FRAUEN & MÄNNER : Meine Mama, Frau Heinsen

Jeden Morgen ging ihre Mutter zur Arbeit, dafür kam Frau Heinsen und passte auf – sehr zum Missfallen der kleinen Pia. Nach 17 Jahren trafen sich die beiden wieder. Eine Begegnung zum Muttertag

Pia Frey

Mit jedem Schritt, den ich der Café-Terrasse näher komme, fühle ich, wie ich kleiner werde. Die letzten Osterglocken blühen. Als ich den hohen Rücken im Schlabberpulli an einem Tisch im Schatten erkenne, bin ich wieder eine Fünfjährige, die sich wünscht, sie wäre zu Hause bei ihrer Mama geblieben. Wie begegne ich dieser Frau, die einmal erste Bezugsperson war und dann 17 Jahre lang nur noch als Erinnerung existierte?

Richtig lange gibt es den Muttertag noch nicht. Gerade einmal 100 Jahre ist es her, dass eine gewisse Amerikanerin namens Anna Jarvis auf die Idee kam. Damals war die Aufgabenverteilung in der Familie noch übersichtlich: Mamas warteten zu Hause auf die Kinder und setzten ihnen mittags das Essen vor. Papas sorgten dafür, dass die Brötchen verdient wurden. Die Idee, die Mamas für ihren Einsatz zu feiern, fand schnell Anhänger. Fortan durften sie an jedem zweiten Sonntag im Mai die Beine hochlegen und bekamen einen Blumenstrauß geschenkt.

Meine Mama fand den Muttertag überflüssig. Mittagessen und Wäsche waschen – das war nicht ihr Job. Die Briefbeschwerer und Bilderrahmen, die ich extra für diesen Maisonntag in der Schule bastelte, wanderten in eine Schublade in meinem Zimmer. Das, wofür den Mamas am zweiten Sonntag im Mai gedankt wird, erledigte Frau Heinsen. Meine Zweitmutter.

Meine Mama, das war die Frau, die sich morgens die Lippen dunkelrot malte, ihr graues Kostüm anzog und sich mit vielen verschiedenen Bürsten und Spraydosen die Haare föhnte. Dann klingelte es, die Frau mit Blazer und Föhnfrisur gab sich die Klinke in die Hand mit einer Frau in Schlabberpulli und ausgewaschener Jeans. Eiliger Abschiedskuss für Lino, meinen Bruder, eiliger Abschiedskuss für mich. Wir standen an der Tür und winkten der Föhnfrisur hinterher, bis sie um die Ecke und in eine geheimnisvolle Welt verschwunden war, die „Arbeit“ hieß. Abends kam sie wieder. Die Stunden zwischen dem Lippenstiftkuss am Morgen und dem Lippenstiftkuss am Abend verbrachten wir mit Frau Heinsen.

Frau Heinsen, das war die Frau, die uns Mittag kochte, mit mir auf den Spielplatz ging und die uns abends den Schlafanzug anzog, wenn es bei Mama später wurde. Sie trat in mein Leben, als ich gerade mein erstes Kind bekommen hatte: einen glatzköpfigen Puppenjungen, den ich Popo taufte. Ich wollte lieber Barbies. Gestandene Frauen, denen ich die Haare frisieren und schöne Kleider anziehen konnte. Ich war vier Jahre alt.

„Wir brauchen sie nicht. Sie nervt“, sagte Lino jeden Abend, wenn die Tür hinter Frau Heinsen zugefallen war und Mama fragte, wie es mit ihrer Platzhalterin gewesen sei. „Wir brauchen sie nicht! Sie nervt“, echote ich. Lino war gerade in die Schule gekommen. Er konnte ohne Stützräder Fahrrad fahren und riesige Legohäuser bauen. Und er hatte den Grundsatz, dass es nur eine Mama gibt und keine Mamas neben ihr. Ich vergötterte ihn. Lino kletterte mit finsterer Miene auf Mamas Schoß. „Doch“, sagte Mama. „Ihr braucht sie.“ Die Diskussion war beendet, und ich ging ins Badezimmer, um vor dem Spiegel den finsteren Lino-Blick zu trainieren.

