Gesundheit : Baustopp an der Charité wäre eine Katastrophe

Bevor es zur Fusion des Klinikums Rudolf Virchow d

Ärztlicher Direktor: Die Glaubwürdigkeit der Politiker steht auf dem Spiel

Eckart Köttgen (60) ist Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin und Pathobiochemie an der Charité. Er war von 1987 bis 1997 Ärztlicher Direktor des Virchow-Klinikums der Freien Universität. Seit 1998 bekleidet er das Amt des Ärztlichen Direktors der Charité der Humboldt-Universität und ist in dieser Funktion Vorsitzender des Vorstandes.

Bevor es zur Fusion des Klinikums Rudolf Virchow der Freien Universität mit der Charité der Humboldt-Universität kam, ist 1994 von den beiden Parteien der großen Koalition und vom Regierenden Bürgermeister eine verbindliche Erklärung beschlossen worden. Über die Legislaturperioden hinweg wurde der Charité eine über 10 Jahre laufende Sanierung am Standort Mitte zugesagt: Die Kosten sollten 800 Millionen Mark betragen. Wie viele Millionen sind bisher in die Erneuerung der Charité investiert worden?

Die Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten, weil laufende Bauvorhaben sich ja in ihrer Finanzierung über mehrere Jahre hinziehen. Grob kann man nur feststellen, dass in die Sanierung der Charité bisher 384,8 Millionen Mark investiert wurden. Dies beinhaltet einmal den Umbau und die Sanierung der Klinik für Innere Medizin, dann - sehr wichtig - die technische Infrastruktur, den Umbau der Zentralsterilisation, die Einrichtung des Forschungsgebäudes und die Sanierung der Anatomie.

In diesem Jahr wird eine einzusparende Summe von 500 Millionen Mark auf die einzelnen Ressorts umgelegt und im nächsten Jahr sollen es 850 Millionen Mark werden. Bereits in laufenden Haushalt bedeutet diese Umlage, dass 65 Millionen Mark an Investitionen im Hochschulbau gefährdet sind. Was würde es für die Charité bedeuten, wenn es in diesem und im nächsten Jahr zu einem Baustopp kommt?

Wenn wir mit der Krankenversorgung beginnen: Hier geht es um die Fertigstellung der so genannten technischen Infrastruktur mit den Versorgungsleitungen und dem Tunnelsystem. Käme es hier zum Bau- oder Investitionsstopp, wäre die Inbetriebnahme von wesentlichen Einrichtungen auch in neu errichteten Gebäuden am Campus Mitte gefährdet. Ich darf das erläutern: Die alte Infrastruktur stammt noch aus der frühen Kaiserzeit oder aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie ist auch zu DDR-Zeiten nur in sehr begrenztem Rahmen saniert worden. Die technische Infrastruktur betrifft die gesamte Stromversorgung, die Wasserversorgung und die Abwasserentsorgung für die Charité. Bisher wurde mit einem Finanzvolumen von etwa 150 Millionen Mark ein Ringsystem zur Unterbringung dieser Infrastruktur begonnen. Dieser Ring ist zu drei Vierteln fertig. Wird er nicht vollendet, kann auch der schon fertige Teil des Ringes nicht umfassend in Betrieb genommen werden. Damit produzieren wir erstens eine Bauruine. Zweitens kommen wir zwingenden ordnungsbehördlichen Auflagen und gesetzlichen Bestimmungen nicht nach. Ein Beispiel: Die Abwasserentsorgung ist so marode, dass Abwasser der Charité in das Grundwasser versickert. Ein Baustopp wäre eine Katastrophe.

Was ist mit dem Neubau für die Innere Medizin?

Hier geht es um die Sicherung der brandmeldetechnischen Anlagen. Wir haben einen Neubau Innere Medizin mit einem Gesamtkostenaufwand von 150 Millionen Mark errichtet, der jetzt im Juni seiner Bestimmung übergeben wird. Die gesamte elektronische Infrastruktur für brandmeldetechnische Anlagen sollte über den letzten Bauabschnitt der Inneren Medizin mit realisiert werden. Dies ist im Augenblick nicht gegeben, so dass wir nur mit Behelfsmitteln den ordnungsbehördlichen Auflagen gerecht werden können.

