Gesundheit : Barbarisches Theater

Der Stand der Dinge (12): Hartmut Böhme über die Aufgaben der Kulturwissenschaften im Bio-Tech-Zeitalter

Hartmut Böhme

In dieser Serie berichten renommierte Geistes- und Sozialwissenschaftler über den Forschungsstand ihrer Disziplin. Welche Aufgaben stellen sich die Forscher? Welcher Begriff hat Konjunktur, worüber wird diskutiert?

Den Geisteswissenschaften weht der Wind ins Gesicht. Im Rausch der Computer Sciences, der Neurowissenschaften und der Bio-Technologien – Wissenschaften, bei denen die Versprechen ihre Erfolge weit überbieten (die Börse hat das mit Kurseinbrüchen quittiert) – gehen die Töne der „verstehenden Wissenschaften“ verloren. Sie haben es offenbar nur mit der Sinnauslegung abgetakelter Vergangenheiten zu tun. Stellen sich, wie unlängst in Berlin, die Geisteswissenschaften öffentlich dar, so folgen sofort hämische Artikel – natürlich von Geisteswissenschaftlern. Die Feinde der Geisteswissenschaften findet man nicht bei den Naturwissenschaften, sondern unter ihnen selbst. Was also soll „Verstehen“ heißen? Und was gewinnt man dabei? Ich zeige dies am Beispiel eines kulturellen Trends: der Theatralisierung der Gesellschaft.

Früher war das Theater ein privilegierter Ort der Selbstbeobachtung von Gesellschaft. Heute nimmt es nur noch eine marginale Position unter den Medien ein. Doch gleichzeitig beobachten wir, dass das Theatrale entgrenzt, ja universalisiert wird. Der Grenzfall wäre, dass es kein Theater mehr gibt, weil alles Theater ist. Das hieße: Das Theater wäre in einen kulturellen Mechanismus überführt, der überall die gesellschaftlichen Prozesse formiert, ohne doch deren sozialen Sinn liefern zu können. War das Theater eine Institution mit architekturalem Rahmen, Anfang und Ende, festen Verteilungen von Funktionen (Publikum, Schauspieler, Regisseur, Autor, Manager, Geldgeber), so ist die entgrenzte Theatralität ein offener, allgegenwärtiger, unbegrenzter, unkontrollierter, wuchernder Prozessor aller Darstellungsebenen sozialen Handelns. Davon ist kein Aktionstyp ausgenommen.

In der Politik wie in der Liebe, auf Konferenzen wie im Verkäufergespräch, im Todesfall wie bei der Gerichtsverhandlung: „Wir alle“, so der amerikanische Soziologe Erving Goffman, „spielen Theater“ und tun dies immer exzessiver. Wobei jeder nicht nur ständig „Rollen“ wechselt, sondern auch die übrigen Funktionen des Theaters übernimmt: man ist – je nachdem – Publikum, Schaupieler, Autor, Finanzier und dies jeweils „als Rolle“. Damit aber wird die Theatralität und Performativität von Gesellschaft zu einem zentralen Feld der Kulturwissenschaften. So treten die Kulturwissenschaften in gewisser Hinsicht die Nachfolge des Theaters an, insofern dieses eine Einrichtung der Selbstbeobachtung von Gesellschaft war.

Theatralisierung der Kultur heißt indes, dass nicht nur die Wichtigkeit von (Selbst-) Darstellung wächst, sondern auch der Reflexions-Stress. Theatralität verlangt nämlich von uns Akteuren erhöhte Fähigkeiten zu Positions- und Rollenwechseln, zu Statusveränderungen, zum gekonnten Einsatz von Stil, Ton und Habitus, von Spiel- und Regelkompetenz, von Improvisation und Situationsaufmerksamkeit, von self-fashioning und zur Bewältigung von Brüchen und Konflikten.

All dies sind Zeichen wachsender Kontingenz, der unüberschaubar gewordenen Menge von existenziellen Situationen in der Moderne. Diese können nicht mehr durch Unternehmungen „großer Sinnstiftung“ – dem klassischen Feld von Theater, Literatur und Geisteswissenschaften – abgefangen werden. Der Sinn ist heute selbst eine Frage der Inszenierung geworden. Sinnstifter sind innerhalb von Sondermilieus zumeist provinzielle Figuren, bestenfalls Gurus oder Idole, die ihr Charisma nur durch Selbstausschluss von den insgesamt sinnlos operierenden Systemen der Gesellschaften kreieren – oder diese terrorisieren.

Ritualisierung des profanen Lebens

Neben solchen inszenierten „Anschlägen“ im Namen unverbrüchlicher Sinnüberzeugung kennen die gegenwärtigen Gesellschaften indes eine Fülle von „zivilen“ Ritualisierungen und Mythologisierungen des allzu profanen Lebens. Sie stehen im Dienst von Sinnsicherung und Kontingenzbewältigung. Moderne wie Postmoderne weisen ein parasitäres Verhältnis zu überlieferten Formen der Religion, des Mythos und der Ritualität auf. In diesem Sinn zehren die Politik und das Alltagsleben, die Wissenschaften und die Technologien, die Medien und die Künste, aber auch die Gefühle und die Phantasien, so sehr sie eigene Kulturen entwickelt haben mögen, von toten und lebenden Elementen der Religionen.

