Freibeuter : Wer ist der Pirat?

Sie sind vielleicht Helden in Büchern und Filmen. In der kolonialen Realität handelten die Piraten aber aus purem Eigennutz. Heute kapern sie wieder Schiffe und sind der Schrecken der Handelschiffe auf den Ozeanen.

Caroline Fetscher
Johnny Depp
Jack Sparrows (Johnny Depp, l.) lässt die Herzen vieler Romantiker höher schlagen. -Foto: promo

Wie entstanden die Piraten?



Augenklappe und Säbel sind immer noch die beliebtesten Verkleidungen für Kinder zu Fasching. Hausbesetzer oder die Fans des FC St. Pauli hissen die schauerliche Piratenflagge mit dem Totenkopf vor gekreuzten Knochen, ein linker Verlag taufte eine seiner Reihen „Freibeuter“. Die organisierte Kriminalität auf hoher See, wie man sie seit Monaten vor der Küste von Somalia erlebt, ist umflort von romantischen Mythen der Autonomie und Herrschaftsfreiheit der freien Weltumsegler und Schatzsucher, edlen Räuber und verwegenen Abenteurer.

Piraten sind Legenden. Vor allem als klassische Hochseegangster, deren Blütezeit am Anfang des 17. Jahrhunderts lag. Längst belegen die Quellen der Historiker, dass die Piraterie so alt ist wie die Seefahrt selbst. Der Begriff „Piraten“ taucht zum ersten Mal beim römischen Geschichtsschreiber Polybius auf, schon in Ilias und Odyssee gibt es Seeräuber. Stets ging es um das Rauben von Gütern und Geiseln, Menschenhandel für Sklavenmärkte. Für Julius Cäsar verlangten Seeräuber 76 vor Christus vor der Insel Pharmakusa ein hohes Lösegeld, das seine Anhänger, so berichtet Plutarch, auch eintrieben. Nach seiner Freilassung ließ Cäsar die Täter von Milet aus jagen und hinrichten. Als organisierte Piratengruppen lassen sich auch die raubeinigen Wikinger bezeichnen, die auf ihren Beutezügen auf nördlichen Gewässern vor mehr als tausend Jahren aktiv waren.

Wie entwickelte sich die Piraterie?

Je mehr die Seeschiffahrt sich technologisch entwickelte, je intensiver sich überseeische Handelsfahrten und Warentransporte ausbreiteten, desto globaler wurde auch die Piraterie. Auf allen Ozeanen konnten Piraten Handels- und Kriegsflotten in Schrecken versetzen. Die Akteure waren dabei häufig keineswegs autonom. Auf den Weltmeeren ruderten und segelten nicht nur wilde, multiethnische Banden hinaus zum Plündern und Kapern, sondern auch „autorisierte Piraten“, die als Freibeuter im Auftrag von Fürsten, Rittern und anderen Herrschern als Söldner in See stachen.


Wie ging es an Bord der Schiffe zu?

Da sich die Piraterie meist abseits der offiziellen Geschichtsschreibung abspielte, wissen Historiker über die Einzelheiten und den Alltag der Seeräuber wenig. 1724 erschien das sensationalistische Buch „A General History of the Robberies and Murders of the Most Notorious Pyrates”, angeblich von Captain Charles Johnson verfasst, der Kenntnisse aus erster Hand hatte, doch auch übertrieben haben soll. Gesichert scheint, dass es an Bord vieler Piratensegler demokratischer zuging als auf herkömmlichen Schiffen, was die linke Variante der Piratenromantik erklärt. Kapitäne konnten gewählt und abgewählt werden, viele Mannschaften hatten ein gewisses Recht auf Mitbestimmung. Zwar gab es strikte Regeln. Exzessiver Streit bei Rumkonsum, Glücksspiel und Raufereien wurde geahndet, Diebstahl ebenso, und die Strafen konnten drastisch sein, doch Folter unter den Kameraden kam kaum vor. Für im Kampf verlorene Gliedmaßen vereinbarten viele Piraten Entschädigungen nach einem genauen System.

Was für Piratentypen gibt es?

Illegale, also „echte“ Piraten, Banden von bunt zusammengewürfelten, eigengesetzlichen Beutemachern, wie sie dem Kinderspiel und der kollektiven Fantasie noch vorschweben, waren oft ehemalige Seeleute, die auf Handels- oder Kriegsschiffen wegen unerträglicher Verhältnisse gemeutert hatten, entlaufene Sklaven und Häftlinge oder arbeitslose Matrosen ohne Besitz und gesellschaftlichen Schutz. Zum Boom, zum „Goldenen Zeitalter der Piraterie“, das von etwa 1700 bis 1730 dauerte, kam es unter anderem nach dem spanischen Erbfolgekrieg (1701 bis 1714) zwischen Frankreichs Kriegskoalition und einer Allianz aus österreichischen Habsburgern mit England, als es in den Häfen von Seemännern ohne Arbeit wimmelte.

