Gesundheit : Afrikas tödlicher Schlaf

Ein Großangriff auf den Überträger der Schlafkrankheit soll Hunderttausende vor Infektionen schützen

Hermann Feldmeier

Mit einer Safari durch die Nationalparks im Süden Sambias hatte sich das englische Ehepaar einen Lebenstraum erfüllt: Zebras und Giraffen, Elefanten und Kaffernbüffel, aber besonders Löwen und Flusspferde hatten die Reise zu einem grandiosen Ereignis werden lassen. Einzig die Schwärme Blut saugender Insekten blieben unangenehm in Erinnerung. Besonders schmerzhaft waren die Stiche großer schwarz-brauner Fliegen, die mit aggressivem Brummton selbst bei geschlossenen Fenstern über die Lüftungsklappen in den Geländewagen eingedrungen waren.

Zwei Tage nach der Rückkehr nach England bemerkte der Mann ein Geschwür am rechten Oberarm. Es hatte die Größe eines Ein-Euro-Stücks. Die Haut war stark gerötet und die entzündete Stelle schmerzte. Nach zwei weiteren Tagen fühlte sich der pensionierte Ingenieur erst unwohl, dann richtig krank: Die Glieder schmerzten, der Kopf dröhnte, die Muskeln wirkten starr. Dann trat Erbrechen auf, später auch Durchfall. Die Körpertemperatur stieg auf 40,3 Grad Celsius, ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Abwehrkräfte auf einen Erreger reagierten.

Da sich der Zustand von Tag zu Tag verschlechterte, veranlasste der Hausarzt nach 10 Tagen die Einweisung in das Tropenkrankenhaus in London. Dort reichten den Ärzten 24 Stunden, um den mysteriösen Symptomen auf die Spur zu kommen. Die Diagnose: Schlafkrankheit in der akuten Phase, verursacht durch den Stich einer Tsetsefliege, die die Erreger mit ihrem Speichel übertragen hatte. Das kreisrunde Geschwür, der Trypanosomenschanker, hatte die Tropenmediziner auf die richtige Spur gebracht.

300000 Betroffene pro Jahr

Die Schlafkrankheit des englischen Touristen im Jahr 2001 ist beileibe kein Einzelfall. Mehr als ein Dutzend Patienten sind dem Überwachungsnetzwerk der europäischen tropenmedizinischen Institute mittlerweile gemeldet worden – in den zwei Dekaden zuvor war es nicht ein einziger Fall. Alle Reisenden hatten sich für kurze Zeit in Nationalparks im östlichen und südlichen Afrika aufgehalten, und alle hatten von Schwärmen aufdringlicher Tsetsefliegen berichtet.

All das spiegelt eine Entwicklung wider, die seit einiger Zeit offenkundig ist: Die Seuche, die den schwarzen Kontinent über Jahrhunderte im Würgegriff hatte und die man Anfang der 60er Jahre glaubte besiegt zu haben, ist in weiten Gebieten außer Kontrolle geraten. Nach Unterlagen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stieg die Zahl der Neuerkrankungen von rund 2500 im Jahr 1962 auf rund 60000 im vergangenen Jahr. Da in den Genfer Statistiken aber nur die offiziell gemeldeten Fälle auftauchen, zahlreiche afrikanische Gesundheitsministerien aber schon seit langem aufgehört haben, die Infizierten zu zählen (von Aids einmal abgesehen), schätzen Experten die tatsächliche Zahl auf 300000 bis 500000 pro Jahr. Doch nicht nur in Bezug auf die Häufigkeit, auch räumlich breitet sich die Plage immer weiter aus. So taucht die afrikanische Trypanosomiasis, so die wissenschaftliche Bezeichnung, neuerdings auch an Stellen auf, wo sie bislang völlig unbekannt war. Etwa im Saroti Distrikt in Uganda, einer landwirtschaftlich genutzten Region nördlich des Viktoriasees. Mehr als 100 Fälle sind hier seit Herbst 1998 aufgetreten – dabei galt das Gebiet seit jeher als schlafkrankheitsfrei.

Die Renaissance der Krankheit verursacht nicht nur unsägliches Leid – die für die Behandlung zur Verfügung stehenden Medikamente sind wenig wirksam, schwierig zu verabreichen und teilweise mit so erheblichen Nebenwirkungen verbunden, dass nur der ohne Behandlung unweigerliche Tod des Patienten ihren Einsatz rechtfertigt. Sie ist auch ökonomisch eine schwere Bürde. In den 37 betroffenen Ländern wird der Schaden auf rund vier Milliarden Dollar geschätzt. Denn die Parasiten – eine Unterform der Tryposoma brucei brucei – verursachen eine Art Schlafkrankheit bei Rindern. An der Nagana-Seuche verenden pro Jahr rund drei Millionen Rinder, in ganzen Landstrichen ist die Haltung von Kühen unmöglich.