Die Moderne durchschaut nicht ihre religiösen Anleihen und weist darum eine unbegriffene Ambivalenz von Säkularisierung und Verzauberung auf. Während Modernisierung die formale Integration der Gesellschaft zu leisten vermag, bietet sie keine gehaltvollen Identifikationen, welche die Moderne als sozial bindende Lebensform erfahrbar machen. Viele Menschen, Gruppen und Subkulturen haben zur Modernisierung, die jeden Sinn und jede gültige Form zweifelhaft macht, ein distanziertes Verhältnis, das entsprechend instabil ist. Zunehmend werden lebensweltliche Praktiken aus religiösen, mythischen und tribalen Überlieferungen geschöpft, die der Vormoderne entstammen und willkürlich in die Lebensgestaltung eingebaut werden. Dadurch entsteht das Switchen zwischen unvereinbar scheinenden Handlungs- und Orientierungsmustern: funktionale Arbeitseffizienz unter der Woche, kollektive Ekstasen auf Techno-Veranstaltungen am Wochenende; rationale Zukunftssicherung hier und Suche nach Risiko-Thrill dort; ökonomischer Kalkül einerseits und andererseits Anleihen an exotische Kulturen; Teilnahme an demokratischen Prozessen und zugleich quasireligiöses Aufgehen in „Gemeinschaftskörpern“ des Sports und des Entertainments; disziplinierte Arbeitseffektivität hier, spielerische Verausgabungen und irrationale Exzesse dort. Diese Mischungen, die zu Kennzeichen einer „performativen Kultur“ geworden sind, treten nicht nur als gegensätzliche Handlungsmuster von Gruppen auf, sondern wandern in die Subjekte selbst ein. Derartige Erscheinungen nun gehören zu den Feldern kulturwissenschaftlicher Forschung.

Denn es handelt sich weder um individuelle Pathologien noch um Relikte der Vergangenheit, sondern um markante Widersprüche auf allen Ebenen des Sozialprozesses. Der massenmediale Star-Kult zieht ins Parlament, die Gnosis ins Internet ein; der Kapitalismus funktioniert nur unter Zuhilfenahme fetischistischer Formen; der Sport arbeitet in Formen magischer Rituale und „mystischer Partizipation“; Festivals entleihen ihre Attraktivität der vergangenen Kraft von Mysterien; die kollektiven Fantasien werden – etwa in Filmen – von den Monstrositäten aller Zeiten bevölkert. Die Medien steigern ihre technische Raffinesse aufs Äußerste und mit ihr die inszenierten Archaismen; „Gott ist tot“ bildet nicht den Übergang zu einer säkularen Gesellschaft, sondern zum Erwachen von Abertausenden neuer Götter. Das „Verschwinden der Dinge“ im Müll verschwistert sich mit einem Kult des rituellen Aufbewahrens; die Dekonstruktion der Liebe führt zu karnevalesken Maskeraden der Lüste.

In solchen Kult-Formen liegen Bindekräfte der heutigen Gesellschaft. Deren Arbeitsorganisation und formale Demokratie, deren Einsamkeiten und Entfremdungen, aber auch das Eintauchen in eine flüchtige Event-Kultur haben dazu geführt, dass den Individuen kaum authentische Erfahrungen und sinnvolle Evidenzen zugänglich sind: Sinnleere, Langeweile, Gleichgültigkeit, emotionale Öde sind die Kehrseite der Schauseiten der Medien-Kultur. Wichtige Integrationen der Moderne laufen über Mechanismen, welche eben diese Moderne als vormodern und irrational abtut. Darin steckt auch eine Gefahr: Die Moderne ist zu ihrem Erhalt auf ihr Gegenteil angewiesen. Die Zivilgesellschaft hat das Irrationale, ja Barbarische, nicht hinter ihrem Rücken, sondern womöglich in sich selbst. Nichts scheint falscher zu sein als die These von der Entzauberung der Welt. Die theatralisierten Kultformen heute belehren darüber, dass die Entzauberung im Namen der Rationalität zu einem Schub von Wiederverzauberung geführt hat.

Unschwer sind in den genannten Kulturformen Elemente einer dominanten Theatralisierung zu erkennen. Fehlt es ihr an der Dimension, die das klassische Theater kennzeichnete, nämlich kritische Reflexivität? Es scheint so, dass die Zunahme von spielerischen Kulturpraktiken und Inszenierungen nur unter der Voraussetzung einer darin eingebauten, reflexiven Distanz möglich ist. Zunehmende Kontingenz und gesteigerte Reflexion sind komplementär, und zwar bis auf die Ebene des Alltags herunter. Die Gesellschaft ist weit weniger bewusstlos und unkritisch, als ihr unterstellt wird.

„Beobachtung der Beobachtung“

Die Kulturwissenschaften sind historisch im „Schatten“ wachsender Medialisierung und Theatralisierung und der mit ihnen verbundenen Anforderung an reflexives Rollenhandeln entstanden. Sie sind ein Teil des Gegenstands, den sie analysieren. Sie sind als Instanzen der kritischen Reflexion und der „Beobachtung der Beobachtung“, weisen aber selbst viele Momente der Theatralisierung auf, die sie untersuchen. Insofern nimmt das Spielerische wie das Reflexive in den Wissenschaften gleichermaßen zu, so dass diese nicht nur eine ertragreiche Arbeit am Forschungsobjekt, sondern eine Selbstverortung im Kontext der Kultur ausweisen müssen. Denn Kulturwissenschaften sind zugleich innerhalb und außerhalb von Kultur.

Vor diesem wechselnden Hintergrund – mal ist Kultur der Hintergrund der Kulturwissenschaften, mal diese der Hintergrund für jene – gewinnt die Erforschung von historischen und heutigen Prozessen theatralisierter Gesellschaften, die sich zunehmend vom Zwischenspiel der Buch-Hegemonie lösen und die uralte Herrschaft der Audiovisualität wiederbeleben, eine zentrale Bedeutung.

Hartmut Böhme ist Kulturwissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität.

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