Gesundheit : Ärger über die neue Lehrerausbildung An den Berliner Unis regt sich Widerstand gegen die Reform

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Wird durch die Berliner Lehrerausbildung wirklich ein großer Ruck gehen? Unlängst hat der Bildungssenator Klaus Böger (SPD) angekündigt, dass die Stadt bundesweit eine Vorreiterrolle in der Reform einnehmen will. Die Studenten sollen in Zukunft in Bachelor- und Masterstudiengängen studieren - schnell und nah an der Praxis (wie berichtet). Und das soll die Regel sein und nicht die Ausnahme, wie Böger betont: „Es gibt in Deutschland einen Überschuss an Diskussion und zu wenig Wille zur Veränderung."

Ob wirklich ab dem Wintersemester 2003/2004 alles anders wird, scheint inzwischen jedoch fraglich. Denn an der Freien und an der Technischen Universität regt sich Widerstand gegen den Modellentwurf, auf den Böger sich stützt - obwohl die Vizepräsidenten aller Berliner Hochschulen ihn gemeinsam ausgearbeitet haben. Während der Akademische Senat der Humboldt-Uni noch vor der Semesterpause die Vorschläge der Vizepräsidenten verabschiedete, vertagten die Senate der FU und der TU ihre Abstimmung. Und auch in der SPD ist manchem Bögers Tempo zu groß: „Wir sind froh über die Bewegung, aber es gibt viele Fragezeichen. Wir wünschen uns in Zukunft mehr Diskussionen, bevor Entscheidungen fallen“, sagt der Schulexperte der SPD, Peter Schuster.

Die neue Vizepräsidentin der TU, Ulrike Strate, veröffentlichte sogar ein Papier mit heftiger Kritik an dem Entwurf und dem Vorgehen Bögers: „Das Modell ist bisher noch nicht in der TU diskutiert worden und repräsentiert damit auch nicht die Position der TU", schreibt Strate. Die Gremien fühlen sich von Strates Vorgänger, Jürgen Sahm, und von Böger übergangen.

Alarmierte Professoren

„Das alles ist mit heißer Nadel und an den Gremien vorbeigestrickt", sagt der Erziehungswissenschaftler Ulf-Werner Preuss-Lausitz. „Wir sind sehr verärgert.“ Erst, nachdem die Vizepräsidenten den Entwurf am 8. Juli gemeinsam mit Böger öffentlich vorgestellt hatten, seien die Fakultäten um ihre Stellungnahmen gebeten worden. Auch der Akademische Senat habe noch viele Fragen. Alarmiert ist man an der Uni inzwischen besonders, weil Böger den Entwurf der Vizepräsidenten nicht als Modell behandelt, das hier und dort ausprobiert werden kann, sondern sich eine flächendeckende Einführung in der Stadt wünscht, wie sein Referent Thomas John auf Nachfrage bestätigte. Auch Jürgen Sahm, der nun in der Kritik steht, fühlt sich von Böger missverstanden: „Wir sind immer nur von einem Modell ausgegangen.“ Er teile deshalb die Kritik seiner Nachfolgerin, sagt Sahm.

An der TU befürchtet man zum einen neue Kosten, wenn die Bachelor- und Masterstudiengänge in großem Umfang eingeführt werden. Denn zugleich müssten die Auslaufmodelle Diplom und Magister noch für einige Jahre weitergeführt werden, sagt Patrick Thurian, an der TU zuständig für Lehre und Studium. Wenn innerhalb nur eines Jahres eine Fülle von Bachelor- und Master-Studiengängen akkreditiert werden müssten, kämen auf die finanziell gebeutelten Hochschulen auch dafür weitere Ausgaben zu. Außerdem sollen die Fachdidaktik und die Erziehungswissenschaften im Studium eine wichtigere Rolle spielen als vorher. Ist dies allein durch eine veränderte Organisation zu erreichen? fragen die Skeptiker.

Bayern nehmen keine Bachelor

Neben solchen finanziellen Fragen gibt es auch inhaltliche Kritik. Während Böger und die Vizepräsidenten von HU und FU sich vorstellen können, dass es in Zukunft in Berlin eine Ausbildung gibt, die nur zum Unterricht in der Grundschule berechtigt, sehen Kritiker wie Preuss-Lausitz und Schuster darin eine Entwertung der anspruchsvollen Aufgaben von Grundschullehrern, die sich auch in einer geringeren Besoldung ausdrücken würde. Außerdem werde ein Land wie Bayern keine Lehrer bei sich unterrichten lassen, die nur den Bachelor haben.

Generell glaubt man an der TU nicht daran, dass Master- und Bachelor-Studiengänge in allen lehrerrelevanten Fächern bis zum geplanten Start der Reform eingeführt werden können – nicht nur aus finanziellen Gründen. Widerstände gibt es etwa in der Physik, in Deutsch und Geschichte an der TU. Das Staatsexamen sei auch ohne neue Studiengänge reformierbar, sagt auch Preuss-Lausitz: „Mit der Reform werden keine Pisa-Probleme gelöst.“ Anja Kühne

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