Welt : Gehasst und angehimmelt

Ein 23-Jähriger spaltet die türkische Nation: Er hat seinen Vetter erstochen – und will nun Popstar werden

Thomas Seibert[Istanbul]

Bayhan Gürhan sieht gut aus, ist musikalisch und will ganz nach oben. „Ich habe eine völlig andere Stimme und einen völlig neuen Stil“, sagt der 23-Jährige über sich selbst. Gürhan ist einer der Favoriten in der türkischen Version des „Popstar“-Talentwettbewerbs – aber er ist auch ein verurteilter Totschläger, der zwei Jahre im Gefängnis gesessen hat. Als er sich für den „Popstar“-Wettbewerb anmeldete, verschwieg Gürhan seine dunkle Vergangenheit, doch die Presse brachte sie jetzt ans Licht. Viele Fans der Fernsehserie fordern entsetzt, Gürhan müsse sofort aus dem Wettbewerb entfernt werden; andere unterstützen den Nachwuchssänger – der Streit tobt. Die „Popstar“-Reihe im Privatsender Kanal D ist ein Quotenrenner im türkischen Fernsehen. Gürhan belegt in den wöchentlichen Ausscheidungs-Shows regelmäßig einen der vorderen Plätze und ist einer der neun Kandidaten, die noch übrig geblieben sind und sich nun Hoffnung auf Platz eins machen dürfen.

Auch nach dem Wirbel um seine Vergangenheit als Messerstecher will er nicht aussteigen und wird von den Veranstaltern darin bestärkt. Schließlich sichert die Diskussion über Gürhan anhaltendes Zuschauerinteresse. Gürhan stammt aus dem südtürkischen Adana und hat eine schwere Kindheit hinter sich. Vor fünf Jahren geriet der damals 18-Jährige mit seinem Vetter in einen Streit. Gürhan sagt, sein Vetter habe ihn angegriffen, weshalb er selbst das Messer zog, um ihm Angst zu machen. Im Handgemenge sei sein Vetter tödlich verletzt worden. Ein Gericht verurteilte Gürhan wegen Totschlages zu acht Jahren Haft, von denen er zwei absaß, bevor ihm die Reststrafe erlassen wurde. Doch die Messerstecherei war kein Ausrutscher. Nach seiner Haftentlassung wurde Gürhan noch einmal verurteilt, weil er einen Mann mit dem Messer verletzt hatte. Zwei weitere Prozesse, die gegen ihn liefen, wurden wegen einer inzwischen erlassenen Generalamnestie eingestellt.

Er habe nicht gewusst, was er mit seinem Leben anfangen sollte, bis er auf die „Popstar“-Serie stieß, sagt Gürhan heute: „Dieser Wettbewerb ist der erste richtige Schritt, den ich je getan habe.“ Als die Presse von seinen Vorstrafen erfuhr, brach Gürhan in Tränen aus und verkroch sich in seinem Istanbuler Hotelzimmer, in dem er sich auf die neue Ausscheidungsrunde vorbereitet. Er wisse, dass er in der Vergangenheit „einige Fehler“ gemacht habe, doch jetzt wolle er in die Zukunft blicken, erklärte er schließlich. Die Veranstalter der „Popstar“-Reihe sehen keinen Grund, Gürhan aus dem Wettbewerb zu entfernen: Der junge Mann habe seine Strafe schließlich abgesessen; die Fernsehzuschauer sollten entscheiden, ob er ausscheiden müsse, oder weiter dabeibleiben dürfe. Den ersten Test bestand der vorbestrafte Sänger klar. Am vergangenen Wochenende qualifizierte sich Gürhan zusammen mit acht anderen Kandidaten für die nächste Runde. Viele Zuschauer haben ihm offenbar schon verziehen. Vielleicht liegt es daran, dass gewalttätige Gesangstars für das türkische Publikum nichts Neues sind.

Zu viel nackte Haut

So sorgt der Star der Stars in der Volksmusik-Szene, Ibrahim Tatlises, schon seit Jahren mit Szenen militanter Eifersucht immer wieder für Schlagzeilen. Tatlises soll seine Freundinnen mehrmals verprügelt haben. Einmal heuerte er angeblich sogar einen Scharfschützen an, der seiner Lebensgefährtin, einer Bauchtänzerin, ins Bein schoss – sie hatte bei einem Auftritt zu viel nackte Haut gezeigt. Tatlises’ Eskapaden sind inzwischen ein fester Bestandteil der türkischen Unterhaltungsbranche. Doch was für Schnulzen- König Tatlises gilt, der wegen seiner großen Popularität über die Landesgrenzen hinaus von der türkischen Regierung sogar zu Konzerten in den Irak geschickt werden sollte, gilt nicht unbedingt für einen noch unbekannten Sänger wie Gürhan, dessen Karriere noch überhaupt nicht richtig begonnen hat.

Dass Gürhan ein hartgesottener Krimineller ist, glaubt kaum jemand. Mitbewerber, die ihn bei den „Popstar“-Proben hinter den Kulissen kennen lernten, schildern ihn als schweigsam, nervös, aber sympathisch.

Viele Zuschauer würden ihn trotzdem am liebsten sofort aus dem Wettbewerb werfen. „Selbst wenn er der letzte Mensch auf der Welt wäre, dürfte er kein ,Popstar‘ sein“, schrieb ein entrüsteter Teilnehmer einer Internet-Chatrunde. „Einem, der einen Menschen getötet hat, kann ich nicht auch noch einen Ehrenplatz einräumen“, lautete ein anderer Kommentar. Dagegen halten andere Zuschauer fest zu Gürhan: „Er soll gewinnen“, forderte ein Fan im Internet. „Jeder kann mal einen Fehler machen“, betonte ein anderer. Die Unterstützer von Gürhan nennen sich in Anlehnung an den Vornamen ihres Idols „Bayhancis“. In diesem erbitterten Streit schauen nur wenige auf Gürhans künstlerische Fährigkeiten. „Ich bin auch dafür, dass er aus dem Wettbewerb fliegt“, sagt ein Istanbuler Kaufmann, der wie Millionen andere Türken jede Woche den „Popstar“ einschaltet: „Aber nicht, weil er was Schlechtes getan hat, sondern weil er schlecht singt.“

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