Gesundheit : Akademie der Wissenschaften: Gemeinwohl statt Selbstverwirklichung - Ein optimistischer Blick in die Zukunft

Dieter Simon

Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 -1716), der große Gelehrte, das Universalgenie, der rätselhafte und verwirrende Mann, der rastlose Pläneschmied, Junggeselle, Fürstendiener und Fürstenberater, ein Visionär, fanatischer Arbeiter, weithin berühmt im Leben und doch fast vergessen gestorben, steht am Anfang der jetzt 300-jährigen Geschichte der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW).

Von Leibniz sagt man, dass er Vieles begonnen und Nichts zu Ende gebracht habe, da er aus dem Umstand, dass er alles konnte - und zwar meistens besser als alle anderen - ableitete, dass er sich auch in alles einmischen solle. An diesem Mann also, der ihr Urahn, Gründer und Bezugspunkt ist, hat sich die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften in zweierlei Hinsicht ein Vorbild genommen: Sie stellt sich, in einer Zeit, der die individualistische Selbstverwirklichung im allgemeinen als höchstes Gut, civil service, altruistische Ethik und Gemeinwohldenken dagegen eher als romantische Tugenden einer Minderheit erscheinen, entschieden in den Dienst der Allgemeinheit.

Sie hat ferner verstanden, dass eifriges Planen, rastloses Bemühen um Wirksamkeit, Beweglichkeit und Neuerung, Verbesserung ihrer Mittel und Methoden auch dann von Wert sind, wenn vordergründige und temporäre Erfolglosigkeit den Sinn ihrer Anstrengungen zu widerlegen scheinen. Deswegen widmet sie einen Teil ihrer Kraft den Geisteswissenschaften.

Mit dem Rücken an der Wand

Die Geisteswissenschaften stehen heute, von der Verfachhochschulung der Universitäten unvorbereitet erfasst, in unserem Wissenschaftssystem mit dem Rücken an der Wand. Trotz geringer Ansprüche und ihrer Fähigkeit, mit minimalen Mitteln Großes zu erreichen, entbehren sie öffentlicher Aufmerksamkeit und staatlicher Fürsorge. Sie haben kaum eine Stimme, so dass ihre Meldungen im Winseln um finanzielle Gnade unterzugehen drohen. Sie werden am naturwissenschaftlichen Erfolgsmodell, als dem wissenschaftlichen Muster an und für sich, tagaus tagein gemessen und werden deswegen widernatürlich in "Projekten" organisiert, den Marktprinzipien von Nachfrage, Angebot und Umsatz unterworfen und der gelassen einsamen Reflexion entzogen. Wobei es wenig verschlägt, dass dies alles nicht ohne ihre eigene Schuld, häufig sogar unter blinder Zustimmung und eifriger Mithilfe der zu Ruinierenden geschehen ist.

Pflege der Langzeitvorhaben

Deswegen hegt die Akademie rund 30 so genannter Langzeitvorhaben, das heißt Unternehmungen, die in aller Regel die Lebensarbeitszeit eines einzelnen Gelehrten überschreiten, die aber die Grundlage für eine kulturwissenschaftliche Besinnung und die geistige Aneignung der Vergangenheit in der Zukunft sein werden. Im Detail sind dies durchaus heterogene und weit auseinanderliegende Dinge, wie historisch-kritische Editionen, zum Beispiel von Christoph Martin Wieland (1733 - 1813), der einmal einen Weltruf hatte. Oder Editionen von Karl Marx und Friedrich Engels, die auch einmal einen Weltruf hatten, und von denen allen die Akademie vermutet, dass auch künftig noch dieser oder jener sie zu Rate ziehen wird. Dieser oder jener, der dann dankbar seine Augen vom Bildschirm weg und auf die Seiten der von der Akademie produzierten Bücher lenken wird. Zu den Langzeitvorhaben gehören aber auch Wörterbücher, wie etwa das Altägyptische Wörterbuch, das gerade umgekehrt die Ratsucher nicht vom Internet weg, sondern in es hinein locken wird, weil es die vor kurzem noch unabsehbaren Möglichkeiten der Digitalisierung umfassend nutzt und damit Suchläufe, Verknüpfungen und Aufschlüsselungen ermöglicht, von denen Erman, der große Wegbereiter der deutschen Ägyptologe vom Anfang des 20. Jahrhunderts, vermutlich nicht einmal geträumt haben kann.

Hierher gehören auch die Turfanforschung, die sich der der Iranistik zuzurechnenden Schriften, Sprachen und Inhalte jener Texte annimmt, die deutsche Forscher vor bald 100 Jahren aus der fernöstlichen Oase Turfan nach Berlin gebracht haben, oder die Glasmalereiforschung, die die Bildprogramme beschreibt, deutet und konserviert, die nicht nur das Mittelalter in unseren Kirchen hinterlassen hat.

Die Akademie pflegt die Deutsche Sprache, womit sie Leibniz besonders nahe rückt, dessen "Unvorgreifliche Gedanken betreffend die Ausübung und Verbesserung der deutschen Sprache" heute noch als Reclam-Heftchen für jede intellektuelle Hosentasche bereitliegt. Der Berliner Akademiegründung von 1700 nach der Konzeption von Leibniz hatte der brandenburgische Kurfürst Friedrich I. nur unter der Auflage zugestimmt, "dass man auch auf die Cultur der Teutschen Sprache gedencken möchte". Das Wörterbuch der Gebrüder Grimm, unverzichtbarer Führer und opulenter Begleiter durch die deutsche Hochsprache mit Schwerpunkt im 19. Jahrhundert, ist eine der Großtaten der Preußischen Akademie, der die Berlin-Brandenburgische Akademie in absehbarer Zeit das Digitale Wörterbuch der deutschen Umgangssprache des 20. Jahrhunderts an die Seite stellen wird - ein Riesenprojekt und eine kontrafaktische Entscheidung zu einem Zeitpunkt, da das Deutsche mit zunehmender Beschleunigung aus der Wissenschaft auszieht und dem Forschungssystem dringend geraten werden muss, deutsch für Heimatkundler und Germanisten zu reservieren, sich aber und umgehend auf die englische Sprache umzustellen, so denn die Absicht besteht, in der Welt noch gehört zu werden.

Aber das darf nicht hindern, dass all denen, die zunächst deutsch zu denken gelernt und geübt haben, der Sprachschatz jenes Mannes aufbereitet wird, der Deutsch sprach wie wohl kein anderer vor und nach ihm: Für diese wird das Goethe-Wörterbuch hergestellt, das erst vollendet sein wird, wenn nur noch einige Spezialisten darüber jubeln werden. Was aber keineswegs betrüblich ist und Anlass zu Depressionen gibt, sondern das stolze "Trotzdem" jener symbolisiert, die die Erde kultivieren ohne über deren Endlichkeit zu wimmern.

Weshalb denn der Blick in die Zukunft auch durchaus optimistisch ist. Ein Optimismus, wie ihn weniger die guten Aussichten als die guten Absichten verleihen, von denen vermutet wird, dass ihre süßen Früchte zwar die Zauderer und Bremser, die Bedenkenträger und Zweifler weder überzeugen noch anfeuern, aber immerhin zum Verstummen bringen werden. Denn die Akademie sieht sich an vielen Fronten gleichzeitig im Gefecht. Sie arbeitet am Diskurs zwischen den Generationen, wenn sie zusammen mit der Leopoldina, der Akademie der Naturforscher in Halle, die "Junge Akademie" ins Leben ruft, um auf diese Weise jenen Eliten, denen der Zugang zu den Posten der Älteren einstweilen noch gerontokratisch versperrt ist, ein selbstverantwortetes Übungsfeld für transdisziplinäre Studien und wissenschaftspolitische Artikulation zu eröffnen.

Die Akademie arbeitet am Dialog mit der Öffentlichkeit und dem wissenschaftlich interessierten Publikum, wenn sie einen Gentechnologie-Report vorbereitet, der als Periodikum auf dem wohl am meisten umstrittenen und umkämpften Feld der Biowissenschaften Bericht, Erwägung und Urteil vereinen und damit eine Handreichung darstellen wird für alle jene, die sich selber eine Bewertung erarbeiten wollen. Oder wenn sie sich um die Formulierung von Gesundheitsstandards bemüht, in einer wissenschaftlichen Welt, der zur Definition von Gesundheit nicht wesentlich mehr eingefallen ist, als "die Abwesenheit von Krankheit".

Pläne für die Akademiereform

Die Akademie arbeitet in kurzfristigen Projekten an höchst verschiedenen transdisziplinären Problemen von "Abfallenergie" bis "Rechtssprache". Und sie arbeitet an sich selbst, indem sie alle Kräfte mobilisiert, um durch eine experimentelle Akademiereform jene Struktur zu erlangen, die ihr für die Erfüllung ihrer Aufgaben besser geeignet erscheint als ihre jetzige Konstruktion.

Dazu muss sie ihre Verfassung nachhaltig dynamisieren, um neben der Erfüllung ihrer Standardobliegenheit, der Pflege wissenschaftlicher Aufgaben, denen die Forschung in den üblichen institutionellen Formen nicht oder nur unzureichend nachkommen kann, auch im Bereich der Gesellschaftsberatung, das heißt auf dem Felde wissenschaftlicher Aufklärung in einer wissenschaftlich-technischen Kultur, angemessen tätig sein zu können. Denn schließlich hat sie - die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften - die löbliche Absicht, für alle Bürger die gegenwärtig von niemandem systematisch wahrgenommenen Funktionen des Monitoring und der Vermittlung gesellschaftsrelevanter wissenschaftlicher Entwicklungen in die Hand zu nehmen.

Auch hier begegnet sie ihrem Leibniz wieder, der immer für den deutschen Kaiser arbeiten wollte, um alle zu erreichen, aber nur bis zum Kurfürsten kam. Es könnte durchaus sein, daß dies im vierten Jahrhundert des Bestehens seiner Akademie anders wird, und die kann jedenfalls ihre nächsten 100 Jahre mit dem Dienst an dieser Sache bestreiten. Denn selbst der stiernackigste Föderalist kommt nicht umhin, sich von Zeit zu Zeit, wenn es das Ganze fordert, vertreten zu lassen - und er sieht das auch ein, vorausgesetzt, er kann mitwirken und kontrollieren. Und daran sollte es in einer Demokratie nicht fehlen.

Der Autor ist Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

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