Welt : Geheim, geplant oder ganz spontan

KLAUS J. SCHWEHN

BONN . "Ach wie war es doch vordem mit Bonner Urlaubsplänen so bequem": Helmut Kohl, wußte jedermann, war am Wolfgangsee eingebucht; Oskar Lafontaine, keineswegs Mitglied der Toskana-Fraktion, zog es in die Provence und Joschka Fischer in eben jene Toskana. Heute ist Gerhard Schröder Bundeskanzler, und keinem hat er gesagt, wo er sich von Atomausstieg, Bündnissen für Arbeit und Rentengezerre erholen will. Am Wolfgangsee wird er sicher nicht auftauchen; aber mit dem Wasser hat er es. Der Chef vom Dienst im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung kann nur bestätigen, daß "der Kanzler Urlaub macht". Wo, bleibt zunächst geheim.Im Juli und August macht die Politik Urlaub, das ist in Berlin auch nicht anders als in Bonn. Immer wieder - eigentlich seit der Zeit, da ein gewisser Björn Engholm SPD-Vorsitzender war - ist bei den Sozialdemokraten spöttisch die Rede von der "Toskana-Fraktion". Die ist partei- und fraktionsübergreifend geworden - und hat sich ausgeweitet: Otto Schily macht in dieser lieblichen, oft so melancholisch wirkenden italienischen Landschaft wieder Urlaub, auch der neue Finanzminister Hans Eichel, ebenfalls nicht zum ersten Mal. Joschka Fischer, der Bundesaußenminister, hat dort ebenfalls seit Jahren ein immer wieder angesteuertes Domizil. Offen ist, ob er diesmal - mit frisch angetrauter Ehefrau - wieder den selbst bereiteten kulinarischen Genüssen frönt - oder ob er nun den Salat anrichten läßt. Seine Parteikollegin Andrea Fischer will in der Schweiz ausspannen - und auch den Sprung aus dem Ausland der Europäischen Union (EU) in das italienische EU-Inland wagen. Ob sie zum Salat bei Joschka auftauchen wird, ist allerdings fraglich.Viele Politiker zeigen sich bei der Wahl des Urlaubsdomizils heimattreu und bevorzugen dabei den Norden. Mit dabei ist natürlich auch der frischgebackene Bundespräsident Johannes Rau. Er hat ein kleines Häuschen auf der Nordsee-Insel Spiekeroog, dort hat er vor der Wahl frische Luft geschnappt; das wird er jetzt auch tun. Wie es aussieht, mit der gesamten Familie und nicht ohne sein Fahrrad. Sein Vorgänger im Amt, Roman Herzog, bleibt in der bayerischen Heimat. Wahrscheinlich ist er mit Frau Christiane im neuen Haus mit dem Auspacken des Berliner Umzugsgutes beschäftigt.In den Norden zieht es auch Bundesfamilienministerin Christine Bergmann. Ihrem etwas spröden Naturell entsprechend, plant sie lange Wanderungen durch norwegische Einsamkeiten, um neue Kraft zu finden. Das Wandern verbindet sie mit Bildungsministerin Edelgard Bulmahn, mit der sie in Bonn verschiedene kinder-, familien- und seniorenpolitische gestartet hat. Ministerin Bulmahn zeigt sich allerdings wenig auskunftsfreudig, was die Wahl ihres Urlaubsdomizils betrifft.Wie es zu seinem Amt als Bundesverteidigungsminister paßt, scheut Rudolf Scharping auch in diesem Jahr den Tritt in die Pedalen nicht. Dabei haben seine Fahrradtouren schon des öfteren mit einem bösen Sturz geendet. Erst vor kurzem hat er sich beim Kurzurlaub auf Mallorca radfahrend den Arm gebrochen, vor Jahren beim Sturz eine lebensgefährliche Kopfverletzung davongetragen. Aber jetzt dürfte er den Sturzhelm im Reisegepäck haben: In diesem Jahr zieht es ihn mit seinem Rennrad wieder einmal nach Südwestfrankreich. Natürlich in den Dunstkreis der Tour de France, die er mitsamt dem deutschen Team Telekom seit längerem - auch literarisch - begleitet.Bau- und Verkehrsminister Franz Müntefering macht keinen Urlaub. Er fährt nach Berlin und will selbst die Umzugskartons auspacken. Ähnlich asketisch verhält sich auch Entwicklungshilfeministerin Heidi Wieczorek-Zeul. Sie hat "so viel Arbeit", wie sie sagt. Und wenn ein paar Tage rauszuschinden sind, wird sie eine ihrer berühmt-berüchtigten spontanen Entscheidungen treffen.

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