Welt : Fall Trintignant: Täter heute vor Gericht

Der Sänger Cantat erschlug seine Freundin bei Dreharbeiten

Sabine Heimgärtner[Paris]

Weit entfernt von Paris beginnt am heutigen Dienstag in der litauischen Hauptstadt Vilnius ein Gerichtsverfahren, das schon im Vorfeld mehr Schlagzeilen machte als irgendein anderer Prozess im Baltikum: Der Sänger Bertrand Cantat erschlug seine Freundin, die Schauspielerin Marie Trintignant. Der Name Trintignant ist eng mit Frankreichs kulturellem Leben verbunden. Jean-Louis Trintignant ist einer der berühmtesten französischen Schauspieler, seine frühere Frau Nadine hat sich als Regisseurin von zahlreichen Fernsehserien einen Namen gemacht und sie war es, die der gemeinsamen Tochter Marie als Hauptdarstellerin in einem Film über das Leben der französischen Schriftstellerin und Muse Colette ungewollt ein letztes Denkmal gesetzt hat. Wenige Stunden nach Abschluß der Dreharbeiten in Litauen starb ihre Tochter, die 41-Jährige Schauspielerin Marie Trintignant, nach den Schlägen ihres Liebhabers Bertrand Cantat, einem der bekanntesten Rockmusiker Frankreichs und Bandleader der Gruppe „Noir Désir“.

Das war nach einer durchzechten Nacht mit Mitgliedern des Filmteams in den frühen Morgenstunden des 27. Juli 2003 in einem Hotelzimmer in Vilnius, und seitdem hat Frankreich ein Prominenten-Thema, das fast wöchentlich die Schlagzeilen bestimmt. Der Rocksänger, der in einem litauischen Gefängnis einsitzt, lässt seit Monaten über die Medien wissen, er habe seine Geliebte nicht töten wollen, während die berühmten Eltern der Darstellerin keine Gelegenheit auslassen, den letzten Mann ihrer Tochter als gewalttätige Bestie zu bezeichnen.

Amour Fou mit tödlichem Ende

Auf jeden Fall: Amour Fou, es geht um flammende Liebe und rasende Eifersucht. Öffentlich bekriegen sich seit Monaten die Rechtsanwälte der betroffenen Familien und insofern ist es kein Wunder, dass der Justizpalast in Vilnius seit Tagen von Fernsehteams aus aller Welt belagert ist. Auch Mutter Nadine ist angereist – geschützt durch eine riesige Sonnenbrille, fragil und offenbar nahe dem Nervenzusammenbruch. Möglicherweise aber sind sie alle umsonst gekommen. Einen Tag vor Prozeßbeginn gibt es Gerüchte, im letzten Moment könnte die Staatsanwaltschaft beschließen, das Verfahren unter Aussschluß der Öffentlichkeit zu führen. Für Cantat geht es um alles oder nichts. Wollte der Rocker mit dem Kindergesicht seine Freundin vorsätzlich töten, die Femme fatale, wie sie viele beschrieben, weil sie mit ihren Ex-Männern und Vätern von ihren vier Kindern Kontakt hielt? Oder handelte es sich, wie der 40-jährige verheiratete Cantat, ebenfalls Vater zweier Kinder, beteuert, um einen einmaligen Akt unkontrollierter Leidenschaft und Eifersucht, weil Marie an diesem Abend eine zärtliche E-mail des Vaters eines ihrer Kinder erhalten hatte? Fest steht nur, dass der Sänger 19 Mal zugeschlagen hat, davon vier Mal mitten ins Gesicht. Marie Trintignant fiel ins Koma, sie starb zwei Tage später. Zu seiner Verteidigung gab Cantat zu Protokoll, die gewalttätige Auseinandersetzung habe mit Provokationen Maries begonnen. Sie habe ihn wiederholt angeschrien, er solle zu seiner Frau zurückkehren. Als sie später „wie leblos“ auf dem Sofa lag, habe er geglaubt, sie schlafe. In diesem Fall ist alles offen: Fünf oder 15 Jahre Haft für Cantat.

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