Frau Heinsen wurde meinen Eltern vom Arbeitsamt vermittelt. Sie hatte sich im Zweitmutter-Casting gegen eine 60-jährige Kettenraucherin durchgesetzt, die darauf bestand, ihren Schäferhund mitbringen zu dürfen. Frau Heinsen rauchte nicht und brachte nur ihre Tochter Svenja mit, die ein Jahr jünger war als ich. Frau Heinsen war groß, größer als Mama. Sie hatte einen Pony, den sie, wenn er zu weit in die Stirn fiel, nach oben pustete. Ich hatte noch nie so etwas Lässiges gesehen. Außerdem hatte Frau Heinsen eine Bauchtasche, die prall gefüllt war mit Kaugummis. Alle paar Minuten wanderte ein benutztes Kaugummi aus dem Mund in die Bauchtasche und ein frisches in den Mund. Beim Abendessen übte ich das turboschnelle Kauen mit meinem Wurstbrot, nie gelang es mir.

Nachdem Frau Heinsen ein paar Wochen bei uns war, rief mich Lino zu einer Unterredung unter den Esszimmertisch. Dort wurden, gut verdeckt von der langen Tischdecke, alle ernsten Themen besprochen. „Wir brauchen keine zweite Mama. Wir mögen sie nicht“, begann er die Unterredung. Ich nickte. Dann erklärte er mir am Beispiel unserer neuen Kinderfrau den Begriff „Arbeitsteilung“. Seine Aufgabe: Frau Heinsen durch herablassende Abwehrhaltung zeigen, wie unerwünscht sie bei uns war. Mein Part: sie dabei irgendwie bei Laune zu halten, um keine Krisengespräche zu provozieren. Und vor allem: sie ihm vom Leibe zu halten.

Es war still im Haus, wenn die Tür hinter Mama ins Schloss fiel. Prinz Lino zog sich in sein Gemach zurück, ich spielte mit Svenja. Manchmal schepperte es. Svenja kommunizierte, indem sie Dinge auf den Boden schmiss. Einmal fiel ihr meine selbst getöpferte Alienfamilie zum Opfer. An diesem Abend gelang mir mein finsterer Lino-Blick besonders gut.

Waren die finsteren Blicke berechtigt? Mama kochte duftenden Griesbrei, bei Frau Heinsen gab es fade Erbsensuppe. Mama roch nach Parfum, sie nach Kaugummi. Meine Mutter redete, fragte, las vor. Frau Heinsen redete nicht viel. „Na?“, sagte sie mit norddeutscher Nüchternheit, wenn Mama weg war. „Och“, sagte sie, wenn Lino sich weigerte, aus seinem Zimmer zu kommen. „Pschhht“, sagte sie, wenn ich beim Autofahren sang. Da musste sie sich nämlich konzentrieren. „Tschüssi“, sagte sie, wenn sich am Abend der Schlüssel im Schloss umdrehte und – endlich! – Mama in der Tür stand.

Fast zwei Jahre bestimmte Frau Heinsen meinen Alltag. „Deine Mama ist da!“, hieß es im Kindergarten, wenn Frau Heinsen an der Tür stand. Dass meine Mama eigentlich die Frau war, der ich morgens beim Schminken zusah und die dann verschwand, bis sie abends nach Hause kam, um mir „Madita“ vorzulesen, behielt ich für mich. Zu kompliziert für die Kinder aus dem Hamburger Vorort, wo die Mütter den Kopf schüttelten über diese Mama, die ihre Kinder betreuen ließ.

Dann brach Frau Heinsen sich beide Arme. Mama kam zu dem Schluss, dass es besser sei, wenn wir uns eine neue Tagesmutter suchten. Ich war fast sechs. Meinen Puppenjungen Popo hatte ich inzwischen auf dem Wohltätigkeitsbasar im Kindergarten zur Adoption freigegeben.

