Gesundheit : Angst vor der proletarischen Uni Experten warnen vor reinen Ausbildungsanstalten

Tilmann Warnecke

Im Jahr 2030 wird eine neue Mauer durch Deutschland gehen, eine Mauer, die die Hochschullandschaft teilen wird: Auf der einen Seite glänzen einige wenige, international anerkannte Unis, die sich ganz auf die Forschung konzentrieren. In ihrem Schatten steht der große Rest der Hochschulen, die zu reinen Ausbildungsanstalten degradiert worden sind. Einige Regionen Deutschlands werden gar zu „wissensfreien Zonen“, in denen es gar keine Hochschulen mehr gibt.

Dieses Szenario sagen mehr als 300 Hochschulforscher, Hochschulpolitiker und Unipräsidenten für die deutschen Hochschulen voraus. Ein „düsteres Bild“nennt es der Sozialwissenschaftler Gerd de Haan von der Freien Universität Berlin, der die Experten befragte und die Ergebnisse in einem „Hochschuldelphi“ zusammentrug, das jetzt veröffentlicht wurde. Die Hochschule werde eine „ökonomische“ sein, die vor allem darauf reagiere, was die Industrie an Forschung nachfragt, sagen die Experten. Um diesem Leitbild zu folgen, werden die Natur- und Ingenieurwissenschaften ausgebaut; die Geisteswissenschaften dagegen verlieren weiter an Bedeutung. Sie können keine Orientierungsfunktion für die Gesellschaft wahrnehmen, so das Szenario.

Welche Folgen der Elitewettbewerb für die deutschen Universitäten hat und in welche Richtung sie steuern, wird seit Wochen intensiv diskutiert. Eine „Unterschichtendebatte für die Universitäten“ prognostizierte unlängst der Politologe Herfried Münkler. Eine Prognose, die kürzlich auf einer Tagung der Böll-Stiftung in Leipzig zur Zukunft der Hochschulen auch die Hochschulforscherin Barbara Kehm teilte: Hinter der Handvoll Eliteuniversitäten werde es bald eine „breite Masse“ von Unis geben, „die proletarisch auf den Hund kommen“. Die Ergebnisse des „Hochschuldelphi“ spiegelten so vor allem „die gegenwärtigen Ängste“ vieler Hochschulen wider, sagte Wilhelm Krull, Generalsekretär der Volkswagenstiftung: die Angst nämlich, als Verlierer der Ausdifferenzierung des bislang vergleichsweise homogenen deutschen Hochschulsystems dazustehen.

Dabei ist es anderswo schon wieder aus der Mode, in der Spitzenforschung allein auf einige Elite-Unis zu setzen, wie Barbara Kehm zu Bedenken gab: In Großbritannien sei die Politik längst davon abgekommen, ganze Unis zu fördern. Vielmehr würden einzelne herausragende Fachbereiche an vielen unterschiedlichen Hochschulen ausgebaut. Wilhelm Krull sieht hingegen dann gute Chancen für kleinere und mittlere Hochschulen, wenn sie sich als „Regionalhochschulen“ positionieren. Das seien Hochschulen, die stärker als heute schon viele Fachhochschulen mit regionalen Partnern wie Unternehmen, Museen, außeruniversitären Instituten oder privaten Sponsoren eng vernetzt sind.

Susanne Baer, Professorin für Öffentliches Recht und Geschlechterstudien an der Humboldt-Universität, betonte die Chancen für die deutschen Universitäten – und zwar nicht nur die mit dem Elitestatus. Sie könnten sich sogar zu einem regelrechten „Exportschlager“ entwickeln. Mit dem Bologna-Prozess sei für alle europäischen Unis eine weltweit einzigartige Internationalisierung in Gang gesetzt worden. Internationale Studiengänge oder Kurse könnten bereits im Bachelorstudium an der Heimatuni belegt werden. Ein Auslandssemester könnten Studierende nach wenigen Semestern absolvieren. An amerikanischen und asiatischen Unis beschränke sich Internationalisierung oft auf Exkursionen in der Doktoranden- oder gar Postdoc-Phase. „Wir sollten die Stärke des europäischen Unisystems nicht schlechtreden“, sagte Baer. So sei die Einheit von Forschung und Lehre gerade im internationalen Vergleich „nicht selbstverständlich“. Diesen Vorteil dürften die deutschen Unis daher nicht leichtfertig preisgeben.

Dass das Wort „Lehrhochschule“ Angst und Schrecken hervorrufe, sei für ihn „völlig unverständlich“, sagte hingegen Jakob Richter von der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg. Seine Hochschule wolle von einer Spezialisierung auf die Lehre profitieren. „Wir bilden den Eliteunis die exzellenten Bachelor-Studierenden aus, die sie später als Forschungsstudenten brauchen. Darauf haben die doch eh keine Lust mehr.“

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