Gesundheit : 13. Treffpunkt-Tagesspiegel Medizin & Fitness im ICC

Adelheid Müller-Lissner

Laufende Nasen beim Heuschnupfen, juckende Haut wegen Ekzemen, Verengung der Bronchien bis hin zur Atemnot bei Asthma: Unter den Folgen von Allergien hat inzwischen gut ein Fünftel der Menschen in den Industrienationen zu leiden. Die gut 700 Teilnehmer beim 13. Treffpunkt-Tagesspiegel Medizin & Gesundheit am Mittwochabend im ICC hatten viele Fragen zu ihren Plagen.

Schon bei der Geburt zeigt sich der kleine Unterschied: Im Nabelschnurblut vieler Babies, die später zu Allergien neigen, sind die Werte für Immunglobulin E erhöht, so Hartmut Lode, Leiter der Pneumologie an der Lungenklinik Heckeshorn. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass sie anders auf Stoffe aus der Umwelt reagieren, die vom Körper als fremd eingestuft werden.

Doch "Veranlagung" kann nicht die ganze Erklärung sein. Dass die allergischen Erkrankungen insgesamt zunehmen, bestätigte aus der Praxis die Kinderärztin Brigitte Ehnert. Die Allergiespezialistin, die auf dem Podium zugleich die Kassenärztliche Vereinigung vertrat, verwies auf das komplexe Zusammenspiel zwischen Genen und Umwelt. Ist es also die allgemeine Umweltverschmutzung, ist es die Belastung von Innenräumen, sind es verunreinigte Lebensmittel oder Gifte am Arbeitsplatz, die uns zu einem Volk von Allergikern machen, fragte der Moderator Justin Westhoff.

Umwelt sei weit mehr als das, betonte Dieter Eis, Umweltmediziner am Robert-Koch-Institut. Sie könne natürlich verursacht sein und umfasse dann Pollen und Hausstaubmilben. Ist sie menschengemacht, spielt die Isolierung von Innenräumen eine Rolle. "Wir haben nach der Wiedervereinigung die interessante Beobachtung gemacht, dass Allergien im Westen häufiger waren als im Osten", so Eis. Dabei standen den höheren Belastungen durch Autoabgase im Westen anfangs erhöhte Stickstoffdioxid-Werte in den Ballungsgebieten der neuen Bundesländer gegenüber.

Inzwischen glauben Wissenschaftler, dass der relativ frühe Besuch von Kinderkrippen eine Bedeutung hat. Vergleichende Untersuchungen von Kindern in Erfurt, Leipzig und München legen nahe, dass es gegen Allergien schützt, wenn das Immunsystem sich früh mit zahlreichen Krankheitserregern auseinandersetzen muss. Gleichzeitig verzeichneten die Forscher allerdings auch Unterschiede im häuslichen Leben: Im Westen baute man abgedichtet, mit "besserer Ökologie für die Hausstaubmilbe". Und man hielt mehr Haustiere. Der Ost-West-Unterschied hat sich heute nahezu ausgeglichen.

Ob auch die Psyche bei der Entstehung von Allergien eine Rolle spielt, darüber sind "die Bücher der Psychoneuroimmunologen noch nicht geschlossen", wie Christian Deter von der psyhosomatischen Abteilung des Klinikums Benjamin Franklin sagte. Dass allerdings etwa die Art des Umgangs mit einem schon bestehenden Asthma den Verlauf und die Schwere der Erkrankung beeinflussen können, steht auf einem anderen Blatt. Deter betonte, dass Angst und Unsicherheit Anfälle von Asthma auslösen könnten. Umgekehrt sei aber auch zu wenig Angst bei manchen Patienten ein Problem.

Damit sich ein problematisches Verhalten gegenüber der chronischen Krankheit nicht verfestigt, seien manchmal auch Entspannungsverfahren oder Verhaltenstherapien sinnvoll, sagte Deter. Er und die Kinderärztin Brigitte Ehnert plädierten für eine Schulung der Betroffenen: "Kinder und Eltern sollten das Management der Krankheit selbst in die Hand nehmen." Jürgen Hardt von der Barmer Ersatzkasse bekräftigte, dass solche Asthmatikerschulungen von gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden.

Während ein Asthmaanfall oft Angst auslöst, wird das saisonale Auftreten von Heuschnupfen von vielen Menschen nicht als behandlungsbedürftig betrachtet. Lode warnte ausdrücklich vor dieser Art der Schicksalsergebenheit: Heuschnupfen ist behandelbar - und er sollte behandelt werden. Denn 30 Prozent der Betroffenen entwickeln später Asthma.

