Gesundheit : Bildung: Jeder Vierte kann nicht richtig lesen

Bärbel Schubert

Nach dem schlechten Abschneiden der deutschen Schüler im weltweit größten internationalen Schulleistungstest Pisa planen die Kultusminister nun Reformen. Dabei geht es darum, wie man lern- und leseschwache Schüler, aber auch besonders Begabte besser fördern kann, wie künftig mit schlechten Leistungen umgegangen werden soll und wie sich die Lehrerbildung verbessern lässt. Auch mehr Ganztagsschulen sind im Gespräch. Auf einer Sondersitzung am Mittwoch wollen die Minister dazu erste Beschlüsse fassen.

Auch auf den zweiten Blick verlieren die Ergebnisse von Pisa (Programme for International Student Assessment) ihren Schrecken nicht. Die Detailergebnisse der weltweit größten Schulleistungsuntersuchung stützen den ersten Eindruck: Die Gesamtleistung der deutschen Schüler ist schlecht. Sie kommen im Durchschnitt in allen drei Grundbereichen - Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften - nicht über das untere Leistungsdrittel der Teilnehmerstaaten hinaus. Fast jeder vierte Jugendliche in Deutschland kann Texte nicht sicher lesen und verstehen. Kaum ein anderes Land hat so viele Schüler, die nicht einmal die Mindestqualifikation schaffen. Dabei erreichen auch weniger Schüler die obere Leistungsgruppe als aus den erfolgreichen Staaten Finnland, Korea, Kanada und Japan.

Dabei ist Pisa kein traditioneller Schultest, wie der internationale Pisa-Koordinator Andreas Schleicher versichert. "Wir haben getestet, wie gut die jungen Leute auf ihr späteres Leben vorbereitet sind. Es geht nicht um das Erkennen von Buchstaben und das einfache Ablesen von Texten. Gefragt sind Ideen und das Anwenden von Informationen auf Alltagssituationen." Grafiken:
Wie wirkt sich soziale Herkunft auf Schülerleistungen aus?
So gut können 15-jährige Schüler lesen Um das herauszufinden, haben hunderte von Experten dreieinhalb Jahre lang international vergleichbare Aufgaben entwickelt, berichtet Schleicher über das Mammutwerk. Mehr als eine Viertel Million Schüler wurden im vergangenen Jahr getestet - jeder mindestens zwei Stunden lang. Sie hatten nicht nur Multiple-choice sondern auch offene Fragen zu beantworten. "Einige davon waren richtig schwer", sagt Schleicher. Dennoch haben Schüler anderer Staaten dabei hervorragend abgeschnitten.

Deutlicher Schwachpunkt der deutschen Schulen: Jungen aus Migrantenfamilien. Zu dieser Gruppe gehören die meisten, die die Mindestqualifikation im Lesen nicht schafften. "Kommen Sie in Deutschland aus einer Migrantenfamilie, können Sie sich nur wünschen, als Mädchen geboren zu werden", kommentierte Schleicher die Befunde. Dabei kommen den Mädchen die klassischen Stärken zu Gute: Sie lesen lieber als Jungen, von denen eine Mehrheit angab, das freiwillig gar nicht zu tun. Und die Vorlieben der Jugendlichen spiegelten sich bei der Studie deutlich in guten Ergebnissen. Unklar ist aber weiterhin, was davon Ursache und was Wirkung ist.

Eines aber ist klar: Fast jeder vierte Jugendliche in Deutschland kann in diesem Sinne nicht richtig lesen. Bei diesen Jugendlichen sind Startschwierigkeiten in den Beruf vorprogrammiert. Hier ist der Handlungsbedarf nach Einschätzung der Experten am größten.

Ohnehin werden sich die Ergebnisse von Pisa nicht so einfach abtun lassen. Sie entsprechen auch sowohl den Klagen der Wirtschaft über schwach qualizierte Lehrstellenbewerber als auch Erfahrungsberichten von Lehrern, Kindern und Eltern aus den Schulen. Die Suche nach den Ursachen hat natürlich gerade erst begonnen. Klar ist jedenfalls, dass die Kinder in Deutschland nicht dümmer sind als anderswo.

Die Frage nach der Effektivität des deutschen Bildungssystems stellt sich angesichts dieser Ergebnisse natürlich wieder. In Deutschland werden die Kinder in den meisten Bundesländern schon mit zehn Jahren auf die verschiedenen Schulformen aufgeteilt. Diesen Weg geht kaum ein anderes Land. Die Bildungssysteme, die bei Pisa gut abgeschnitten haben, haben alle ein integratives Schulsystem mit langen gemeinsamen Schulzeiten. Doch was nach den bisherigen Erkenntnissen dort trotzdem besser klappt, ist die Förderung der einzelnen Kinder.

Leistungsstarke Bildungssysteme zeichnen sich überdies nach Einschätzung der Experten heute dadurch aus, dass sie gute Leistungen für alle bei nur geringer Leistungsschwankung im ganzen Spektrum erreichen - wie Pisa-Koordinator Andreas Schleicher bei der Vorstellung der Studie erläuterte. Als Beispiel gilt Korea, das den sechsten Platz erreichte. Die Förderung, die den schwächeren Schülern dabei zu Gute kommt, erreichen offensichtlich auch die Leistungsstarken. Hierzulande wird dagegen seit Jahren getrennt darüber diskutiert, wie die Benachteiligten und wie die besonders Begabten zu fördern sind.

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