Gesundheit : „Auch der Nachmittag gehört der Schule“

Was Lehrer lernen müssen: Heinz-Elmar Tenorth über die Kritik der OECD-Experten am Bildungssystem

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HEINZELMAR

TENORTH (59)

ist Vizepräsident an der Humboldt-Universität und Professor für historische Erziehungswissenschaft.

Foto: Mike Wolff

Fünf Experten der OECD reisen elf Tage lang durch Deutschland und fällen danach ein vernichtendes Urteil über das gesamte Schulsystem. Wie ernst muss man das nehmen?

Nach wissenschaftlichen Kriterien ist das Protokoll der Experten nur eine subjektive Einschätzung. Der endgültige Bericht wird ja erst in einem halben Jahr vorliegen. Trotzdem muss man auch das Reiseprotokoll ernst nehmen, denn immerhin spricht hier die OECD, eine sehr angesehene Institution, die nicht leichtfertig urteilt.

Die Experten zählen viele Kritikpunkte auf, angefangen mit dem dreigliedrigen Schulsystem über die zu lange Lehrerausbildung bis hin zur fehlenden Evaluation der Lehrkräfte und Schulen. Hat Sie ein Punkt überrascht?

Nein. Es ist bekannt, dass etwa der Schwede Mats Ekholm ein Gegner des dreigliedrigen Schulsystems ist, insofern war nichts anderes zu erwarten. Mich hat eher überrascht, dass die Experten eine veraltete Diagnose des Status Quo vorlegen und nicht genügend würdigen, wie viele Reformanstrengungen bereits eingeleitet wurden. Für die Reform der Lehrerausbildung etwa gibt es viele praxisnahe Modelle; in vielen Bundesländern wird den Schulen mehr Autonomie übertragen, auch in Berlin. Und die neuen Bildungsstandards werden dazu führen, dass die Leistungen der Schulen transparenter werden.

In dem Protokoll wird auch moniert, die deutschen Lehrer lernten zwischen Referendariat und Pensionierung nichts mehr hinzu, die Lehrerfortbildung sei „zufällig“.

Hier liegt in der Tat einiges im Argen. Zwar steht im Berliner und in anderen Schulgesetzen, dass Lehrer zur Weiterbildung verpflichtet sind. Aber es wird weder überprüft, ob sie es tun, noch gibt es Sanktionen, wenn sie es nicht tun.

Wie steht es denn um die Bereitschaft der Lehrer zur Weiterbildung?

Wenn man die private Lektüre von Fachbüchern oder den Austausch im Kollegenkreis hinzunimmt, bilden sich viele Lehrer fort. Aber an Kursen nehmen nach meinem Eindruck zu wenige teil.

Sollte man allen Lehrern vorschreiben, zum Beispiel innerhalb von zwei Jahren ein zweitägiges Seminar zu belegen?

Ich finde es sinnvoller, den Nachweis der Weiterbildung zur Voraussetzung eines Aufstiegs oder einer Gehaltserhöhung zu machen. Lehrer müssen sich ständig weiterqualifizieren, sowohl was die Inhalte ihres Fachs als auch was die didaktischen Methoden angeht. Es reicht aber nicht, zwei Tage Seminar abzusitzen. Es muss nachweisbar sein, dass die Weiterbildung ins Kollegium getragen wurde und in der Schule etwas bewirkt.

Fortbildungen finden also am besten in den Schulen selbst statt?

Ja. Die Schulen sollten viel öfter selbst Dozenten engagieren, die direkt ins Haus kommen. Es ist die Aufgabe des Schulleiters zu sehen, wo Defizite bestehen, und Weiterbildungen zu organisieren – zum Beispiel Studientage mit Wissenschaftlern. Das Fortbildungsangebot, das wir haben, ist weder von der Quantität noch von der Qualität her ausreichend.

Das heißt, es müsste mehr in Fortbildung investiert werden – auch im Hinblick auf die neuen Bildungsstandards?

Ja, das kostet Geld. Aber man darf dieses Argument nicht so hoch hängen, dass es zu einer Entschuldigung für Nichtstun wird. Weiterbildung betrifft die ganze Schule, die Kollegien. Wenn die Lehrer akzeptieren, dass auch ihr Nachmittag der Schule gehört, kann man mit wenig Geld viel erreichen – indem man sich nachmittags mit Kollegen austauscht und gemeinsam Unterrichtsprogramme entwickelt. Das ist der größte Mentalitätswandel, vor dem die Lehrer stehen.

Sie sind Professor der historischen Erziehungswissenschaft. Die Experten der OECD bescheinigen Deutschland, das Bildungssystem sei „von gestern“ und führe „in eine alte Zeit“. Sehen Sie das auch so?

Unsere Schulstrukturen stammen aus der Weimarer Zeit, das stimmt. Was aber die Lehrpläne angeht, so wurden und werden sie kontinuierlich modernisiert. Und der Unterrichtsstil hat sich sogar sehr stark verändert. Zu sagen, wir hätten hier eine alte obrigkeitliche Schule, ist grundfalsch. Gucken Sie sich doch die Abiturienten an im Vergleich zu denen vor zwanzig Jahren! Das System ist nicht so immobil, wie es die OECD-Experten darstellen. Ich würde sogar sagen: Es ist erstaunlich modernisierungsfähig.

Das Gespräch führte Dorothee Nolte.

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