Gesundheit : „Aus der Luft gegriffen“

Die Präsidenten von Freier und und Humboldt-Universität lehnen das Vorgehen von Sarrazin ab

Uwe Schlicht

Die Präsidenten der Freien (FU) und der Humboldt-Universität (HU) befürchten, dass auf der Senatsklausur am kommenden Wochenende 200 Millionen Euro Einsparungen für die Berliner Hochschulen beschlossen werden. Finanzsenator Thilo Sarrazin hatte diese Summe vorgegeben und den Unternehmensberater Roland Berger mit einem Konzept beauftragt.

FU-Präsident Peter Gaehtgens kritisiert, dass Berger von Hochschuluntersuchungen in Hamburg und Schleswig-Holstein ausgehe. Dort beginne die große Umorientierung durch Sparauflagen erst. Daher könnten 20 Prozent an Einsparungen in der Verwaltung dort gerechtfertigt sein, nicht jedoch in Berlin, das bereits zwischen 1993 und 2003 einen Verlust von 500 Millionen Euro beim Landeszuschuss für die Hochschulen hinnehmen musste.

Die FU hat innerhalb von zehn Jahren ihr Personal von 4570 Beamten und Angestellten auf 2880 Stellen im Jahr 2002 reduziert. Es sei daher ein Irrtum, wenn Berger davon ausgehe, dass die Reduzierung der Studienplätze zu weiteren Einsparungen beim Verwaltungspersonal in Höhe von 63 Millionen Euro führen könne. An der Humboldt-Universität wurde das Personal seit 1992 von 4957 Mitarbeitern auf 2837 Stellen reduziert (ohne die Medizin).

Die Einsparsumme von 200 Millionen bezeichnete HU-Präsident Jürgen Mlynek als absurd. Durch den Auftrag an Berger „sollen auf kaltem Weg vollendete Tatsachen geschaffen werden. Die Berliner Regierung fährt Wissenschaft und die Universitäten, die zu den besten in Deutschland gehören, konsequent gegen die Wand.“ Der größte Teil der Sparsumme könne nicht in der Verwaltung erbracht werden. Es werde dann auf den wissenschaftlichen Bereich zugegriffen. „Das führt dann zu einer Vernichtung von Studienplätzen, obwohl die Politiker gerade das ausschließen wollen”, sagt Mlynek.

Gaehtgens weist auf weitere Irrtümer in dem Gutachten hin: Berger spreche von einem starken und teuren Mittelbau. Die Assistenten würden jedoch angesichts der schlechten Betreuungssituation der Studenten in Berlin dringend benötigt. Schon heute seien aus Kostengründen nur 80 Prozent dieser Stellen besetzt. Außerdem könne man zwar den Studienservice verbessern. 42 Millionen Euro spare man damit aber nicht.

Die beiden Präsidenten zeigen sich empört darüber, dass Berger allein Daten des Finanzsenators herangezogen habe und weder in der Wissenschaftsverwaltung noch bei den Hochschulleitungen selbst recherchiert habe. Die Hochschulpräsidenten schlagen stattdessen vor, das Hochschulinformationssystem (HIS) mit Einsparvorschlägen in der Verwaltung zu beauftragen. Die Hochschulspitzen erwägen, aus den laufenden Verhandlungen über die Hochschulverträge für die Jahre nach 2005 auszusteigen, wenn sie „weiter mit aus der Luft gegriffenen Einsparvorgaben konfrontiert werden”. Dies wollen sie in einem Brief an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit ankündigen.

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