Welche Folgen wird der Baustopp für Forschung und Lehre haben?

Wir haben ein Anatomiegebäude, bei dem die Sanierung fast vollendet ist. Der Kostenaufwand betrug knapp 32 Millionen Mark. Wenn das Gebäude fertig ist, können wir es nicht oder nicht voll seiner Bestimmung übergeben, weil wieder die Zu- und Ableitungen fehlen; sie gehören zum letzten Teil des Ringsystems der Infrastruktur. Die Präpariersäle wurden saniert. Jetzt aber können sie nicht in Betrieb genommen werden. Das hat für die gesamte Organisation des Medizinstudiums große Bedeutung, weil wir auf Grund der verheerenden lüftungstechnischen Situation in den glasgedeckten Präpariersälen nicht im heißen Sommer, sondern nur im Winter die Kurse abhalten können. Dementsprechend können wir nur einmal im Jahr Studenten aufnehmen. Es drohen uns daher Klagen der Studenten, weil ihnen kein angemessenes Studienprogramm geboten wird. Ein weiteres Beispiel unter Forschungsaspekten ist die Pathologie. Der Bau für die Pathologie ist in einem ersten Abschnitt durch alle Gremien der Hochschule empfohlen worden. Auch seitens des Bundes stehen die entsprechenden Gelder seit über einem Jahr bereit. Der Landesanteil wird nicht gezahlt und daher ist der dringend notwendige Ausbau in Frage gestellt.

Ist überhaupt eine zeitliche Streckung bereits begonnener Sanierungsprojekte an der Charité zu organisieren oder hätte das gravierende Folgen für den Krankenhausbetrieb und die Forschung?

Die Charité ist sich natürlich bewusst, dass sich das Land Berlin in einer außerordentlich angespannten finanziellen Situation befindet. Und auch die Charité kann sich nicht auf Dauer als Insel der Seligen in diesem Gesamtgebilde bewegen. Dennoch müssen wir darauf aufmerksam machen, dass eine Streckung von Investitionen zu massiven Mehrkosten führen wird. Es gibt ordnungsbehördliche Auflagen, insbesondere im Brandschutz, die den Baufortschrit erzwingen. Es besteht die akute Gefahr, wenn wir zum Beispiel den Forderungen seitens der Berliner Feuerwehr nicht nachkommen, dass wir schon sanierte Operationseinheiten wieder schließen müssen. Dies hätte für die Krankenversorgung der Berliner Bevölkerung dramatische Folgen. Nicht minder dramatisch wären die Folgen für die wirtschaftliche Situation der Charité. Wir müssen den Senat von Berlin darauf aufmerksam machen, dass er in seiner Trägerhaftung für diese Defizite verantwortlich zeichnet. Die Politiker haben sich vor den Bürgern dieser Stadt zu rechtfertigen, dass sie dann Mehrkosten in Millionenhöhe zu verantworten haben. Mir liegt aber daran, deutlich zu machen, dass unsere primäre Aufsichtsbehörde, die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur, sich sehr engagiert und kompetent seit Jahren um die Sanierung der Charité bemüht hat. Leider findet die Wissenschaftsverwaltung auf der politischen Ebene wohl nicht mehr das angemessene Gehör.

Wenn Sie eine Prioritätenliste angesichts der Sparzwänge im Berliner Haushalt aufstellen müssten, für welche Projekte würden Sie sich entscheiden: für die Vollendung der technischen Infrastruktur mit dem zentralen Tunnelsystem und den Versorgungs- und Entsorgungsleitungen, für die Erneuerung der Operationssäle im chirurgischen Zentrum COZ, den Abschluss des Ausbaus der Inneren Medizin oder für die Modernisierung des Bettenhochhauses?

