Welt : Geschäft mit der Hoffnung

Raths umstrittene Vitaminkur gegen Aids trifft in Südafrika auf Widerstand

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

Südafrika hat mit mehr als fünf Millionen Menschen mehr HIV-Infizierte als jedes andere Land der Welt. Und wenig deutet darauf hin, dass Südafrika die Seuche in den Griff bekommen wird. Auslöser des jüngsten Streits ist ein umstrittener deutscher Arzt: Matthias Rath war bereits im vergangenen Jahr nach dem Tod eines kleinen Jungen in die Schlagzeilen geraten, dessen Krebserkrankung der Mediziner mit seiner umstrittenen Vitamintherapie heilen wollte. Inzwischen vermarktet Rath seine Vitamincocktails auch in Südafrika – diesmal sollen Vitamine allerdings nicht gegen Krebs helfen, sondern plötzlich gegen Aids.

Rath geht noch einen Schritt weiter: In ganzseitigen Zeitungsanzeigen warnt er ausdrücklich vor dem Einsatz anti-retroviraler Präparate, also jener Medikamente, die das Leben von an Aids erkrankten Menschen nachweislich erleichtert und verlängert haben.

Raths Ansichten gelten in der Wissenschaft als vollkommen abwegig.

In seinem Feldzug gegen die Verwendung anti-retroviraler Medikamente ist Rath so weit gegangen, die südafrikanische Anti-Aids-Organisation „Treatment Action Campaign“ (TAC), die eine landesweite Ausgabe dieser Medikamente an Aids-Kranke fordert, als „Handlanger der Pharmaindustrie“ zu bezeichnen. Das eigentliche Ziel der Kampagne, behauptet Rath, sei es, den Absatz der Aids-Medikamente zu steigern. TAC hat Rath wegen Verleumdung verklagt.

Daneben wirft die Organisation dem deutschen Arzt vor, mit seinen Vitaminpräparaten, die er absetzen will, bei den HIV-Infizierten falsche Hoffnungen zu wecken und die Öffentlichkeit zu verwirren. Dass immer mehr Schwarze in den Elendsvierteln dem Irrglauben aufsitzen, die Pharmaindustrie veranstalte aus Profitgier einen Massenmord, hat auch die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen bestätigt.

Viele der von ihr seit langem betreuten Patienten seien inzwischen nicht mehr sicher, ob die Einnahme von Aids-Medikamenten wirklich das Richtige sei. TAC hat den deutschen Mediziner inzwischen offen einen „Scharlatan“ genannt. „Rath behauptet, dass seine Vitamine ein Ersatz für die Verwendung herkömmlicher Anti-Aids-Mittel seien, was einfach nicht stimmt“, erklärte ein TAC-Sprecher. In die gleiche Kerbe wie TAC schlagen auch zwei Forscher der Harvard-Universität, auf deren Studie sich Rath beruft. Sie werfen dem deutschen Arzt vor, ihr Forschungsprojekt „absichtlich und auf unverantwortliche Weise missinterpretiert“ und für seine eigene Vitaminkampagne ausgeschlachtet zu haben. Beide Forscher haben ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Vitaminzusätze für Aids-Kranke zwar einen gewissen Nutzen hätten, aber keine Alternative zur Verwendung anti-retroviraler Medikamente darstellten.

In Südafrika wird das Thema Aids seit Jahren sehr kontrovers diskutiert. Die Politik Südafrikas wirkte dabei häufig widersprüchlich. In Afrika zirkulieren, angeheizt durch das Internet, unzählige Aids-Mythen. Die meisten dieser Theorien gehen davon aus, dass es sich bei Aids um eine konzertierte Aktion westlicher Pharmakonzerne oder Geheimdienste gegen die „schwarze Rasse“ handele. In Afrika fällt diese Vermutung auf fruchtbaren Boden, weil sich viele Afrikaner in der Rolle der Opfer sehen. Weil die sexuelle Übertragung des Aids-Virus und seine hohe Ausbreitung in Afrika Klischees über den afrikanischen Mann angeblich bestätigen, wird die sexuelle Übertragbarkeit oft geleugnet. Viele Afrikaner sind davon überzeugt, dass die Medikamente vergiftet und nur deshalb auf dem Markt sind, damit westliche Pharmakonzerne ungestört am lebenden schwarzen Objekt experimentieren könnten.

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