Gesundheit : Bildung ohne den Ballast von 30 Jahren

Der Bundespräsident will Reformen, keinen Grabenkrieg

Bärbel Schubert

Bundespräsident Johannes Rau hat dazu aufgerufen, ein neues gesellschaftliches Klima für Bildung und Erziehung in Deutschland zu schaffen. Ein Jahr nach Veröffentlichung des Pisa-Ergebnisses seien die Chancen für Veränderungen so günstig wie seit 30 Jahren nicht mehr. Statt Auslese werde mehr Förderung für jedes einzelne Kind gebraucht. Wenn die Einsicht in diese Notwendigkeit Allgemeingut werde, könne viel bildungspolitischer Ballast abgeworfen und der 30-jährige ideologische Grabenkrieg in Deutschland beendet werden, sagte Rau am Freitag bei einem bildungspolitischen Kongress der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Berlin. Vor rund 30 Jahren hat die Einführung der Gesamtschule in Deutschland begonnen, begleitet von heftigen Anfeindungen.

Das wichtigste Ergebnis der Pisa-Studie sei, „dass der Schulerfolg eines Schülers in keinem anderen Land in Europa so stark von der sozialen Herkunft abhängt wie in Deutschland“, erläuterte das Staatsoberhaupt. Die Studie hatte gezeigt, dass hier zu Lande die Chance zum Abitur zu kommen für ein Professorenkind viermal so groß ist wie für ein Arbeiterkind, bei gleicher Begabung. Andere Staaten führen nach Raus Worten vor, wie man es besser machen kann. „Wir wissen jetzt, dass mehr Chancengleichheit möglich ist und dass es an uns liegt, wenn wir sie nicht erreichen.“

Die wichtigste Aufgabe liege für die Schulen in den kommenden Jahren darin, zumindest teilweise auszugleichen, was junge Menschen nicht von Zuhause mitbringen. „Wir müssen uns um jeden Einzelnen kümmern“, so Rau. Dafür sei ein neues Verständnis von Schulleben und -unterricht nötig. Die Schulen müssten mehr Freiheit bekommen, um eigene Ideen umzusetzen und Probleme lösen zu können.

Davon ausgehend zeichnete Rau ein Bild von der Schule der Zukunft, die die Anforderungen besser erfüllt als heute. Der „Sitzenbleiber“ sei in manchen Ländern beispielsweise fast unbekannt. Das setze aber voraus, dass die Schule und ihre Lehrer Verantwortung für jeden Schüler übernehmen. „Wer dem Unterricht nicht mehr folgen kann, der muss gefördert und gefordert und nicht abgeschoben werden“, forderte der Bundespräsident. Schulen könnten aber auch besser arbeiten, wenn sie nicht in einen Panzer aus Verordnungen, Erlassen und Richtlinien gesteckt würden. Die Laborschule in Bielefeld sei dafür ein bekanntes Beispiel und brauche sich mit ihren Leistungen keineswegs zu verstecken. Insbesondere müssten junge Menschen aber auch die Möglichkeit bekommen, sich zu Persönlichkeiten zu entwickeln. Eine Schule, die auch Lebensraum sei, helfe dabei. Schließlich verbrächten die Jugendlichen dort viel Zeit. „15 000 Unterrichtsstunden haben junge Erwachsene nach der gymnasialen Oberstufe hinter sich. Das geht an niemandem spurlos vorbei.“

Die GEW hat auf ihrem Kongress als Antwort auf die miserablen deutschen Pisa-Ergebnisse eine Qualitätsoffensive in der Bildung gefordert. Ausgangspunkt einer neuen Bildungsreform müsse das Grundgesetz sein mit seinem Auftrag, für Chancengleichheit zu sorgen.

Das deutsche Bildungswesen müsse sich endlich von „überholtem Kastendenken befreien“, forderte die GEW-Vorsitzende Eva- Maria Stange. Die Aufteilung in Praktisch-, Theoretisch- und Kaufmännisch-Begabte sei nicht mehr zeitgemäß. „Ein theoretisch nicht begabter Gas-, Wasser- und Heizungsinstallateur wäre für die Gesellschaft ebenso katastrophal wie ein praktisch unbegabter Chirurg.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben