Welt : Geistig Behinderte gewählt

In einem türkischen Dorf rebellieren die Bewohner auf merkwürdige Weise gegen ihren Bürgermeister

Thomas Seibert[Istanbul]

Eine Nachwahl zum Gemeinderat in einem türkischen Provinznest ist normalerweise nicht der Stoff, aus dem landesweite Schlagzeilen gemacht sind. Doch im Falle der Ortschaft Müsküle im Nordwesten des Landes ist das etwas anderes. Weil sie mit ihrem Bürgermeister unzufrieden sind, haben die Bewohner von Müsküle bei einer Nachwahl aus Protest vier geistig behinderte Bürger in den Gemeinderat geschickt. „Sie haben die Verrückten gewählt“, titelte eine Zeitung. Ob die Wahl anerkannt wird, ist noch nicht sicher. Fest steht aber, dass in Müsküle die behinderten Menschen zum Spielball in einem eigenartigen Machtkampf geworden sind.

Die Dorfbewohner werfen ihrem Bürgermeister Emin Tektas vor, er habe Geld veruntreut. Dabei geht es unter anderem um Abgaben, die die Bauern des Dorfes am malerischen Iznik-See nahe der Großstadt Bursa für die Bewässerung ihrer Olivenhaine bezahlen müssen. Bürgermeister Tektas habe umgerechnet 100 000 Euro in die eigene Tasche gesteckt, zitierte die Zeitung „Vatan“ einen verärgerten Dorfbewohner. Zurücktreten will Tektas aber nicht. Als einige Mitglieder des alten Gemeinderates aus Protest gegen das angebliche Fehlverhalten des Ortsvorstehers zurücktraten, wurde jene Nachwahl fällig, die Müsküle auf die Titelseiten der Zeitungen katapultierte.

Zu den Siegern der Wahl gehörte unter anderem der 49-jährige Mehmet Olgun, der kaum sprechen, geschweige denn lesen und schreiben kann. Olguns Hauptbeschäftigung bestehe darin, mit seinem Krückstock durch das Dorf zu laufen, zitierten Zeitungen einige Bewohner von Müsküle. Trotzdem wurde er zum Vorsitzenden des Gemeinderates gewählt. Ein anderes neues Ratsmitglied trägt den Spitznamen „Tourismusminister“, weil er regelmäßig aus dem Dorf verschwindet und sich verirrt. Die frischgebackenen Politiker freuten sich sichtlich über ihre Ämter und gaben den nach der Wahl angerückten Medienvertretern bereitwillig Interviews, auch wenn sie nicht recht zu sagen wussten, was sie auf den neuen Posten eigentlich tun sollen.

Während in Müsküle das bizarre Spiel auf dem Rücken der Behinderten ablief, tauchte Bürgermeister Tektas erst einmal unter. Das hatte sofort Folgen für den Behördenalltag, wie die paramilitärische Gendarmerie erfuhr, die in ländlichen Gebieten der Türkei für die Polizeiaufgaben zuständig ist. Als ein Trupp Gendarmen nach der Wahl vom Sonntag im Dorf auftauchte, um Berichten über eine illegale Mülldeponie nachzugehen, fanden sie niemanden vom Gemeinderat, der das Untersuchungsprotokoll abzeichnen konnte – denn die neuen Gemeinderatsmitglieder können weder lesen noch schreiben.

Dieses Manko könnte zur Annullierung der Wahl führen. Nach dem Gesetz dürfen keine Analphabeten in den Gemeinderat gewählt werden. Möglicherweise steht in Müsküle deshalb jetzt die Nachwahl der Nachwahl bevor. Das zuständige Landratsamt wolle die frisch gewählten Ratsmitglieder ihrer Ämter entheben, berichten die Zeitungen.

Inzwischen meldete sich Bürgermeister Tektas nach mehrtägiger Abwesenheit wieder im Dorf zurück. Er fühlte sich durch die Protestwahl der Dorfbewohner so gekränkt, dass er auf dem Dorfplatz vor der versammelten Gemeinde einen theatralischen Selbstmordversuch unternahm.

Er schoss sich aber in den Arm statt in den Kopf und liegt jetzt im Krankenhaus.

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