Gesundheit : „Angestellte Ärzte verdienen dramatisch weniger als früher“

Die jungen Mediziner der Berliner Charité treten heute in den Warnstreik. Zu Recht? Gespräch mit einem ärztlichen Direktor

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Junge Ärzte protestieren in ganz Deutschland gegen die Verschlechterungen ihrer Arbeitsbedingungen. Am heutigen Freitag treten auch die CharitéÄrzte in den Warnstreik. Ist der Protest berechtigt?

Ich habe ein gewisses Grundverständnis für die Proteste. Die Rahmenbedingungen der Arbeit haben sich speziell für die Krankenhausärzte in den letzten Jahren wirklich sehr verändert. Sie verbringen zum Beispiel deutlich mehr Zeit mit der Dokumentation. Dazu kommen der Mangel an Ressourcen, massive Veränderungen der Arbeitszeit und Wegfall von Bestandteilen der Vergütung. Angestellte Ärzte verdienen heute dramatisch weniger Geld als früher.

Und die Jüngeren an den Unikliniken haben noch dazu weniger Sicherheit, was ihre Stellen betrifft.

Ja, ich halte es als ärztlicher Direktor an einer Uniklinik für nicht hinnehmbar, dass die Ärzte, die noch in der Facharztausbildung sind, sich von Vertrag zu Vertrag hangeln müssen. In Zeiten des Ärztemangels wollen wir ja junge Ärzte an unsere Universitäten ziehen, statt sie abzuschrecken! Aus unserer Arbeitsgruppe werden Vorschläge kommen, wie man solche aneinander gehängten Ein- oder Zweijahresverträge vermeiden kann. Wir glauben zum Beispiel nicht, dass Probezeiten von zwei Jahren nötig sind, um die Eignung eines jungen Mediziners für wissenschaftliches Arbeiten zu ermitteln. Wir sind der Meinung, bei moderner Mitarbeiterführung kann man das auch in der normalen Probezeit von einem halben Jahr herausfinden. Dann kann man die Vertragszeit auf vier bis sechs Jahre verlängern und den jungen Ärzten Sicherheit geben.

Was kann geschehen, damit junge Mediziner genügend Möglichkeiten zum wissenschaftlichen Arbeiten bekommen?

Eine Arbeitsgruppe wie die unsere kann natürlich nicht den allgemeinen Ressourcenmangel beheben. Forschung und Krankenversorgung sind beides Aufgaben einer Uniklinik. Aber sie konkurrieren auch, und immer wieder wird beklagt, dass das eine nur auf Kosten des anderen florieren könne. In der Hochschulmedizin haben wir heute das Problem, wie die klinische Forschung organisiert werden soll. Die jungen Ärzte müssen ja gleichzeitig zwei Curricula durchlaufen, sie arbeiten in der Krankenversorgung und an ihrer wissenschaftlichen Karriere. Wir haben vor, mit besserer Organisation Zeit für die verschiedenen Bereiche zu gewinnen. In allen Kliniken und Instituten wird die Organisation überprüft und gegebenenfalls verändert. Da kann man ungeheuer viel machen. Erst wenn wir auf dem eigenen Hof kehren, sind wir mit Forderungen nach mehr Geld glaubwürdig. Wir müssen außerdem aber auch Möglichkeiten finden, damit sich zu einem früheren Zeitpunkt im Werdegang eines jungen Mediziners entscheidet, ob er in die Forschung gehen oder Kliniker werden will. Dann muss es aber auch finanziell attraktiv werden, die Weiche für die Forschung zu stellen.

In der Zwischenzeit wandern immer mehr junge Ärzte in andere Länder ab, in denen sie deutlich mehr verdienen.

Das sollte man nicht nur negativ sehen: Es ist doch eine hervorragende Idee, ins Ausland zu gehen, und gerade die universitären Einrichtungen sollten internationalen Austausch fördern. Aber die Motivation sollte natürlich nicht im Finanziellen liegen. Ich glaube aber, dass man auch über eine Erhöhung der Arztgehälter nachdenken wird, wenn erst einmal die internen, strukturellen „Hausaufgaben“ gemacht sind. Außerdem sind auch neue Arten von Extravergütung denkbar, etwa für besondere, qualifizierte Arbeiten in der Dokumentation.

Was schlagen Sie außerdem vor, um den Standort deutsche Universitätsklinik für junge Mediziner attraktiver zu machen?

Wer seine Facharztausbildung an einer Uniklinik macht, braucht einen klaren Plan. Wir wollen am Uniklinikum Gießen und Marburg verbindliche Curricula ausarbeiten. Die Rahmenbedingungen dafür sind bereits vorhanden, aber es ist schwierig, weil in unserem Fall etwa in der Inneren Medizin fünf Kliniken beteiligt sind. Für ein Pilotprojekt, die Facharztausbildung in Allgemeinmedizin, haben wir einen solchen Plan bereits ausgearbeitet. Der Erfolg war durchschlagend: 84 Bewerbungen für vier freie Stellen! Das ist heute ausgesprochen unüblich. Wir haben vor, jedem Jungmediziner in der Facharztausbildung einen Mentor zuzuordnen, einen erfahrenen Oberarzt, der speziell für die Ausbildung dieses Kollegen zuständig ist. Wir müssen junge Mediziner hinsichtlich ihrer Laufbahn beraten, wir müssen Hilfsmittel nutzen, um zu erkennen, was dem Einzelnen wirklich liegt: Forschung, Lehre oder Krankenversorgung. In Zukunft werden wir auch Spezialisten brauchen, die mit ihrem ganzen Herzen bei der Studentenausbildung sind.

Die Fragen stellte Adelheid Müller-Lissner. Siehe auch Seite 7.

Matthias Schrappe (50), Ärztlicher Direktor des Uni-Klinikums Marburg, hat dort eine AG eingerichtet, die Empfehlungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen an Unikliniken ausarbeitet.

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