Gesundheit : Ambivalenz als Stärke

Amory Burchard

Deutschland könnte eine produktive Rolle als Unterhändler in der globalisierten Welt spielen, sagt Homi Bhabha, Kulturwissenschaftler an der Harvard-Universität. Das Trauma, das die Deutschen seit dem Ende der NS-Zeit prägt, befähige sie, „ihre Ambivalenzen zu reflektieren“ und so zwischen Konfliktparteien zu vermitteln, sagte der große Theoretiker des Postkolonialismus am Montagabend in Berlin. An der Freien Universität hielt Bhabha die „Presidential Lecture“ anlässlich der Gründung des „Centers for Area Studies“ der FU (www.fu- berlin.de/cas). Wie berichtet will die Universität ihre Regionalstudien unter einem zunächst virtuellen Dach eng vernetzen und neue Forschungsprojekte vor allem zur Transkulturalität starten.

„Ambivalenz“ ist Bhabhas Codewort nicht nur an diesem Abend. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sei eindeutige Parteiname verlangt worden – für den Krieg, gegen den Terror. „Aber kann die Politik des Todes auf beiden Seiten wirklich die Lösung sein“, fragt Bhabha. Keine Vermittlung mehr, kein Raum für Interpretationen? Nein, ruft der in Bombay aufgewachsene und an britischen und amerikanischen Universitäten sozialisierte Forscher in den überfüllten Hörsaal 1a, das wäre der falsche Weg.

Als ein Forschungsthema für die Area Studies nennt Bhabha die Frage, wie sich jemand, der in England zur Schule gegangen ist, mit der Al-Qaida-Ideologie identifizieren kann, um dann selber ein Attentat zu begehen. Ambivalenz als Haltung des Bürgers und Forschers gegenüber der politischen Weltlage sei nicht Schwäche, sondern sie befähige erst, zwischen Gesellschaften zu vermitteln, sagt Bhabha. Er ist fasziniert von der globalisierten Welt, in der Gemeinschaften einander überlappen – und plädiert dafür „die Tore offen zu halten“.

Bei der Jahrestagung des FU-Sonderforschungsbereichs „Kulturen des Performativen“ zu „Gewalt durch Sprache“ hält Homi Bhabha heute um 18 Uhr den Festvortrag (Anmeldung unter 838 50324).

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