Gesundheit : Abseitsfalle

Dieter Hoffmann

Im Umziehen sind die Berliner Physiker geübt. Vor 125 Jahren etwa wurden ebenfalls Umzugskisten gepackt, zog man vom Hauptgebäude der Universität Unter den Linden in den prächtigen Neubau am Reichstagsufer. In den folgenden Jahrzehnten wurde dieses Institut zu einem der führenden Forschungszentren der Welt.

Für das erfolgreiche Gedeihen hatte der damalige Direktor Hermann Helmholtz nicht nur exzellente Forschungsbedingungen verlangt, sondern auch gefordert, dass es „vom Universitätsgebäude aus … in der Zeit von 10 Minuten erreicht werden könne“. Damit die Studenten „in der Pause zwischen zwei Vorlesungen sicher von einem Local zum anderen gelangen können“, aber auch, weil Helmholtz nur so die Universität als Institution der Ganzheit aller Wissenschaften gesichert sah.

Angesichts der Tatsache, dass gerade mal alle zehn Minuten eine S-Bahn nach Adlershof fährt, würden heute solche Wünsche wohl – so sie überhaupt geäußert werden – als weltfremd abgetan. Dennoch stellt sich auch beim anstehenden Umzug die Frage, wie es in Zukunft um die Einheit der Humboldt-Universität bestellt sein wird. Denn das Verhältnis zwischen Natur- und Geisteswissenschaften ist ohnehin ein schwieriges und die Berührungspunkte zwischen beiden haben im Vergleich zu Helmholtzschen Zeiten eher ab- als zugenommen.

Diskussionen darüber sind leider kaum geführt worden. Doch ist es keineswegs zu spät, diese aufzunehmen und gegen die drohende Universitätsteilung anzukämpfen – zum Beispiel durch fakultätsübergreifende Lehrveranstaltungen, interessante Vortragsprogramme, aber auch durch die gezielte Initiierung und Förderung interdisziplinärer Forschungsvorhaben. Was spräche im Übrigen dagegen – außer natürlich der aktuelle städtische Bankrott –, in Adlershof als „Stachel im Fleische der Naturwissenschaften“ eine potente geistes- oder sozialwissenschaftliche Forschungsinstitution anzusiedeln?

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