Gesundheit : "Agora": Ungewisses Spiel mit der Zukunft

Uwe Schlicht

Was wissen wir über die Zukunft einzelner Länder? Wir wissen etwas über das erwirtschaftete Nationalprodukt, über die Arbeitskräfte und vielleicht noch über die Arbeitslosigkeit. Aber wir wissen nichts über das wirkliche Wohlbefinden der Menschen. Dennoch müssen die Politiker so tun, als wüssten sie, was am besten ist. Besonders in Entwicklungsländern wie Indien, Pakistan, Bangladesch ändern sich alle Prognosen, wenn nicht zugleich die ausgelaugten Böden, die verschmutzte Luft der gleichzeitige Wassermangel bei jährlich regelmäßig eintretenden Überschwemmungen in Rechnung gestellt werden. Naturkatastrophen und Seuchen können die Bevölkerungsprognosen über den Haufen werfen. Das Bild von der Zukunft wird zur Spekulation.

Dennoch gibt die Weltbank seit Jahren für einzelne besonders arme Regionen Zukunftsprognosen ab. Auf welch schwacher Datenbasis das geschieht, verdeutlichte der Sozialwissenschaftler Partha Dasgupta von der University of Cambridge an den genannten Beispielen bei der jüngsten Tagung des Wissenschaftskollegs über die Zukunft der Arbeit.

Die Zukunft der Arbeit ist nicht nur eine Frage, die die Europäer angeht, nur weil sie im Augenblick noch immer von der Arbeitslosigkeit ganz anders heimgesucht werden als die Amerikaner. In Osteuropa nach der Wende, in Asien und Afrika ist die richtige Verteilung der Arbeit eine große Herausforderung geworden. Kein Wunder, dass sich sechs internationale Institutes for Advanced Study unter Federführung des Berliner Wissenschaftskollegs die Zukunft der Arbeit zum zentralen Thema gemacht haben. Im nächsten Jahr soll in Berlin eine internationale Konferenz stattfinden, auf der die Ergebnisse von zwei Jahren Diskussionen zum Leitthema "Agora" der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Agora - das war der große Platz im antiken Griechenland, auf dem ähnlich wie später auf dem Forum in der römischen Antike Politik, Kultur, Geistesleben, Religion und Markt aufeinandertrafen. Der Hilfsbegriff "Agora" muss heute herhalten, um jenen imaginären Ort zu beschreiben, an dem es zum Austausch von Wissenschaft, Öffentlichkeit, Markt und Politik kommen soll.

Das Wissen wird immer bedeutender für die künftige Arbeitswelt. Mit der Produktion von Wissen und neuen Entdeckungen, Patenten und Produkten geht eine wachsende Unsicherheit einher. Wissen eröffnet nicht nur neue Möglichkeiten, zugleich löst es feste Gewissheiten auf, durchbricht Traditionen und herkömmliche Strukturen der Gesellschaft. Zu dieser wachsenden Unsicherheit trägt auch der Trationsbruch bei, der durch die Wissenschaft beschleunigt wird. Wissenschaft löst in immer weiteren Sinn die Religion in der Möglichkeit ab, die Existenz zu erklären.

Aber je mehr sich Wissen spezialisiert, um so fragmentarischer wird die Wahrnehmung und um so schwieriger wird es, den Überblick zu behalten. Im Bewusstsein verfestigt sich der Eindruck: Wissenschaft und Technologie vermehren die Unsicherheit. Hinzu kommt: Der Wandel, der durch Forscher und Ingenieure angestoßen wird, vollzieht sich immer schneller. Gleichzeitig nehmen die Wahlmöglichkeiten in einer Weise zu, dass die Entscheidung, auf welche Entwicklung die Gesellschaft, Politik oder Wirtschaft setzen soll, schwieriger wird.

Die österreichische Soziologin Helga Nowotny, einst Angehörige des ersten Fellowjahrganges des Wissenschaftskollegs von 1977, inzwischen Professorin an der renommierten Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, stellte diese Entwicklungslinien in ihrem Vortrag auf der AgoraTagung des Wissenschaftskollegs heraus. Skeptischen Historikern hielt sie auf die Frage, ob diese Entwicklungen denn wirklich so neu in der Wissenschaft seien, die These entgegen: Natürlich hat es häufig Verunsicherungen durch Wissenschaft gegeben, aber noch nie in dieser Konzentration, dieser Häufigkeit, dieser Heftigkeit. Die Quantität hat eine andere Qualität erzeugt. Die Wissenschaftler sind selbst von dieser Unsicherheit betroffen, denn ihre Forschungsergebnisse sind in allen Folgen für die Gesellschaft und die Weiterentwicklung in Nachbardisziplinen zu Beginn eines Forschungsprojekts noch gar nicht abzusehen. Positiv kann man diese Art der Wissensproduktion als "kreative Zerstörung" bezeichnen. Negativ als weitere Verunsicherung.

Auf der anderen Seite kann Wissenschaft mit ihren rationalen Methoden auch Menschen dabei helfen, was zu entscheiden ist. Unter den Bedingungen der Wissensgesellschaft werden die Grenzen zwischen Markt, Politik und Gesellschaft immer fließender und Rationalität ist gefragt.

Bei einer weltweiten Verfügbarkeit über die Informationen ist die Unsicherheit nicht mehr örtlich zu begrenzen. Diese Ausbreitung des Wissens geht einher mit einer noch nicht gekannten Bildungsexpansion. Weltweit wird Wissen demokratisiert. Da rückt Helga Nowotny das alte Bild von der griechischen "Agora" ins Zentrum: Wissenschaftler müssen sich daran gewöhnen, dass sie nicht nur für sich selbst forschen, sondern dass sie auf Wünsche und Befürchtungen der Öffentlichkeit, der Gesellschaft zu hören haben. Die Ingenieure und jene Wissenschaftler, die schon seit Jahren in der angewandten Forschung für die Wirtschaft arbeiten, haben damit keine Schwierigkeiten, wohl aber die Grundlagenforscher. Sie sehen die Gefahr, dass ihre reine Wahrheitssuche missbraucht werden könnte - für welche Zwecke auch immer. Wissenschaft als Monopol der Wissenschaftler - diese Zeiten sind endgültig vorbei.

Wie auch immer das Bild des antiken zentralen Platzes in unsere Welt des Internets übertragen werden kann - "Agora" steht als Sinnbild für den Ort, wo einerseits die Bürger ihre Betroffenheit und Sorgen äußern, wo andererseits die Wissenschaftler diese Bedenken zur Kenntnis nehmen und ihre Ergebnisse mitteilen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben