Gesundheit : Auf das Abitur kommt es an

Bei Bewerbungen für ZVS-Fächer gelten neue Regeln. Antworten auf die wichtigsten Fragen

Tilmann Warnecke

Die Telefone im Studienbüro der Charité stehen nicht mehr still, seit vor kurzem der Bewerbungszeitraum für das Wintersemester begonnen hat. Die Bewerber für ein Medizinstudium sind stark verunsichert, sagt Rolf Winau, Prodekan für Studium und Lehre an der Charité. Die Verwirrung hat einen Grund: Vom Wintersemester an gelten neue Regeln für die Fächer, die die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) bundesweit vergibt. Dazu gehören neben Medizin auch Zahn- und Tiermedizin, Pharmazie sowie die Diplomstudiengänge Biologie und Psychologie. Die wichtigste Neuheit: Statt bei knapp 25 Prozent dürfen die Hochschulen jetzt bei 60 Prozent der Plätze ihre Studenten selbst aussuchen. Neben dem Notenschnitt aus dem Abitur können sie bei dieser 60-Prozent-Quote andere Faktoren heranziehen, um ihre Bewerber zu bewerten: Etwa ein Auswahlgespräch. 117000 Bewerber rangeln sich um knapp 40000 Plätze. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum neuen Verfahren.

Hat mein Abitur noch einen Wert?

Der Notenschnitt des Abiturs ist auch in Zukunft das wichtigste Kriterium, wenn angehende Studenten sich um einen Platz an der Universität bewerben. Das ist gesetzlich vorgeschrieben. Die Universitäten müssen deswegen auch bei den Kandidaten zuerst auf den Abiturschnitt schauen, die sie über die 60-Prozent-Quote selber aussuchen: Er zählt zu mindestens 50,1 Prozent. Die Unis können die Durchschnittsnote mit eigenen Verfahren höchstens relativieren. Außerdem vergibt die ZVS zuerst 20 Prozent der Plätze direkt an die besten Bewerber.

Wie wählen die Universitäten bei der 60-Prozent-Quote aus?

Trotz der neuen Möglichkeiten wählen nach ZVS-Angaben knapp zwei Drittel der Fachbereiche ihre Studenten ausschließlich über die Abiturdurchschnittsnote aus. Für die meisten Bewerber wird sich im Vergleich zum Vorjahr also überhaupt nichts ändern. Zu einem Auswahlgespräch laden bisher weniger als zehn Fachbereiche ihre Bewerber ein. Die Hochschulrektorenkonferenz nennt mehrere Gründe, warum die Universitäten bei der 60-Prozent-Quote keine neuen Verfahren einsetzen. Multiple-Choice-Tests seien für die Fächer noch gar nicht entwickelt. Obwohl die Hochschulen seit Jahren fordern, ihre Studenten selbst aussuchen zu dürfen, sagen sie jetzt, dass die neuen Regeln zu schnell kamen. Sie hätten nicht rechtzeitig Hochschulsatzungen entwickeln können, die auch vor Gericht Bestand haben, falls Bewerber die Entscheidung anfechten. Auswahlgespräche fallen zudem in den August, den die Universitäten für einen ungünstigen Monat halten. Viele Professoren seien auf Kongressen oder im Urlaub und könnten keine Gespräche durchführen.

Was zählt beim Auswahlverfahren der Hochschulen am meisten, wenn sie mehr als die Abiturnote heranziehen?

Wie die Hochschulen Gespräche, Tests, Berufserfahrung, soziales Engagement oder Noten aus bestimmten Schulfächern gewichten, bestimmen sie selbst – nur mehr als die Abiturnote dürfen die zusätzlichen Kriterien nicht ausmachen.

Mit welchem Notenschnitt bekomme ich einen Studienplatz?

Das ist von Fach zu Fach unterschiedlich und lässt sich nicht genau vorhersagen. Entscheidend ist der Numerus clausus (NC). Der lateinische Begriff steht für „beschränkte Menge“ und bedeutet, dass nicht mehr Bewerber zugelassen werden dürfen, als Plätze verfügbar sind. Die Plätze bekommen die Kandidaten mit den besten Noten. Der Abiturschnitt des letzten Bewerbers, der einen Platz bekommt, gilt dann als NC. Bisher konnten sich Bewerber am Wert des Vorjahres orientieren. Für die 20 Prozent, die direkt einen Studienplatz von der ZVS erhalten, könnte der NC dieses Jahr aber höher liegen als im letzten Jahr, heißt es bei der ZVS – schließlich gibt es für diesen Bewerberkreis weniger Studienplätze als im Vorjahr. Da viele Hochschulen in ihrer 60-Prozent-Quote ebenfalls nur nach der Abiturnote auswählen, könnte sich am Schluss der Studienplatzvergabe am NC gar nicht viel ändern – wenn man alle Studienplätze zusammen betrachtet.

Wo bewerbe ich mich?

Für alle Fächer müssen sich Studieninteressenten bei der ZVS bewerben. Nur einige Hochschulen verlangen zusätzliche Informationen. Welche Uni zusätzliche Dokumente verlangt, kann man über deren oder die ZVS-Homepage erfahren.

Wann bewerbe ich mich?

Schüler, die dieses Jahr ihr Abitur ablegen, können sich bis zum 15. Juli bewerben. Alle anderen müssen ihre Unterlagen schon bis zum 31. Mai einschicken. Die ZVS muss nämlich vorsortieren, wer für den Anteil der Besten in Frage kommt und direkt einen Studienplatz bekommt oder wer ins Auswahlverfahren der Unis geschickt wird. Das bedeutet aber nicht, dass die Abiturienten dieses Sommers schlechtere Chancen haben, nur weil sie sich später bewerben.

Nützen Wartesemester noch?

Ebenfalls vor der 60-Prozent-Quote vergibt die ZVS 20 Prozent der Plätze an die, die bereits mehrmals bei der Vergabe leer ausgegangen sind. Als Wartesemester gelten die Semester, die Jugendliche nach ihrem Abitur nicht an einer Hochschule eingeschrieben waren. Nach dem Willen der Hochschulrektorenkonferenz soll die Regel bald abgeschafft werden – Wartesemester würden nichts über die Qualität der Bewerber aussagen.

Kommen bei der 60-Prozent-Quote alle Bewerber bei jeder Uni ins Auswahlverfahren, bei der sie sich beworben haben?

Das ist von Universität zu Universität unterschiedlich. Angehende Studenten können sechs Wunschorte bei der ZVS für die 60-Prozent-Quote angeben. Bei manchen Hochschulen rutschen Bewerber allerdings in einer Vorauswahl mit einem schlechten Abischnitt von der Liste. Die Berliner Charité nimmt nur Kandidaten ins Auswahlverfahren auf, die die Charité auf Platz eins gesetzt haben. Der Grund ist „ein Kapazitätsproblem“, sagt Prodekan Rolf Winau. Wenn die Charité alle berücksichtigen würde, müssten die Mitarbeiter 10000 Bewerbungen sichten. Jetzt rechnet die Klinik mit 4500 – für wenig mehr als 150 Studienplätze, die sie so vergibt.

Wie gehen die Berliner Universitäten vor?

Ein Auswahlverfahren, das mehr als die Abidurchschnittsnote beinhaltet, plant für die 60-Prozent-Quote nur die Charité, die für FU und HU gemeinsam die Fächer Medizin und Zahnmedizin anbietet. Für drei Viertel dieser Plätze gewichtet die Charité die Abiturnote neu. Wer in der Oberstufe Mathematik, Physik, Chemie und Biologie belegt hat, bekommt einen Bonus. Gute Englisch- und Deutschnoten werden ebenfalls belohnt. Ein weiteres Viertel – das sind in der Medizin etwa 40 Plätze – wird nach einem Auswahlgespräch vergeben. Dafür lädt die Charité 130 Bewerber ein.

Was passiert, wenn ich über die 60-Prozent-Quote keinen Platz bekomme?

Auch dann gibt es noch Chancen, im Wintersemester ins Studium zu starten. Viele Bewerber könnten über die 60-Prozent-Quote Plätze an mehreren Universitäten ergattern. Wenn sie sich für eine entschieden haben, rücken bei den anderen die Kandidaten nach, die auf der Liste hinter ihnen stehen. Die Plätze, die auch diese Nachrücker freilassen, vergeben die Universitäten zum Schluss per Losverfahren.

Mehr Informationen im Internet:

www.zvs.de

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