Aus meiner Sicht sind zwei Maßnahmen von herausragender Bedeutung auch wegen der Folgeschäden: An erster Stelle steht der Abschluss der technischen Infrastruktur mit einem Investitionsvolumen von etwa 52 Millionen Mark. Wenn wir von einem Baubeginn 2002 für die technische Infrastruktur sprechen, müssen die notwendigen Planungsmittel mindestens zwei Jahre vorher vom Land Berlin freigegeben werden. Das heißt, sie müssen heute freigegeben werden, weil wir sonst erst zum Zeitpunkt 2002 diese Planungsphase bewältigen und dadurch weitere Verzögerungen in Kauf nehmen müssten. An zweiter Stelle steht die Sanierung des COZ, des chirurgisch orientierten Zentrums im Operationstrakt, für das ebenfalls eine Summe von 52 Millionen Mark veranschlagt ist. Hier befinden sich die Rettungsstelle der Charité sowie die gesamten Operationsbereiche in Mitte. Für den Operationstrakt ist die Planung weitgehend abgeschlossen. Die dafür notwendigen Mittel waren noch in der laufenden Investitionsplanung des Landes enthalten. Die Bauten könnten im nächsten Jahr beginnen.

Welche Wirkungen hätte ein Baustopp für das Klima innerhalb der Universität?

Wenn wir zu einer solchen Prioritätensetzung gezwungen wären, entsteht leicht der Eindruck, als seien die übrigen Projekte zu vergessen. Dies ist absolut nicht wahr. Ich muss auf einen wirklich wichtigen Punkt kommen: die Planungssicherheit. Wir haben eine unglaublich schwierige Fusion zweier Universitätsklinika zu bewältigen, dazu noch die Problematik der Ost-West-Integration. Es sind uns weitreichende Versprechungen gemacht worden, noch bis ins letzte Jahr hinein. Und sehr viele Hochschullehrer, junge Wissenschaftler, auch viele Menschen aus dem Pflegebereich sind nach Berlin im Vertrauen auf Zusagen der politisch Verantwortlichen gekommen. Ein Verlust der Planungssicherheit hat nicht nur kurzfristige, sondern massive mittel- und langfristige Folgewirkungen. Denn wir erleben es heute schon, dass sehr viele hochqualifizierte, hochengagierte Mitarbeiter die Charité oder gar Berlin verlassen, weil sie sagen: "Den Politikern ist nicht mehr zu glauben. Wir werden betrogen."

Welche Wirkungen hätte ein umfassender Baustopp an der Charité für den Ruf dieses Spitzenkrankenhauses im übrigen Deutschland? Was würde dieser Baustopp für den Standort Berlin bedeuten?

Wenn Berlin sich eine Chance ausrechnet, im wissenschaftlichen Wettbewerb konkurrenzfähig zu bleiben, dann muss es heute für die Zukunft investitionsbereit sein. Wissenschaftsplanung ist kein kurzatmiges Tagesgeschäft, sondern bedarf einer mittelfristigen und langfristigen Konzeption. Die politisch Verantwortlichen betreiben im Augenblick Destruktion statt Konzeption. Es ist der Charité absolut unverständlich, dass dieses kurzatmige, tagespolitisch orientierte Denken sich derart ausbreitet. Das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Politik wird auf diese Weise maximal geschädigt. Und dies wird dem Wissenschaftsstandort Berlin maximal nicht nur heute und morgen, sondern mittelfristig schaden. Es wird Jahre dauern, um dieses verlorene Vertrauen auch nur ansatzweise wieder aufzubauen. Ich appelliere ausdrücklich an die Bürger dieser Stadt und dieses Landes, dieses Langfristkonzept zu verstehen, weil damit natürlich auch Arbeitsplätze geschaffen werden. Das Renommee dieser Stadt hängt nicht nur davon ab, wie viele Kneipen existieren und wie viele Love-Parades pro Jahr hier abgehalten werden, sondern auch davon, dass Berlin als Standort von Wissenschaft, Kultur, Forschung, Medizin attraktiv ist.Das Interview wurde von unserer Mitarbeiterin Anne Strodtmann geführt.

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