Arztserien und Realität : Ärzte sollen an Doktor Brinkmann denken

Arztserien wecken bei Patienten besondere Erwartungen und Ängste. Mit dem Zusammenhang zwischen Fernsehen und Wirklichkeit beschäftigt sich jetzt eine Studie. Das Fazit: Visiten im TV sollten als Vorbild dienen.

Adelheid Müller-Lissner
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Schwarzwaldklinik. Professor Klaus Brinkmann und Dr. Christa Brinkmann. -Foto: dpa

Ob es nicht möglich sei, die anderen schon einmal aus dem Krankenzimmer zu schicken, fragte die Patientin den Oberarzt. Der war zusammen mit anderen Ärzten und Pflegekräften zur Visite gekommen. Sie habe noch etwas Privates mit ihm zu besprechen. Und ob man sich dazu nicht einen Kaffee kommen lassen könne. Der Mediziner verweigerte das gewünschte Gespräch unter vier Augen mit dem Hinweis auf seine Pflichten in den anderen Krankenzimmern. Nach ihrer Entlassung beschwerte die Patientin sich bei der Verwaltungsleitung des Krankenhauses. Andere Ärzte, so schrieb sie, seien deutlich freundlicher und hätten immer ein offenes Ohr.

Welche anderen Ärzte? Abgesehen von der Gallenblasenoperation, die sie gerade gut überstanden hatte, war diese ältere Dame ihr Leben lang ziemlich gesund gewesen. Ärzte kannte sie vorwiegend aus dem Fernsehen: Professor Brinkmann, den Chefarzt der Schwarzwaldklinik, den Gynäkologen Dr. Stefan Frank – ein „Arzt, dem die Frauen vertrauen“ – und Dr. Roland Heilmann aus der Sachsenklinik.

Von dem Ärztemangel, der heute in einigen Regionen der Republik herrscht, ist auf dem Bildschirm wenig zu spüren. Im Gegenteil, dort sind verständnisvolle, scharfsinnige Chef-, Ober- und Assistenzärzte immer präsenter – als fiktive Figuren in Krankenhausserien. Sie führen nicht nur erfolgreich das Skalpell, sondern leisten auch in ausgedehnten Gesprächen allgemeine Lebenshilfe. Mehr als ein Dutzend Serien liefen im vergangenen Jahr im deutschen Fernsehen gleichzeitig. Es liegt nahe, dass die Fernseh-Doktoren das Bild beeinflussen, das sich ihre treuen Fans von ärztlichem Verhalten, aber auch von medizinisch brenzligen Situationen machen.

Cappuccino mti dem Chefarzt? Das gibt's nur im Fernsehen

Einen wissenschaftlichen Nachweis über die Zusammenhänge zwischen Fernsehkonsum und Einschätzung der Lage bei einer echten Operation versuchte jetzt der Chirurg und Kommunikationswissenschaftler Kai Witzel zu führen, Leiter eines Zentrums für Minimal-Invasive Chirurgie in der hessischen Rhön und Mitglied der AG Medien der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Er konfrontierte dafür insgesamt 162 Patienten der Helios St. Elisabeth Klinik in Hünfeld mit 33 Fragen – vor und nach einem Routineeingriff – Entfernung von Gallensteinen oder Operation eines Leistenbruchs. Sie alle waren, wie die ältere Dame, die sich das Privatgespräch mit dem Oberarzt wünschte, bisher noch nicht schwer krank gewesen. Und entweder noch nie oder zuletzt vor langer Zeit einmal operiert worden. Sie hatten also kaum eigene Krankenhaus-Erfahrung. 95 Frauen und 67 Männer zwischen 18 und 92 Jahren nahmen teil. Einerseits wollten Witzel und seine Kollegen von ihnen wissen, wie viele Stunden sie in der Woche durchschnittlich fernsehen und wie gut sie sich speziell mit Krankenhausserien auskennen. Andererseits interessierte ihn, ob die Studienteilnehmer vor dem Eingriff besonders große Angst hatten und ob sie später mit der Zuwendung der Ärzte zufrieden waren.

Nun, nach der Auswertung, ist klar, dass die Patienten, die häufig TV-Ärzten bei der Arbeit zusehen und besonders viele Serien kennen, auch die ängstlichsten sind, vor allem die jüngeren Vielseher. Bleibt die Frage, wie sich das erklären lässt. Der Chirurg schließt aus, dass Menschen, die häufig Arztserien anschauen, sich der tatsächlichen Operationsrisiken eher bewusst sein könnten als andere Patienten. Denn gerade die Serienfans zeigten sich vor Operationen schlechter informiert. Wer sein medizinisches Wissen vertiefen will, schaut sich im Fernsehen wohl eher sachorientierte Gesundheitsmagazine an. Witzel vermutet, dass die Serien-Episoden die Erwartung der Patienten in eine dramatische Richtung lenken: Weil langweilige Krankenhaus-Routine kaum für hohe Einschaltquoten sorgen würde, werden dort in fast jeder Folge Notfall-Eingriffe gezeigt. Oft geht es um schwere Gewissensentscheidungen der behandelnden Ärzte und um lebensbedrohliche Komplikationen. „Wir präsentieren meist sehr außergewöhnliche Fälle“, bestätigt Axel de Roche, Regisseur der ZDF-Serie „Der Bergdoktor“, von der im Januar eine neue Staffel der Serie anlief. Natürlich suche man medizinischen Rat, um mit dem Drehbuch fachlich auf der sicheren Seite zu sein. „Doch wenn wir die Zuschauer wirklich fesseln wollen, können wir uns nicht damit begnügen, die Realität im Maßstab eins zu eins abzubilden.“ Der Zuschauer müsse lernen, zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu unterscheiden.

Krankenhäuser müssen sich auf Arztserienniveau anheben

Chirurg Witzel fürchtet trotzdem, dass die Fernsehgeschichten Wirkung zeigen: Wer sich täglich auf dem Bildschirm mehrere dramatisch verlaufende Notoperationen zu Gemüte führe, der könne kaum zu der ruhigen Überzeugung gelangen, dass bei der eigenen Gallenblasen-Operation einfach alles gut gehen werde. Denkbar sei allerdings auch, dass Menschen, die gern und oft Krankenhausserien sehen, von vornherein etwas hypochondrischer veranlagt sind und auch zu höheren Ansprüchen gegenüber dem Klinikpersonal neigen.

Die „echten“ Ärzte scheinen dann dem Vergleich mit den smarten Medizinern und hübschen, geduldigen Krankenschwestern der Serien nicht standhalten zu können. Arztserien-Aficionados äußern sich jedenfalls, wie die Studie ergab, nach der Operation kritischer über die Krankenhausvisiten: Patienten, die mehr als 30 Stunden in der Woche fernsahen, benoteten die realen Visiten nur mit einer Drei, während Fernsehabstinente ihnen eine Zwei minus erteilten.

„Die Botschaft lautet, dass Kliniken, die sich auf dem Markt behaupten wollen, sich bei ihrem Service den Erwartungen der Patienten zuwenden müssen“, sagt Witzel. Vor allem sollten sich die Ärzte für die Visite mehr Zeit nehmen. „Der Aufenthalt muss für den Patienten so gestaltet werden wie in der Schwarzwaldklinik“, spitzt der Chirurg seine Forderungen zu. Also doch ein tägliches Tête-à-Tête mit dem Oberarzt beim Cappuccino – für alle Patienten? Dazu müsste man wohl zuerst den Personalschlüssel der Krankenhäuser auf Arztserien-Niveau anheben.

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