Gesundheit : Asthma: Neue Studien über emotionale Auslösung von Anfällen

Rosemarie Stein

Asthma (griechisch: Atemnot) schnürt anfallsweise die Kehle zu. Das kann von Husten - vorwiegend bei Kindern - und Kurzatmigkeit bis zu schweren Erstickungsanfällen gehen. Die Mediziner sprechen beim Asthma bronchiale von variabler und reversibler Atemwegsobstruktion infolge einer chronischen Entzündung und, wahrscheinlich auf ihrer Basis, einer Überempfindlichkeit der Atemwege gegen Reize. Diese Definition - eine unter vielen - findet Gert Höffken vom Dresdner Universitätsklinikum am brauchbarsten.

Auf dem Deutschen Ärztekongress in Berlin sprach Höffken über neue Erkenntnisse zum Bronchialasthma. Dieses häufige chronische Leiden gibt der Forschung noch viele Rätsel auf. Lange Zeit galt es als eine der klassischen psychosomatischen Krankheiten. Unbestritten spielen dabei seelische Faktoren ebenso wie körperliche eine Rolle. Aber die psychischen Einflüsse wurden früher offenbar überschätzt. Als Reaktion darauf halten heute viele Mediziner das Asthma für eine rein körperliche Krankheit, zumal einige ihrer Entstehungsmechanismen aufgeklärt wurden.

Hans-Christian Deter, der diese Situation in der von ihm moderierten Vortragsreihe darstellte, ist selber Psychosomatiker (am Klinikum der Freien Universität Berlin). Er stellte fest, dass es nur wenige Studien darüber gibt, welche Rolle die psychischen und welche die somatischen Einflüsse bei Entstehung und Verlauf des Asthmas bronchiale spielen. Über einige dieser wissenschaftlichen Untersuchungen berichtete Bernhard Dahme (Universität Hamburg). Die Forscher wollen nachprüfen, was die Erfahrung zeigt: Asthma-Anfälle können von sehr verschiedenartigen Reizen ausgelöst werden; bei Allergikern etwa von Blütenpollen, Hausstaubmilben, Haustierschuppen und anderen Allergenen. Man muss aber kein Allergiker sein, um unter Asthma zu leiden. Auch kalte Luft, Gerüche und vor allem Tabakrauch können einen Anfall auslösen.

Zu den typischen Auslösern gehört neben körperlichem aber auch psychischer Stress. Bei Asthmakranken, die zu Angst oder Depression neigen, kann es, wie Deter bemerkte, zur emotionalen Auslösung von Anfällen kommen, ebenso durch schwere soziale Konflikte. Aber auch positiver Stress wie etwa eine plötzliche große Freude kann zum Anfall führen.

Ein Forscherteam um Dahme, die Arbeitsgruppe "Respiratorische Psychophysiologie", untersucht im Hamburger Psychologischen Institut seit fünf Jahren den Zusammenhang zwischen Emotionen und Atemstörungen. Die Experimente schließen außer Asthmakranken immer auch eine Kontrollgruppe Atemgesunder ein. Dieser Vergleich unterblieb in früheren Laborstudien meist.

Sie ersannen für ihre Tests strenge Bedingungen. Die Versuchspersonen betrachteten Dias mit emotionsgeladenen Motiven. Die Forscher fragten sie nicht nur nach ihren Reaktionen, sondern maßen die Biosignale, vor allem den Atemwegswiderstand. Der erhöhte sich bei beiden Versuchsgruppen durch positive Stimuli. Die negativen Reize hingegen, ausgelöst von Bildern bedrückenden Inhalts, wirkten sich bei den Asthmatikern deutlich stärker auf den Atemwegswiderstand aus. In einer zweiten Studie, diesmal mit Filmclips, erhöhte sich durch negative wie auch positive Emotionen der Atemwegswiderstand bei Asthmakranken stärker als bei Gesunden. In beiden Experimenten waren die Unterschiede aber nicht sehr groß. Vielleicht waren die Reize zu schwach, meinte ein Diskutant und verwies auf den Gewöhnungseffekt durchs Fernsehen. Dahme teilte dazu mit, schon für die Studien mit den relativ schwachen Stimuli habe er die Genehmigung der Ethikkommission nur mit Mühe bekommen.

Ein kontrollierter Feldversuch einer Londoner Arbeitsgruppe kam in der Tat zu deutlicheren Unterschieden zwischen Asthmakranken und Gesunden. Der echte Stress des Alltags verengte die Atemwege der Asthmatiker weit mehr als die experimentellen Belastungen im Labor.

Was dabei im Körper passiert, wird noch erforscht. Beispielsweise werden beschleunigt entzündungsfördernde Neuropeptide wie die Substanz P freigesetzt, berichtete der Charité-Allergologe Gert Kunkel. Die Atemwege werden enger, es bildet sich mehr Schleim, die Entzündungsreaktion verstärkt sich. Solche nervlichen Einflüsse wirken direkt vor Ort und blitzschnell: Es kommt zum Anfall. Auch bei psychischer Auslösung aber reduzieren Nebennierenrindenhormone ("Kortison") deutlich die Freisetzung von Neuropeptiden, was Atemnot verhütet, lindert oder behebt.

Nicht nur Kunkel bedauert deshalb jene maßlos übertriebene Cortison-Angst, die viele Kranke von einer wirksamen Therapie abhält. Sie stammt aus einer Zeit, als man das Hormon massiv überdosierte - mit entsprechenden Nebenwirkungen. Heute wird die Dosis dem Studium der Krankheit und dem Zustand des Patienten sehr genau angepasst, und beim Inhalieren brauchen die Asthma-Patienten ohnehin nur den zehnten Teil der sonst nötigen Dosis.

Die zum Teil schwierige Anwendung verschiedener Medikamente, das korrekte Benutzen des Inhalators, das Vermeiden der anfallsauslösenden Reize sowie Atem- und Entspannungstechniken können Asthmakranke in Kursen lernen, die leider noch zu selten angeboten werden. Wie der Kinder-Lungenspezialist Ulrich Wahn (Charité, Campus Virchow) und der Berliner Allergologe Ralf Schultebraucks berichteten, helfen solche Kurz-Schulungen den chronisch Kranken nachweislich, mit ihrem Leiden besser zu leben.

Eine psychosomatische Gruppenbehandlung brauchen nach Deters Erfahrung nur solche Asthmapatienten, denen es so schlecht geht, dass sie oft stationär behandelt werden müssen, sowie solche, deren Anfälle durch Angst, Depressionen oder soziale Konflikte ausgelöst werden. Eine solche Gruppentherapie umfasst Information, Entspannungstraining, eine Klärung des Krankheitsverhaltens und Gespräche. Dabei nimmt der Moderator sich so zurück, dass sich eine Art Selbsthilfegruppe entwickelt.

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