Fotografie : Annie Leibovitz sieht schwarz

Starfotografin Annie Leibovitz ist pleite, und ihre Gläubiger sind mächtig. Ihr Lebenswerk ist in Gefahr.

Rita Neubauer
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Hat keinerlei Gefühl für Geld. Annie Leibovitz bei ihrer gefeierten Ausstellung im Februar in Berlin. Foto: dpadpa

Ob Michael Jackson, der Maler Julian Schnabel oder Millionenerbin Veronica Hearst, sie alle wandten sich in schwierigen Zeiten an den Finanzdienstleister Art Capital. Die New Yorker Firma hat sich darauf spezialisiert, die Immobilien von Prominenten und deren Kunstsammlungen zu beleihen. Das Ergebnis dieser Kreditdeals kann man in den Räumlichkeiten von Art Capital bewundern. Hier findet sich nun so mancher Rubens, Rauschenberg und Warhol, die einst die Wände der reichen und klammen Klientel zierten.

Das Foto einer nackten und hochschwangeren Demi Moore könnte bald dazukommen. Denn Art Capital fordert 24 Millionen Dollar von der Starfotografin Annie Leibovitz. Sie hatte im vergangenen Jahr ihr ganzes Lebenswerk sowie Immobilien verpfändet. Sie habe praktisch nur noch ihr Hemd auf dem Leib behalten, schreibt das „Forbes“-Magazin.

Der 22-Millionen-Kredit samt Zins und Gebühren wird Anfang September fällig. Art Capital, in der Branche als „high-class hock shop“ – Edel-Pfandhaus – bekannt, hat die 59-Jährige verklagt. Das Haus klagt, dass Leibovitz nicht nur mit der Kreditrückzahlung im Verzug sei. Sie verweigere Schätzern auch den Zutritt zu ihren Immobilien.

Dabei handelt es sich um drei denkmalgeschützte sogenannte Brownstones in Manhattan – das sind die alten, klassischen Ziegelhäuser – sowie ihr Landhaus in Rhinebeck im Bundesstaat New York. Die Firma mutmaßt, dass Leibovitz „keine Intentionen hat, den Vertrag zu erfüllen“. Einen Vertrag, den sie angeblich viermal unterzeichnet habe.

Im Leben der begnadeten Fotokünstlerin herrscht finanzielles Chaos. Was überrascht. Denn sind Salär und Berühmtheit ein Gradmesser, dann gehört Leibovitz zu den ganz Großen. Sie ist für einen siebenstelligen Betrag bei „Vanity Fair“ unter Vertrag und kann von Kunden wie Louis Vuitton Zehntausende von Dollar am Tag verlangen. Ihr letztes Buch „At Work“ ist ein Bestseller. Ihre Ausstellung mit den klassischen Porträts wie Demi Moore, Whoopi Goldberg und der britischen Queen tourt seit zwei Jahren durch die Welt – nicht zuletzt verzeichnete sie damit in Berlin Rekordbesucherzahlen.

„Jemand, der so außergewöhnliche Bilder macht, ist nicht unbedingt ein guter Finanzmanager“, beschreibt Graydon Carter, der Herausgeber von „Vanity Fair“ seine Mitarbeiterin. Leibovitz, die bei Auftritten gern in schwarzen Jeans und grauen Pullis das Understatement zelebriert, scheut weder bei der Arbeit noch im Privatleben Kosten. „Ihre Anforderungen wurden immer größer. Ob Feuer, Regen, Autos, Flugzeuge, Zirkustiere – was immer sie wollte, bekam sie“, erzählt die „Vanity Fair“-Redakteurin Jane Sarkin im Doku-Film „Life through a Lens“, den Schwester Barbara Leibovitz drehte. Sie verschenkte teuere Kameras, ließ Mietautos irgendwo stehen, ohne sie zurückzugeben, flog wöchentlich Business Class. Sie „gab Geld aus wie ein Matrose auf Heimaturlaub“, notiert die amerikanische Presse missbilligend.

Wenn auch viele dieser Ausgaben von den Kunden übernommen werden, vor allem bei privaten Finanzen scheint die Künstlerin komplett den Überblick verloren zu haben.

So stürzte sie ihr Fotostudio in Chelsea, das sie inzwischen aufgegeben hat, in Schulden. Hinzu kamen hohe Grundstücksteuern sowie die Zahlungen von 700 000 Dollar an eine Beleuchtungsfirma und einen Stylisten, die sie verklagt hatten.

Auch der Kauf und Umbau der drei Häuser in Manhattan – zwei bewohnt sie selbst, das Dritte ist vermietet – verursachten außergewöhnliche Kosten. Sie allein dürften nun einen zweistelligen Millionenbetrag wert sein. Ihr fotografisches Werk wird auf immerhin 50 Millionen Dollar geschätzt.

Seit dem Krebstod ihrer Partnerin, der Schriftstellerin Susan Sontag, im Jahre 2005, muss die Starfotografin auch allein für ihre drei Kinder im Alter von acht und vier Jahren sorgen. Die beiden jüngsten, ein Zwillingspärchen, ließ sie 2005 von einer Leihmutter austragen – auch das war ein teures Verfahren.

Hinzu kamen die Schicksalsschläge. Nur 37 Tage nach dem Tod von Sontag verstarb ihr Vater nach langer Krankheit. Um beide regelmäßig am Krankenbett zu besuchen, war Leibovitz jahrelang von den entlegensten Orten der Welt nach New York gejettet.

Nicht zuletzt wirkte sich im vergangenen Jahr der Kollaps von Wall Street negativ auf den Kunstmarkt aus. Die Absicht, einige Prints für 33 000 Dollar durch das Auktionshaus Phillips de Pury zu verkaufen, war wenig erfolgreich, weiß die „Times“ zu berichten.

Ein Ausweg aus dem finanziellen Desaster wäre ein Offenbarungseid. Damit würde ihr Besitz unter den Schutz eines Bundesrichters gestellt.

Behält jedoch Art Capital die Oberhand, dann hat die Ikone der Fotografie gleich zweifach Pech: nicht nur könnte sie ihr Lebenswerk verlieren, das sie bislang eisern gegen eine Kommerzialisierung schützte. Leonardo di Caprios witziges Porträt mit Schwan um den Hals oder die schwangere Demi Moore könnten bald in jedem Souvenirshop auf Tassen, Tellern, Handtüchern und Schirmen auftauchen. Das wäre für die Künstlerin eine Katastrophe.

Vielleicht findet sich ein Milliardär, der ihr hilft. Was sind schon 24 Millionen. Aber gerade Milliardäre sind in den letzten Monaten zu Millionären geworden – und kämpfen mit ganz ähnlichen Problemen wie Annie Leibovitz.

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