Gesundheit : "Berliner Dialog Biomedizin": "Wie wäre es, wenn Gott uns erlaubt, Gott zu spielen?"

Adelheid Müller-Lissner

Wenn biomedizinische Forscher mit Philosophen an einem (Podiums-)Tisch sitzen, die sich auf ethische Fragen der biomedizinischen Forschung spezialisiert haben, herrscht in letzter Zeit oft bemerkenswerte Einigkeit. So auch bei der Auftakt-Veranstaltung der neuen Reihe "Berliner Dialog Biomedizin", die vom Landesbüro Berlin der Friedrich-Ebert-Stiftung ins Leben gerufen wurde. Wolf-Michael Catenhusen, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, gab die Anregung - und machte gleich eingangs deutlich, was ihn dazu bewegte. Entschlüsselung des menschlichen Genoms, Stammzellforschung, therapeutisches Klonen: "Viele in unserer Gesellschaft haben den Eindruck: Jetzt wird es ernst!" In einer Zeit, in der sich die Anwendung biomedizinischer Forschung abzeichnet, in der Biotechnikfirmen florieren und auch die staatliche Förderung des Genomprojekts deutlich zulegte, werden Spielregeln wichtig.

Hans Lehrach vom Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik in Berlin-Dahlem sprach zunächst über die Hoffnungen, die sich mit der Erforschung der menschlichen Erbsubstanz verbinden. "Wir sind in der Mitte einer Revolution in den Lebenswissenschaften" so zeigte sich der geschäftsführende Sprecher des deutschen Humangenom-Projekts überzeugt. Der Weg von der Erbsubstanz DNS bis hin zur Ausführung im Organismus werde als kompliziertes Netzwerk von Regulierungsschritten immer erkennbarer. Dadurch erscheine das Ziel, Krankheitsprozesse wirklich zu verstehen, erstmals wirklich erreichbar. "Wir kommen von der Hypothese-getriebenen zur systematischen Forschung."

Möglicherweise, so gab er aber zu bedenken, sind Krankheiten wie Krebs zu komplex, um von uns jemals vollständig verstanden zu werden. Doch man müsse es wenigstens versuchen - und "ohne beste Werkzeuge haben wir gar keine Chance." Man müsse sich auch darüber unterhalten, welche ethischen Probleme "Nicht-Forschung" aufwerfe, sagte Lehrach. Das genetische Wissen sieht er, ganz in der Tradition der Aufklärung, als Schritt zur weiteren Emanzipation des Menschen.

Aber dürfen wir in dieser Weise in das Geheimnis des Lebens Einblick nehmen? Ist das Wissen über unsere Gene nicht anmaßendes Wissen? Der Philosoph und Theologe Hans Peter Schreiber, an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich Leiter der Abteilung für Ethik und Technikfolgen-Abschätzung, übernahm es zwar, diese Bedenken zu formulieren. Doch er zeigte zugleich, dass sie in der Geschichte immer wieder aufkamen, so auch gegenüber der Anatomie zu Beginn der Neuzeit. Und er befürwortete den Wissenszuwachs. "Wie wäre es, wenn Gott uns selber die Erlaubnis gegeben hätte, Gott zu spielen?"

Einig waren Schreiber und Lehrach sich auch in der Betonung des Rechts auf Nichtwissen hinsichtlich der eigenen Gene. Bei aller Übereinstimmung mit dem Naturwissenschaftler setzte der Ethik-Experte doch noch einen weiteren Akzent. Wenn gesunde Menschen durch Gentests über ihr Risiko aufgeklärt sind, im Verlauf ihres Lebens an bestimmten Leiden zu erkranken, so werde das auch unser Verständnis von Krankheit grundlegend verändern, gab Schreiber zu bedenken. "Gesund ist dann vielleicht nur der, der noch zu wenig untersucht wurde."

Die Humanität einer Gesellschaft bemesse sich aber auch daran, wie sie mit Menschen umgeht, deren Krankheit sie nicht beherrschen kann. Der Organismus "berechnet" seinen Phänotyp aus seiner DNS und der Umwelt, so hatte Lehrach zu Beginn "Leben" definiert. Schreiber zieht das Bild des Klaviers vor. Auf dieser genetischen "Bedingung der Möglichkeit des Lebens" kann jeder Spieler Stücke recht unterschiedlichen Niveaus hervorbringen.

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