Welt : Flugreisen: Privat pünktlicher?

Rainer W. During

500 bis 600 Passagieren bezahlte die Deutsche Lufthansa in Frankfurt zuletzt täglich eine Hotelübernachtung. Ihre Maschinen waren durch Probleme der Flugsicherung verspätet. Aus dem gleichen Grund erreichten pro Tag etwa 3000 Koffer nicht den Anschlussflug und mussten den Besitzern nachgeschickt werden.

Mit der Änderung der Luftraumstruktur in weiten Teilen Deutschlands am 19. April sollte eigentlich alles besser werden, doch das Gegenteil war der Fall. Deshalb drängen die Luftverkehrsgesellschaften jetzt auf eine weitere Privatisierung der Deutschen Flugsicherung (DFS) und die überfällige Harmonisierung des europäischen Luftraumes. Zur kurzfristigen Beseitigung personeller Engpässe fordert die Lufthansa eine Green Card für ausländische Fluglotsen.

Mindestens jeder Vierte der über 40 Millionen jährlichen Passagiere ist von den Verspätungen betroffen, so Marc Cezanne, bei der Lufthansa zuständig für die Luftrauminfrastruktur. Rund 36 000 Stunden drehten die Kranich-Piloten im vergangenen Jahr Warteschleifen über den Airports, das entspricht der Jahresleistung von zehn bis zwölf Kurzstreckenjets. Kleinere Airlines mit wenigen Maschinen drohen so, in die Pleite zu fliegen. Mit einer Million Mark pro Tag liegen die Verspätungskosten für die Lufthansa bei der zehnfachen Summe dessen, was die 200 in Deutschland fehlenden 200 Fluglotsen kosten würden.

Langsam beginnen sich die Verspätungen wieder auf die Werte wie vor der Umstellung zu senken. Die versprochene Verbesserung ist nicht absehbar, klagt der Lufthansa-Mann. Engpässe sind Düsseldorf, Frankfurt und München, während der Anteil der von der Berliner Flugsicherungszentrale ausgehenden Verspätungen laut DFS-Sprecher Gerhard Schanz bei 0,1 Prozent liegt. Schuld ist nach seinen Angaben die für alle Beteiligten unerwartet schnelle Steigerung des Verkehrsaufkommens. Durch den Einsatz von Lotsen aus dem Management und Nachwuchskräften, die zunächst nur für einzelne Kontrollpositionen lizensiert sind, wird versucht, die personellen Löcher zu stopfen. Im nächsten Jahr sollen 200 neue Fluglotsen ihre Ausbildung beginnen, doch noch fehlt es an Bewerbern.

Völlig unzureichend, da bis 2010 auch noch ein Drittel der 1700 aktiven Fluglotsen in Pension geht, sagt die Lufthansa. Cezanne wirft der DFS mangelhafte Personalpolitik und unzureichende Kapazitätsplanung vor. Eine Privatisierung nach britischem Vorbild, wo sieben Fluggesellschaften gemeinsam 46 Prozent der Anteile an der nationalen Flugesicherung übernommen haben, sei dringend erforderlich. Das Bundesverkehrsministerium müsse hier endlich eine klare Position beziehen.

Trotz aller Unzulänglichkeiten gilt die Deutsche Flugsicherung noch als führend in Europa. Frankreich ist laut einer Statistik der Association of European Airlines mit knapp 20 Prozent der absolute Spitzenreiter bei der Produktion von Flugverspätungen. Gerade in den südlichen Ländern, aber auch in der Schweiz, behindern militärische Sperrgebiete den Verkehrsfluss. Auf der mit Europa vergleichbaren Gesamtfläche der USA haben die Fluglotsen die doppelte Produktivität. Gegen nationale Widerstände muss deshalb der Harmonisierung des bisher von 47 nationalen Organisationen kontrollierten europäischen Luftraumes endlich durchgesetzt werden, fordern die Airlines.

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