Und so verschwand Frau Heinsen vor vielen Jahren aus unserem Alltag. Aber immer noch dient sie als geeignetes Stichwort, um bei Mama den sehr spendablen Rabenmutterkomplex wachzurufen.

Und dann treffe ich, 22 Jahre alt, die Buhfrau wieder. Wir sind im Café am Eimsbüttler Kaiser-Friedrich-Ufer verabredet. Ich bin nervös. Wiedersehen mit einer Zweitmama, von der ich nicht einmal weiß, ob ich sie duzen oder siezen soll. Was für eine dumme Idee.

Wir begrüßen uns mit einer unbeholfenen Mischung aus Umarmen und Händeschütteln. Unter den langen Ästen einer Weide sitze ich einer Frau in Schlabberpulli und Jeans gegenüber, die mein Kinderbild ins Wanken bringt. In meiner Erinnerung war diese Frau wortkarg. Die 50-Jährige, die vor mir sitzt, kann sprechen und hat Lachfältchen um die Augen. Sie erzählt von einer fairen Arbeitgeberin, die morgens als Geschäftsfrau das Haus verließ und sich abends, wenn sie mit Rändern unter den Augen nach Hause kam, in eine Mutterglucke verwandelte. Sie erzählt von einem verschlossenen kleinen Jungen, an den nicht ranzukommen war, und von der kleinen Schwester, die angestrengt versuchte, allen zu gefallen. Sie erzählt von den Stunden, die wir auf dem Spielplatz verbrachten, und ihrer Angst, den Teppich in unserem Wohnzimmer schmutzig zu machen. Ich denke an den Vertrag, den ich vor vielen Jahren mit Lino unter dem Esszimmertisch schloss: „Wir mögen sie nicht.“

Dem offiziellen Beschluss, Ersatzmamas nicht zu mögen, kam ich bei Frau Heinsens Folgemamas mal mehr und mal weniger gewissenhaft nach. Frau Heinsen wurde ersetzt durch Drittmama Dusanka. Dusanka war vor dem Krieg in Bosnien geflohen. „Wir brauchen keine dritte Mama“, sagte Lino nach Dusankas erstem Tag. „Doch“, sagte Mama. „Ihr braucht sie. Und sie braucht uns. Bei ihr zu Hause ist Krieg.“ Dusanka achtete Linos „Betretn verbotn“-Schild an seiner Zimmertür, und ich widmete mich ihrer Betreuung. Sie brauchte viel Betreuung. Sie hatte Heimweh und weinte oft. Dusanka ging zurück nach Bosnien. Ihr folgte Viertmama Frau Junin, eine temperamentlose Russin, die kein Fahrrad fahren konnte und wenig Deutsch sprach.

Was würde Muttertagserfinderin Anna Jarvis davon halten, dass Mamas heute den Nachwuchs von Zweit- und Drittmüttern betreuen lassen? Ob das Kinderseelen langfristig schädigt und womöglich Auslöser lebenslanger Dysfunktion ist – darüber wird seit Jahrzehnten ausgiebig gestritten. Wenn Ursula von der Leyen für mehr Kitas kämpft, jaulen konservative Medien auf. Wenn in Thüringen eine Herdprämie gezahlt werden soll, rufen sie: Bravo. Und was sagen die Kinder?

Ich versuche, die Frau Heinsen, die mir gegenübersitzt, in mein Schema der nervenden Ersatzmamas zu pressen. Ich will sie nicht mögen. Ich versuche, an meine getöpferte Alienfamilie zu denken. Aber die Frau, die jetzt von ihrem neuen Job in einer Kindertagesstätte erzählt, mag ich. Wenn ich mir einmal morgens die Haare föhnen und ein graues Kostüm anziehen werde, würde ich ihr ohne Bedenken meine Kinder anvertrauen.

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