Zu diesem Typus gehörte der Engländer Edward Teach, genannt Blackbeard, der auch den Schriftsteller Daniel Defoe faszinierte. In Bristol geboren diente Teach während des Krieges der Krone auf jamaikanischen Schiffen, wobei er Navigation und Kriegshandwerk ausgiebig lernte. Später machte er sich gewissermaßen selbständig und plünderte mit seinen Mannen und kanonenbewehrten, erbeuteten Seglern Handelsschiffe in der Karibik. In North Carolina wurde Teach 1718 vorübergehend „bürgerlich“ und lebte vom lukrativen Verkauf aus Piratenbeute, machte aber schon bald mit einem neuen Schiff die Bucht von Honduras unsicher, um sein Revier weiter nach Norden auszudehnen. Seine Schiffe „Adventure” und „Queen Anne’s Revenge” wurden so berühmt wie seine blutigen und einträglichen Taten. Seine Marodeure und Räuber nahmen vor allem den britischen Handel aufs Korn, was die nach Unabhängigkeit von Großbritannien strebenden Amerikaner erfreute.

Der andere Typus Pirat handelte nicht aus Eigennutz allein, sondern im Auftrag, als Freibeuter. So auch Sir Francis Drake (1540 – 1596). Er segelte als englischer Freibeuter um die Welt. Bei den Westindischen Inseln plünderte er im Auftrag von Königin Elisabeth I. spanische Handelsschiffe. Er umsegelte Kap Hoorn und die Westküste Amerikas bis zur Vancouverinsel. Seine Reise war die zweite Weltumsegelung nach Ferdinand Magellan und die erste eines englischen Kapitäns. Nach vielen Beutezügen wurde er 1581 in den Adelsstand erhoben.

Auf den Meeren kaperten Piraten wie Drake die Schiffe der Feinde ihrer Herren, raubten deren Waren, lieferten sich mit ihnen Seeschlachten oder schnitten Gegnern Seewege ab, indem sie sie durch ihren sanktionierten Hochseeterror unpassierbar machten. Bei Wind und Wetter mussten ihre Leute schwer schuften, Hierarchien und Regeln waren streng, das Essen oft karg, die Kojen eng und überfüllt. Krankheiten kamen noch dazu, lange Wartezeiten zwischen Plünderzügen sorgten für Spannungen an Bord. Doch die Freibeuter erhielten in der Regel einen satten Anteil an der Beute.

Ein weiterer von ihnen war der Schotte Captain William Kidd, geboren 1645, ein sogenannter „Gentleman-Pirat“, den es offiziell bis zur Pariser Seerechtskonvention von 1856 gab. Auf seiner Reise soll er mit seiner Mannschaft Unmengen von Gold und Silber gehortet und den sagenumwobenen „Schatz von Captain Kidd“ an einem geheimen Ort vergraben haben. Unterwasserarchäologen aus Amerika fanden im Dezember 2007 vor Catalina Island in der Dominikanischen Republik ein intaktes Wrack und wollen jetzt beweisen, dass es sich um die Überreste der von Kidd gekaperten, reich mit Gold und Silber beladenen „Quedagh Merchant“ handelt.Die Ladung, wie Kanonen und Anker, blieb erhalten, allerdings tauchte bisher vom Schatz keine Spur auf.

Immer mehr Regierungen setzten sich aber Mitte des 17. Jahrhunderts gegen Piraten zur Wehr und verzichteten darauf, „Freibeuter“ anzuheuern. Das „Goldene Zeitalter der Piraterie“ ging zu Ende. Viele Piraten wurden hingerichtet – als Abschreckung für Nachahmer.

Was haben heutige und damalige Piraten gemeinsam?

Mit den Kalaschnikows tragenden somalischen Erpressern auf den heutigen Meeren hat die Piratenromantik insgesamt so wenig gemein wie mit der sozialen Realität vergangener Epochen. Die offene See als schwer bewachbares Terrain jenseits der küstennahen Hoheitsgewässer bietet sich bis heute an für räuberische Aktivitäten, und Grundzüge ihrer antiken und kolonialen Vorgänger weisen auch die heutigen Akteure noch auf. Schließlich entstand Piraterie aus Not, Gier, Machtstreben, Flucht vor dem Gesetz oder der Tyrannei. Mit manchen, meist abgelegenen Hafenstädten vereinbarten die Seeräuber, sie als Stützpunkt zu nutzen, wo sie Proviant bunkern und ihre Schiffe reparieren konnten – solche Gebiete boten im Lauf der Geschichte etwa Taiwan, Marokko, Jamaika und die Bahamas. Ähnliche Motive und Allianzen gibt es auch heute noch.

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