Welt : Geständnis ohne Wert?

Pascal-Prozess: Eine geistig Zurückgebliebene sagt aus

Volker Hildisch[Saarbrücken]

Im Prozess um den Missbrauch und die Tötung des kleinen Pascal hat eine weitere Angeklagte ihre Beteiligung gestanden. Die 40 jährige Andrea M. sagte vor dem Schwurgericht Saarbrücken, sie habe den kleinen Jungen festgehalten, während er von dem ebenfalls angeklagten Martin M. vergewaltigt wurde.

Sie habe auf Anweisung der Wirtin der „Tosa-Klause“, Christa M., gehandelt, weil Pascal laut geschrieen habe. Zuvor waren nach ihren Angaben schon mehrere Männer im „Kämmerchen“ der Kneipe. Sie habe den Jungen an den Schulterblättern auf die Pritsche gedrückt. Plötzlich habe er sich nicht mehr bewegt. Mit dem Angeklagten S. habe sie Pascal später in einen Müllsack gepackt und erst einmal „zwei oder drei Cognac“ getrunken. Später habe sie den Leichnam zusammen mit der Wirtin in eine Sandgrube im nahen Frankreich gebracht, wo S. den Sack vergraben habe. Weder dort noch anderswo hat die Polizei aber bisher die Leiche gefunden.

Andrea M., die von Gutachtern als geistig zurückgeblieben eingestuft wird, spricht nur schwer verständlich. Auf Nachfragen meint sie oft, daran könne sie sich nicht erinnern oder dazu wolle sie nichts sagen. Auch hat sie Angst – nicht nur vor dem Mitangeklagten Martin R., der ihr offenbar gedroht hat. Vielleicht auch vor der Situation im übervollen Gerichtssaal, wo sich die neun angeklagten Männer und vier Frauen mit ihren Pflichtverteidigern, den Gutachtern, rund 30 Polizisten und Zuschauern sowie Medienvertretern auf engem Raum drängeln. Dass sie in ihrem Leben immer auf der Verliererseite stand, hatte sie dem Gericht am vorherigen Verhandlungstag geschildert: Im Kindesalter wurde sie gehänselt, später war sie zeitweilig in psychiatrischen Kliniken untergebracht, wurde obdachlos und prostituierte sich. Dann nahm Christa W. sie in ihrer Wohnung auf, zwang sie aber weiter zur Prostitution.

Die erste Angeklagte, die andere durch ihre Aussage schwer belastet hatte, war in der vergangenen Woche Erika K. Die Putzfrau hatte unter anderem auch Andrea M. beschuldigt, bei der Vergewaltigung durch Martin R. den Kopf des kleinen Pascal in ein Kissen gedrückt zu haben. Das habe sie durch die halb geöffnete Tür beobachtet.

Gäste hätten der Wirtin teilweise zwanzig Mark dafür gegeben, dass sie Pascal vergewaltigen durften. Aber auch sie verwickelte sich in Widersprüche zu früheren Aussagen bei der Vernehmung durch die Polizei, bekommt die Abläufe an diesem Tag nicht mehr zusammen. Sie erinnert sich aber noch sehr gut, nach dem Tod Pascals mit einigen Gästen der „Tosa-Klause“ und ihrem Sohn auf die angrenzende Kirmes gegangen zu sein. Auch sie will nach eigener Aussage die Mülltüte aufgehalten haben, in der das Kind angeblich vergraben wurde. Für die Richter dürfte es schwer werden, die Glaubwürdigkeit der beiden bisher aussagewilligen Frauen zu beurteilen.

Da prallen nicht nur widersprüchliche Aussagen, sondern Welten aufeinander: Hier ein von Alkohol und sexueller Gewalt geprägtes Millieu in einem kleinen Gasthaus am Rande eines Armenviertels von Saarbrücken. Und dort die Realitäten der Ermittler, der Sachverständigen und des Gerichts, die herausbekommen wollen, was sich wirklich ereignet hat.

So sind die Aussagen entscheidend für das Urteil, denn objektive Tatbeweise wie die Leiche, Kleidungsstücke oder immer wieder genannte Foto- oder Videoaufnahmen wurden nicht gefunden. Und die übrigen Angeklagten wollen bisher zur Tat nicht aussagen.

Das Gericht steht vor dem Problem, dass die bisherigen Aussagen und Geständnisse oftmals keinen Sinn ergeben, nachweislich falsch oder widersprüchlich sind. Erfinden die geistig zurückgebliebenen Angeklagten unter dem Druck von Vernehmungen und der Situation im Gerichtssaal Geschichten? Sagen sie das, was von ihnen erwartet wird? Oder wissen sie möglicherweise wirklich nicht mehr, was geschehen ist? Das Gericht muss nun unter den vielen Informationen und falschen Darlegungen herausfinden, was stimmt und was nicht.

Ein Ende des Prozesses ist nicht abzusehen. Mehr als 100 Zeugen und Angeklagte sollen in den nächsten Monaten befragt werden.

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