des Eiffelturms wird es nicht geben. Aber braucht denn die Menschheit wirklich ein architektonisch herausragendes Bauwerk, um sich erinnern zu können? "Nein", sagt Hannovers Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg, "Hannover hat nie versucht, durch riesenhohe Türme oder andere Statussymbole Eindruck zu machen." Und er treibt es noch weiter. "Ich bin sicher, dass die Stadt und die Weltausstellung in guter Erinnerung bleiben, gerade weil wir auf solchen Gigantismus verzichtet haben, der ja selbst als Zukunftsvision überholt ist."

Der Wal steht im Weg

Dennoch gab es vor kurzem eine Art Auslosung des Expowahrzeichens. Von der Zeitschrift "Die Bunte" und dem "ZDF" initiiert, stimmten Besucher der Expo über das Statussymbol Hannovers ab. Nummer eins war der gläserne Wal, oder wie der eigentliche Titel des Gebäudes heißt: der Pavillon der Hoffnung. Er steht mitten im Expopark und dient bisher als Treffpunkt für junge Leute. Seine Zukunft ist trotz der Kür zum Wahrzeichen noch ungewiss. Schließlich sei der Wal nur als temporäres Gebäude gedacht, sagt Expokoordinator Jörg Gutzeit. Außerdem stehe er mitten in dem neuen Gewerbegebiet, dass im Ostteil des Expogeländes entstehen solle. Doch dass Pavillons auch wandern können, haben schon andere Weltausstellungen gezeigt. So wurde der deutsche Pavillon auf der Expo in Barcelona im Jahr 1929 erst abgerissen und dann an anderer Stelle in der Stadt wieder aufgebaut.

Aber nicht nur der Wal könnte zum Wahrzeichen der Expo Hannover werden. Auch das hölzerne Dach oder der Pavillon der Niederländer mit seinen in luftiger Höhe übereinandergestapelten blühenden Landschaften und Wäldern sind im Rennen. Viele würden sich auch sehr über den Erhalt des Planet of Visions oder des Themenparks freuen. Eins wird deutlich: Allen kann man nicht gerecht werden und wie Anja Kestenus, Pressesprecherin der norddeutschen Wohnungsbaugesellschaft Nileg sagt: "Die Expo ist eine Ausstellung und jede Ausstellung ist irgendwann auch zu Ende und nicht mehr aktuell."

Dennoch wird die Expo nicht einfach spurlos verschwinden - auch ohne Wahrzeichen nicht. Sie war von Anfang an auf Nachhaltigkeit ausgelegt. Das zeichnet sie vor allen bisherigen Weltausstellungen aus. Im Ostteil des Geländes sollen die Länderpavillons nach Möglichkeit erhalten bleiben - jedoch nur die Fassaden. Im Innern werden Medienunternehmen, Werbe- und Marketingagenturen oder Teile der Fachhochschule Platz finden. Der französische Pavillon nimmt dabei die Vorreiterrolle ein. Schon vor Beginn des Baus stand fest, dass der Pavillon in einen Fachmarkt für Sportartikel umgewandelt wird. Aber auch die meisten anderen Länderpavillons sind an Nachfolger vergeben, sagt Silka Schumacher, Pressesprecherin der Expo. Der schwedische Pavillon wird zu einer schwedischen Handelsniederlassung, für den finnischen interessiert sich ein Verlagshaus und der britische wird wahrscheinlich zu einem Messe- und Dienstleistungszentrum umgebaut. Offen sei nur die spätere Nutzung des Bertelsmann-Pavillons und des Deutschen Pavillons. Gerüchte ranken sich um den deutschen Glaskörper von dem Architekten Josef Wund. Eberhard Roloff, Pressesprecher der Hannoveraner Messe AG vermutet, dass ein Museum für Forschung und Technik eingerichtet werden soll.