Den Auslöser meiden

Die Therapie aller Allergien besteht zunächst im Meiden der bekannten Auslöser. Das geht von Spezialmatratzen, die vor Milben schützen, über die gezielte Urlaubsplanung, mit der die heimischen Pollen im Frühjahr umschifft werden, bis zur Trennung vom geliebten Haustier. Wie Lode betonte, ist inzwischen auch der Nutzen der Hyposensibilisierung wissenschaftlich erhärtet. Die teure und langwierige Behandlung ist allerdings nur sinnvoll, wenn die Allergie nachgewiesenermaßen von wenigen Stoffen ausgelöst wird.

Die Behandlung mit Medikamenten sollte einem Stufenkonzept folgen. Dabei können Antihistaminika, die die Empfangstellen für den Überträgerstoff Histamin blockieren, und Kortisonpräparate, die Entzündungen hemmen, meist lokal, zum Beispiel als Spray, eingesetzt werden. Die Allergien umfassen ein weites Spektrum von Erkrankungen, erklärte Beate Tebbe, Dermatologin am Benjamin-Franklin-Klinikum. Allergien vom Sofort-Typ wie der gefährliche anaphylaktische Schock nach einem Wespenstich oder die Nesselsucht müssen unterschieden werden von Spättyp-Allergien, zu denen etwa ein Kontaktekzem an den Händen gehören kann, das sich erst nach ein bis zwei Tagen zeigt. Hinweise auf das Allergen gewinnt der Arzt zuerst im persönlichen Gespräch, dem sich gegebenenfalls Tests anschließen.

Mit dem Pricktest, bei dem mögliche Allergene in die Haut gespritzt werden, kann beim Soforttyp (allerdings nicht in der akuten Situation!), mit dem Pflastertest bei Ekzemen nach dem Auslöser gefahndet werden. Bei Verdacht auf Lebensmittelallergien kann eine konsequent aufgebaute Test-Diät Aufschluss bringen. Das langjährige Leben mit einer chronischen Krankheit bringt viele Betroffene dazu, "alles auszuprobieren".

Tebbe warnte vor Tests, die nur den Geldbeutel des Patienten wirklich treffen, Deter vor "Doctor-Shopping". Wichtig sei ein Arzt des Vertrauens. Lode betonte, dass ein Lungenfacharzt bei der Behandlung von Asthmatikern auch auf Zusammenhänge achten müsse: Manchmal kann etwa die Refluxkrankheit, bei der Mageninhalt in die Speiseröhre zurückfließt, die Basis für Asthma sein.

Gute und schlechte Jahre

Viele Menschen reagieren heute auf zahlreiche verschiedene Stoffe allergisch. Vor allem bei einer solchen "polyvalenten Reaktionsbereitschaft" kann die Naturheilkunde helfen, wie Rainer Stange von der Abteilung für Naturheilkunde am Krankenhaus Moabit erklärte. Wundermittel habe sie nicht anzubieten. "Aber sie kann durch Steigerung der unspezifischen Abwehr unsere Fähigkeit stärken, mit der Umwelt fertig zu werden."

Dass diese Abwehrkräfte nicht immer gleich gut in Form sind, wissen Allergiker: "Sie kennen gute und schlechte Jahre, wie Fußballer." Andererseits sind von Saison zu Saison mehr Menschen von Plagen wie Heuschnupfen betroffen. Zeigt sich in der Zunahme allergischer Erkrankungen also ein Fluch der Zivilisation, fragte Justin Westhoff seine Podiumsgäste zum Abschluss.

Die Zweischneidigkeit dessen, was Zivilisation ausmacht, zeigen nach Ansicht des Umweltmediziners Dieter Eis diese Erkrankungen durchaus. Auch Hartmut Lode sieht einen klaren Zusammenhang zwischen der Zunahme von Asthma und Allergien und modernen Wohn- und Lebensformen. Doch er hob noch einmal deren positive Kehrseite hervor, wie "die Zunahme an Kindern, die wohlbehütet zu Hause aufwachsen".

"Wenn wir mit uns selbst gut umgehen, brauchen wir Allergien nicht als Fluch zu betrachten", sagte Beate Tebbe. Denn erstens könne man heute viel dagegen tun. Und zweitens bestehe immer die Hoffnung, dass Allergien, zum Beispiel gegen bestimmte Nahrungsmittel oder Inhaltstoffe von Kosmetika, wie von selbst wieder aus dem Leben verschwinden.Der Treffpunkt-Tagesspiegel Meizin & Fitness wird unterstützt von der Barmer Ersatzkasse, der Kassenärztlichen und Kassenzahnärztlichen Vereinigung Berlin, der Firma Schering, der Messe Berlin, dem Verlag Urban und Fischer und dem Universitätsklinikum Benjamin Franklin der FU.

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