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Wie der Nobelpreisträger Hänsch erreichte, was sonst keiner schafft: auch im Alter an der Uni zu bleiben

Tilmann Warnecke

Die Nachricht entsetzte gestern Vormittag Wissenschaftler in ganz Deutschland. Der neue Forschungsheld des Landes, der im Dezember mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Theodor Hänsch, will das Land verlassen und in die USA auswandern – weil er seine Zwangspensionierung fürchtet. „In diesem Jahr werde ich 65 und soll dann in Rente gehen. In den USA dürfen Sie auch mit 80 arbeiten“, zitierte ihn das Magazin „Focus Money“. Hänsch flüchtet in die USA? Die Nachricht war umso pikanter, weil der Physiker 1986 aus Amerika nach Deutschland zurückgekehrt war und seitdem die Wissenschaft hier zu Lande immer gelobt hatte.

Die Meldung über die Drohung, in die USA zu gehen, führte innerhalb weniger Stunden zu dem Ergebnis, dass Hänschs Wünsche erfüllt wurden. Nach einem Gespräch mit Bayerns Wissenschaftsminister Thomas Goppel hätten sich seine eigenen Überlegungen für einen möglichen Wechsel in die USA erledigt, sagte Hänsch am Nachmittag der Deutschen Presseagentur. Ihm sei eine Regelung zugesichert worden, wonach er über das 68. Lebensjahr hinaus an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität forschen und lehren könne.

Nicht schlecht. Zwar sagte Hänsch nachträglich, in der Meldung von „Focus Money“ sei er falsch zitiert worden. Doch es bleibt die Tatsache, dass es nach der Meldung mit der Auswanderungsdrohung ein unerwartet vorgezogenes Gespräch mit Goppel gab, der Hänschs Wünsche erfüllte.

Von der Vereinbarung profitiert aber nicht nur Hänsch, sondern vor allem auch der Wissenschaftsstandort Deutschland.

Der Fall wirft gleichzeitig ein Schlaglicht auf ein Problem, vor dem viele Wissenschaftler stehen. Schauspieler, Musiker, Dichter – sie alle laufen im Alter oft zur Höchstform auf. Aber für deutsche Professoren, seien sie noch so brillant, ist in der Regel mit 65 Jahren Schluss. Das Beamtenrecht zwingt sie dazu. Als Pensionäre dürfen sie danach an der Uni Vorlesungen halten. Aber nicht forschen – Labore und Mitarbeiter werden ihnen per Gesetz genommen. Es sei denn, es gelingt ihnen, Geldmittel von außerhalb aufzutreiben. Allein unter Hänschs Münchner Physiker-Kollegen wollen 30 bis 40 Prozent nach der Pensionierung weitermachen, schätzt die Uni. Einige bekommen dann wie Hänsch Angebote aus den USA – und nehmen ihre Forscher-Teams mit.

„Wir werfen so jedes Jahr ungeheuer viel intellektuelles Kapital in Deutschland weg“, kritisiert Hänschs Chef Bernd Huber, der Rektor der Ludwig-Maximilians-Universität. Ein heute 65-Jähriger sei mit einem 60-Jährigen vor 25 Jahren vergleichbar, assistiert ihm der Berliner Altersforscher Paul Baltes. „Im Interesse des Gemeinwohls“ müssten deswegen Professoren auch im Rentenalter weiterforschen dürfen. Ihre Stärken könnten sie vor allem da ausspielen, wo lange Übung, Menschenkenntnis und Lebenserfahrung gefragt seien. Bei der sozial-emotionalen Intelligenz oder „Weisheitswissen“ seien sie ihren jungen Kollegen beispielsweise turmhoch überlegen.

Die Bundesländer haben darauf reagiert. Mit einer Ausnahmeregel können Professoren in allen Ländern bis 68 weiterarbeiten. An der Berliner Freien Universität macht inzwischen jeder dritte Professor von diesem Recht Gebrauch. Rheinland-Pfalz hat sogar schon so genannte Senior-Professuren eingeführt: Wissenschaftler erhalten dort die Möglichkeit, bis zu fünf Jahre länger zu lehren und zu forschen. Dafür plädiert auch der Altersforscher Baltes – allerdings dürften die Senior-Professoren nur dann bleiben, wenn sie den Hochschulen nicht finanziell zur Last fallen. Denn an den deutschen Unis ist das Geld und somit auch die Stellen knapp, und Nachwuchswissenschaftlern bliebe sonst womöglich auf Jahre der Aufstieg verwehrt. „Für die junge Generation wäre es verheerend, wenn es zur Regel wird, dass Professoren später in den Ruhestand gehen“, sagt Axel Schenzle. Schenzle, der selber in drei Jahren in Pension geht, ist als Dekan von Hänschs Fachbereich auch für die Personalplanung der Münchner Physiker zuständig. Hänsch, der Jahr für Jahr Neues erfindet, ist für ihn eine „absolute Ausnahme“. Bei den meisten Wissenschaftlern sei vielmehr zu beobachten, dass sie mit zunehmenden Alter „weniger innovativ“ würden – und manche sogar „weltfremd“. Von den 30 bis 40 Prozent seiner Physiker-Kollegen, die nach 65 gerne weitermachen würden, hätten nur ganz wenige eine echte Chance, ihren Wunsch zu verwirklichen.

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