Auch abends wird das Expogelände Anziehungspunkt für die Hannoveraner bleiben. So werden in der Preussag Arena weiter Konzerte oder Sportveranstaltungen stattfinden. "Für 2001 ist die Arena fast ausgebucht, allein schon durch die Eishockey-Weltmeisterschaft", sagt Roloff. Rund um die Expo Plaza sollen eine Diskothek, verschiedene Restaurants und ein Hotel für Leben sorgen. Auch die großzügigen Parkanlagen oder die mächtige Fußgängerbrücke bleiben der Nachwelt erhalten. Auf dem Pavillongelände West jedoch geht es allen Gebäuden an den Kragen. Bis Ende Februar 2001 werden hier wieder Parkplätze für die Messebesucher eingerichtet. Für einige Gebäude hat die Nileg eine Nutzung an einem anderen Ort gefunden. Der Mexikanische Pavillon beispielsweise wird in Braunschweig als Bibliothek der Hochschule für Bildende Kunst genutzt werden.

Lkw-Waschanlagen und Aids-Vorsorge

Doch die Expo besteht nicht nur aus Pavillons. Sie wird von über 700 Projekten weltweit repräsentiert, die von Programmen für Straßenkinder über Aids-Prävention bis hin zu Lkw-Waschanlagen reichen. Auf der Expo ist eine Auswahl davon in den Länderpavillons oder im Themenpark zu sehen. "Diese Projekte sind einzigartig in der Expo-Geschichte", sagt Expokoordinator Gutzeit. Doch für ihn sind sie nur unscheinbar repräsentiert. Der Besucher nehme sie kaum wahr. Was mit dem Themenpark passiert, ob er abgerissen wird oder nach China exportiert oder doch als Dauerausstellung Hannover erhalten bleibt, ist ungeklärt. Die Projekte selber werden auf jeden Fall weitergeführt. Das Komitee der Weltausstellungen (BIE), möchte sie fest im Konzept aller zukünftigen Expos verankern. Dem hat zumindestens Japan, als möglicher Ort für die nächste Weltausstellung im Jahr 2005, schon zugestimmt. "Es ist ein erster Keimling", gibt Martin Rot, Hauptverantwortlicher für die Projekte, zu. "Die Expo in Hannover hat als erste Weltausstellung neben den Länderpavillons auch Ideen vorgestellt." Ob sie durch die Projekte lebendig bleibt, zeigt die Zukunft.

Am längsten werden sich wohl die Hannoveraner selber an die Expo erinnern. Sie sehen die Folgen der Weltausstellung täglich vor ihrer Haustür. Den Prospekten zufolge erscheint Hannover jetzt in neuem Glanz. Vorher hätten die Besucher der Stadt schon am liebsten auf dem düsteren Bahnhof der Stadt kehrtgemacht, erzählt Pressesprecherin Silka Schumacher. Jetzt bestimmen den Bahnhof Glas und heller Sandstein. Der Bahnsteigtunnel hat sich zu einer modernen Ladenpassage gemausert. Das alte Rathaus wurde umgebaut. Zahlreiche neue Restaurants in luftigen Innenhöfen, Cafés, Brunnen, Plätze und neue Brücken sind entstanden. Am Kronsberg ist ein neues Wohnviertel aus dem Rübenacker gestampft worden und überall hat sich die spektakuläre und sehr leichte Architektur der Expo durchgesetzt.

Mit vier Milliarden Mark hat die Stadt ihr Verkehrsnetz ausgebaut. Hannover ist optimal an die europäischen Metropolen angeschlossen. Der ICE hält direkt vor den Eingängen der Messe. Ein neues S-Bahn-System entstand, das unter anderem den Flughafen über den Hauptbahnhof mit dem Messegelände verbindet. Die Stadtbahn erhielt neue Linien und auch die Straßen wurden ausgebaut.

Insgesamt haben Staat und Wirtschaft im Zusammenhang mit der Expo 15 Milliarden Mark in Projekte investiert, die die Stadtqualität auf Dauer verbessern. Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg ist vor allem von den Grünanlagen begeistert, die in die Wälder vor der Stadt übergehen. "Hannover ist durch die Expo zu einer Alternative zu den infarktgefährdeten Metropolen wie Berlin geworden." Ob dieser Versuch gelungen ist, zeigt sich jedoch erst im nächsten Jahr, wenn Hannover wieder als normale Halbmillionenstadt mit anderen Großstädten konkurrieren muss. Dennoch - egal wieviel die Menschen von der Expo in Erinnerung behalten - Hannover hat von den Geldern, die für die Expo geflossen sind, profitiert. Auch ohne ein Eiffelturm-Wahrzeichen.

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