Gesundheit : „Aufschrei des Knochens“

Wenn Hüften brechen, liegt dies meist an der Osteoporose. Neue Therapien erleichtern die Heilung

Adelheid Müller-Lissner

„Der Bruch ist ein Aufschrei des Knochens“, sagt Wolf Mutschler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie. Ein solcher Schrei kann vom Knochen eines Sportlers kommen, der aus rasanter Geschwindigkeit heraus gestürzt ist, oder von einem noch nicht voll ausgereiften Kinderknochen, der beim Spielen brach. Doch etwa 1350 Mal am Tag bricht irgendwo in Deutschland ein Knochen auch nur, weil sich ein Mensch gestoßen hat oder hingefallen ist.

In diesen Fällen hat der Knochen der Belastung nicht standgehalten, weil seine Grundsubstanz spröde geworden ist. Der Grund ist Osteoporose, also allmählicher Abbau der Knochensubstanz. 40 bis 45 Prozent aller Brüche hätten hier ihre Ursache, sagte der Ärztliche Direktor der Chirurgischen Klinik Innenstadt der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität anlässlich des ersten gemeinsamen Kongresses, den die Unfallchirurgen mit den Orthopäden bis Sonnabend im Berliner ICC abhalten.

Wenn es an der Wirbelsäule zum Bruch kommt, dann ist sogar in neun von zehn Fällen der Knochenschwund die Ursache. Drei von zehn Frauen – Männer sind etwas seltener betroffen – entwickeln im Lauf ihres Lebens eine Osteoporose. Und die „Chance“, dass dann irgendwann auch ein Knochen bricht, liegt immerhin bei 40 Prozent. Dann ist es oft mit dem Gips nicht getan. Es müssen Knochenstücke miteinander verbunden oder sogar kaputte Gelenke ersetzt werden.

Die Chirurgen, die nicht selten hochbetagte Patienten behandeln, stehen damit vor besonderen Problemen. „Viele Patienten sind allgemein geschwächt, die Heilung ist verzögert, die Festigkeit der Knochen herabgesetzt, Implantate sind schwer zu verankern“, so fasste Mutschler die Schwierigkeiten zusammen.

Die neuen technischen Möglichkeiten sind daher ein wichtiges Kongressthema. Es gibt neuartige Nägel und an Metallplatten werden Schrauben angebracht, die das Implantat besser im porösen Knochen verankern. Der Bereich der Endoprothetik beschränkt sich längst nicht mehr auf künstliche Hüftgelenke. Inzwischen werden auch Ellbogen oder Schultergelenke bei Bedarf durch Prothesen ersetzt.

Außerdem wird derzeit auch spezieller Knochenzement erprobt, der in eingebrochene Rückenwirbel eingespritzt werden kann. Mit dem Verfahren soll die Stabilität der Wirbelsäule erhöht und Schmerzen gelindert werden. „Mit dem Knochenzement sind wir aber noch nicht zufrieden, wir wollen abbaubare Produkte entwickeln“, sagte Mutschler.

Unzufrieden ist er jedoch vor allem wegen eines anderen Punkts: Trotz einer meist angemessenen Behandlung des osteoporosebedingten Knochenbruchs wird derzeit nur bei etwa jedem zehnten Patienten hinterher die richtige Diagnose gestellt – und die notwendige Behandlung eingeleitet, um einem erneuten Bruch vorzubeugen.

„Nach Heilung des Knochenbruchs dank moderner Behandlungsmöglichkeiten sollte unbedingt eine nachfolgende Therapie die Osteoporose stoppen“, sagt Mutschler. Dazu gehöre die Verordnung von Kalzium in hoher Dosis, von Vitamin D und speziellen Medikamenten wie den Bisphosphonaten, aber nicht zuletzt auch körperliches Training. Das Ziel ist es, Muskeln aufzubauen, weil das auch das Knochenwachstum anregt, und die Koordination zu fördern, weil das Stürzen vorbeugt.

Mit dem Training sollte man rechtzeitig anfangen, um im Alter fit zu sein. So begrüßt der Münchner Orthopäde Reiner Gradinger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie, dass 23 Millionen Bundesbürger regelmäßig Sport treiben, davon 57 Prozent in Vereinen oder Verbänden. Allerdings führen diese Aktivitäten auch jedes Jahr zu zwei Millionen Sportverletzungen in Deutschland. Risikominimierung ist also besonders bei Trendsportarten wie Inlineskating oder Snowboarding angesagt.

Ist es aber zum Unfall gekommen, wäre es für den Patienten – ob jung, ob alt – wichtig, dass der Arzt nicht allein den Bruch behandelt, sondern auch nach den Ursachen fragt und etwa den Knochenschwund umfassend behandelt. Dies sollte nach dem Willen der in Berlin tagenden Fachgesellschaften der neue Facharzt für Orthopädie-Unfallchirurgie sein, den sie gemeinsam aus der Taufe gehoben haben.

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