Gesundheit : „Arbeitslosigkeit ist ein Sieg“

Der Soziologe Ulrich Beck will den Menschen befreien – mit einem bedingungslosen Grundeinkommen

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Herr Beck, auch in der CDU befasst man sich inzwischen mit dem Thema bedingungsloses Grundeinkommen, also einer Grundfinanzierung für jeden. So hat der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus sich für die Einführung eines „solidarischen Bürgergeldes“ ausgesprochen. Was würde das dem Bürger bringen?

Jeder würde, unabhängig von seinem Alter und seiner sozialen Situation, einen festen Geldbetrag monatlich erhalten, der ihm zur grundsätzlichen Existenzsicherung dienen soll. Alle Sorgen um die einfachen Grundbedürfnisse des Daseins wären damit auf einen Schlag erledigt.

Wie hoch soll dieser Betrag sein?

Da gibt es verschiedene Konzepte, von 600 bis 1500 Euro. Ich persönlich halte 800 Euro monatlich für jeden für angemessen. Bis zum 18. Geburtstag würden die Eltern das Grundeinkommen ihrer Kinder als Sachwalter verwalten.

Ist diese Idee nicht eine Utopie?

Ja, eine realistische, aber keine illusionäre. Illusionär ist die Vollbeschäftigung, von der unsere Gesellschaft immer noch träumt. Wir denken, es komme nur darauf an, die Konjunktur wieder anzukurbeln, damit jeder wieder Arbeit hat. Nach 20 Jahren ziemlich erfolglosen Kampfes gegen hohe Arbeitslosigkeit müssen wir uns die Frage stellen: Wie kann man ohne Arbeitsplatz ein sinnvolles Leben führen? Genau betrachtet ist Arbeitslosigkeit ja keine Niederlage, sondern ein Sieg. Die Produktivitätssteigerung erlaubt es, mit einem Minimum an menschlicher Arbeit ein Maximum an Wohlstand zu erzielen. Freiheit statt Vollbeschäftigung – das ist heute die Alternative.

Mal angenommen, das Grundeinkommen würde eingeführt: Wer würde da überhaupt noch arbeiten wollen?

Gerade dann werden viele erst arbeiten wollen, weil sie sich endlich den Lohn nicht mehr vom Arbeitgeber vorschreiben lassen müssen, sondern selbstständig über eine gerechte Vergütung verhandeln können. Sie riskieren dabei nichts, weil sie ja ihr Grundeinkommen haben.

Und was ist mit den „billigen“ Jobs, die niemand machen will?

Die werden richtig teuer werden, gerade weil sie gemacht werden müssen und weil man dann niemanden mehr einfach mit einem Hungerlohn abspeisen kann. Das ist ja das Besondere am Grundeinkommen, dass es auch den Arbeitnehmer zum Unternehmer macht, und zwar gerade den Arbeitnehmer, der besonders schwere und unschöne Arbeit leistet.

Und diejenigen, die dann gar nicht mehr arbeiten wollen?

Sicher werden dann einige nur noch vor der Glotze hängen und faulenzen. Das tun sie allerdings auch heute schon. Es gibt da keinen Kausalzusammenhang, nur: Wer arbeiten wollen wird – und das ist die Mehrheit –, wird es viel freier und selbstbestimmter tun können als heute.

Manche halten Hartz IV für eine Vorform des Grundeinkommens.

Das ist falsch. Das Hartz-Konzept ist rückwärtsgewandt. Es erweitert die Arbeitskontrolle und weicht der Schlüsselfrage aus: Wie schaffen wir ein System, in dem die ungeheuren Möglichkeiten der Automation und der Kreativkräfte der Menschen ihren Nutzen entfalten?

Dennoch leiden die Menschen, wenn sie keine Arbeit haben.

Das Problem ist nicht Arbeitslosigkeit, sondern Geldlosigkeit: die Koppelung von Arbeit und Einkommen. Die bezahlte Arbeit bietet wenig Sinn und noch weniger ökonomische Sicherheit; dennoch gibt es eine Menge zu tun, allein in den Bereichen Bildung, Erziehung oder Umwelt – Arbeit, die viele Menschen liebend gerne übernehmen würden, wenn sie nicht gezwungen wären, damit zugleich ihre Existenz zu sichern. Das Grundeinkommen soll uns doppelt befreien: vom Arbeitszwang und zu sinnvoller Arbeit.

Warum hat die Politik dann dieses Mittel nicht schon längst ergriffen?

Das Gerede von der Erwerbsarbeit als einzigem Sinnstifter unserer Existenz ist ein Herrschaftsinstrument. Alles ist bei uns auf Erwerbsarbeit ausgerichtet: der Rhythmus der Tageszeiten, die Ausbildung, der Übergang von der Pubertät ins Erwachsensein. Der Einzelne definiert sich vor allem über die Erwerbsarbeit; deshalb zwingt er sich zur Anpassung. Fällt dieser Selbstzwang weg, kann man die Freiheit nicht mehr kontrollieren – so fürchten viele. Wenn die Arbeit ausgeht, verlieren viele der Herren der Arbeitsgesellschaft das Fundament ihrer Macht.

Die Politiker fürchten um ihre Kontrolle?

So sieht es leider aus. Man hält das Gros der Bevölkerung für faul und willenlos. Dabei passt das Grundeinkommen zum Kapitalismus. Es würde eine enorme wirtschaftliche Mobilität, Produktivität und Kreativität entfalten. Viele Hindernisse, durch die der Produktionsprozess so ungeheuer gedrosselt wird, würden wegfallen.

Wollen das nicht auch neoliberale Denker?

Es gibt eine riesengroße Koalition von Befürwortern des Grundeinkommens. Da findet sich Milton Friedman, der jüngst verstorbene „Vater des Neoliberalismus“, neben dem Sozialisten André Gorz, dem erzliberalen Lord Dahrendorf oder dem Ostberliner Soziologen Wolfgang Engler. Sie zeigen, wie der Kapitalismus sozial werden kann: indem Arbeit unabhängig vom Einkommen wird und damit selbstbestimmt.

Welche Folgen hätte das Grundeinkommen für die Wirtschaft?

Es schafft eine neue Legitimationsbasis für die Wirtschaft. Die heutigen Konzerne leben ja in einer paradoxen Situation: Indem sie wirtschaftlich handeln, handeln sie illoyal gegenüber dem Staat und den nationalen Belegschaften – und umgekehrt. Da hilft es wenig, auf den Patriotismus der Manager zu pochen; dazu müssten erst mal Manager gezüchtet werden, die deutschnational handeln. Das Grundeinkommen entlastet die Unternehmer von dem Zwang, nationale Einkommensplätze zu sichern.

Wie soll das Grundeinkommen finanziert werden?

Das Modell einer allgemeinen Konsumsteuer von Benediktus Hardorp halte ich für sinnvoll (siehe Infokasten). Damit würde der Kapitalismus zugleich gefördert und gezähmt. Denn Steuern lassen sich überall unterlaufen, nur da nicht, wo die Ware verkauft wird. So wird der Unternehmer entlastet und beteiligt sich trotzdem am Gemeinwohl. Allerdings: Wer viel verdient, sollte auch zusätzlich direkte Steuern zahlen.

Der Unternehmer Götz Werner sieht das anders: Die Konsumsteuer reiche zur Finanzierung völlig aus.

Ich will mich da nicht frühzeitig festlegen. Wir sind ja erst am Beginn der Diskussion. Jedenfalls könnten die Lohnnebenkosten fallen. Das wäre der erste Schritt.

Wie steht die Politik dazu?

Chancen sehe ich vor allem bei den Grünen und der FDP, wobei sich gerade die FDP merkwürdigerweise an die Vollbeschäftigung klammert. Schwierig ist es bei der SPD: Die würde durch das Grundeinkommen ja ihre Machtposition als Partei der Erwerbsarbeit gefährden. In der CDU gibt es einige abweichende Vordenker wie etwa Kurt Biedenkopf, aber sonst hält man sich zurück, wie ja leider der Bundesparteitag in Dresden gezeigt hat. Aber wenn wir so weitermachen wie bisher, treiben wir das untere Drittel der Gesellschaft in die Hoffnungslosigkeit, in Kriminalität und Gewalt. Das würde auch für die ungemütlich, die etwas besitzen.

Das Gespräch führte Konstantin Sakkas

ULRICH BECK , 62, ist einer der führenden deutschen Soziologen. Er ist Professor an der Uni München und an der London School of Economics and Political Science

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