Daher hat die sonst chronisch zerstrittene Organisation Afrikanischer Staaten (OAS) auf ihrem 36. Treffen in Togo im Juli 2000 einstimmig eine Resolution verabschiedet, in der die Ausrottung der Schlafkrankheit festgeschrieben wird. Mit einem ambitiösen Programm „Pan African Tsetse and Trypanosomiasis Eradication Campaign (Pattec)“ sollen die aggressiven Fliegen und damit sowohl Schlafkrankheit als auch Naganaseuche ausgerottet werden. Ein Konsortium von Institutionen soll die Aufgabe bewerkstelligen, darunter die WHO, die Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen und die Internationale Atomenergiebehörde IAEA.

Männchen werden sterilisiert

Und wie wird den Insekten der Garaus gemacht? Mit der „Sterile-Männchen-Technik“. Die Idee: Tsetsefliegen werden im Labor en masse gezüchtet. Die Männchen werden radioaktiv bestrahlt und dadurch unfähig, Nachwuchs zu zeugen. Sie kopulieren mit wilden Tsetsefliegen-Weibchen, aber da ihre Samen unfruchtbar sind, entwickeln sich in den Weibchen keine Eier. Setzt man das Verfahren lange genug ein, so kommt irgendwann die natürliche Reproduktion der mörderischen Insekten zum Stillstand.

Bevor allerdings „Stürme von Atomfliegen“ (so eine britische Tageszeitung) die Population selbst auslöschen, sind viele Probleme zu lösen. So müssen Dutzende von Insektenzuchtstationen im afrikanischen Hinterland aufgebaut und mit einer insektentauglichen Gammastrahlenquelle ausgerüstet werden. Personal muss ausgebildet und die Logistik für die gezielte Freilassung einiger Milliarden sterilisierter Fliegenmännchen geschaffen werden. Rechnungen haben ergeben, dass das Verhältnis von bestrahlten zu normalen Tsetsefliegen-Männchen mindestens zehn zu eins sein muss, um einen Rückgang der Population zu erreichen.

Zudem gibt es die Tsetsefliege im biologischen Sinn gar nicht. Glossinen – so die zoologische Bezeichnung – sind ein schwer entwirrbarer Komplex zahlreicher Spielarten, deren räumliche Verbreitung sich häufig überlappt, die aber immer nur untereinander „heiraten“. Daher müsste mindestens ein Dutzend unterschiedlicher Varianten gezüchtet und freigesetzt werden.

Wenn das Programm Erfolg haben soll, muss nach der Eliminierung der Fliegenpopulation aus einer geographisch umschriebenen „Infektionstasche“ deren Wiederbesiedlung unbedingt vermieden werden. Da Glossinen ausgesprochen gute Flieger mit einer Spitzengeschwindigkeit von 60 km/h sind und an einem Tag bis zu 20 Kilometer zurücklegen können, plant das Konsortium die Einrichtung von Tsetse-Barrieren um „befreite“ Areale – wie die allerdings beschaffen sein sollen, ist unklar.

Während die Planungen für das milliardenteure Programm auf Hochtouren laufen – jede tote Tsetsefliege wird vermutlich mit 500 Dollar zu Buche schlagen – mehren sich kritische Stimmen, die von dem Mammutprojekt abraten. So wies Sarah E. Randolph von der zoologischen Abteilung der Universität Oxford vor kurzem in der angesehenen Fachzeitschrift „Trends in Parasitology“ darauf hin, dass sowohl die Grundlagen der Populationsbiologie der Glossinen als auch die logistische Dimension des Unternehmens völlig unterschätzt würden. Hans Herren vom Internationalen Zentrum für Insektenphysiologie und-ökologie in Nairobi geht noch einen Schritt weiter und nennt das Programm „völlig unrealistisch“. David J. Rogers, ein bekannter Tsetsefliegen-Forscher aus Oxford, setzt noch eins drauf und bezeichnet die Erfolgschancen des Unternehmens als „verschwindend gering“.

Langwierige Aufgabe

Tatsächlich zeigen vier Jahrzehnte Tsetsefliegen-Bekämpfung in Afrika, dass die Projekte immer nur für kurze Zeit erfolgreich waren. Ließen die nationalen Seuchenbekämpfer die „Zügel schleifen“ oder versiegte der Geldstrom aus dem Ausland, so waren die widerstandsfähigen Fliegen nach kurzer Zeit überall wieder dort anzutreffen, wo sie vor Beginn der Bekämpfung zu finden waren.

Erfolg gab es dort, wo man bei der Bekämpfung die lokale Bevölkerung beteiligte. Kleinbauern behandelten ihre kranken Kühe selbst, wenn sie die entsprechenden Medikamente erhielten. Dadurch reduzierte sich die Parasitenpopulation drastisch. Dies führte dann auch zur Reduktion jener Varianten, die dem Menschen gefährlich werden.

Mit solchen Methoden kann zwar weder die Schlafkrankheit noch die Nagana-Seuche ausgerottet werden, aber der afrikanischen Bevölkerung bleibt auch die triste Erfahrung erspart, dass aus dem vollmundigen Versprechen über die Ausrottung der Trypanosomiasis letztlich Seifenblasen werden, die in der Tropensonne zerplatzen. Das Beispiel Malaria, die die WHO in den 60er Jahren in einem ähnlichen Programm vom afrikanischen Kontinent eliminieren wollte, ist da ein warnendes Beispiel – heute ist die Situation vielerorts schlimmer denn je.

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