Gesundheit : Bildung um jeden Preis

Steigende Gebühren, sinkende Stipendien: Ein Studium in Amerika wird immer mehr zum Privileg der Oberschicht

Leonard Novy

Schon heute ist die George Washington University in Washington D. C. die teuerste Universität der USA. Jetzt konnte der interessierte akademische Nachwuchs der lokalen Presse entnehmen, wie viel ab Herbst fällig wird: Inklusive der für Unterkunft und Verpflegung anfallenden Kosten mehr als 50 000 US-Dollar, davon alleine fast 40 000 US-Dollar für Gebühren. Pro Jahr, versteht sich.

Die Rekordmeldung aus der Hauptstadt ist symptomatisch für eine Entwicklung, die längst nicht mehr nur die ohnehin für ihre astronomischen Gebühren bekannten privaten Eliteuniversitäten erfasst hat. Auch an öffentlichen Unis, die bis zum ersten Abschluss von 35 Prozent aller Studenten besucht werden, sind die Gebühren nach Angaben des nationalen College Boards in den letzten fünf Jahren so stark wie seit 30 Jahren nicht gestiegen. Rechnet man Unterkunft und Verpflegung hinzu, fallen heute durchschnittlich 12 796 Dollar an, bei privaten Colleges und Universitäten sind es 30 367 Dollar – über 80 Prozent mehr als 1993.

Auch wenn viele Studenten tatsächlich aufgrund von Steuererleichterungen und Finanzierungshilfen weniger bezahlen, übersteigt die Kostenentwicklung kontinuierlich die Inflationsrate. So stieg der Konsumentenpreis-Index, ein Inflationsindex, der die Preisentwicklung eines Warenkorbes für Fertigprodukte und Dienstleistungen misst, letztes Jahr um 3,4 Prozent. Gebühren und Unterbringungskosten auf dem Campus legten im selben Zeitraum 5,5 Prozent zu. Die Debatte in den USA ist bereits im Gang: Wie fair ist das amerikanische Hochschulsystem noch?

Die durchschnittlichen Familieneinkommen, zurzeit etwas mehr als 43 000 Dollar brutto, „halten mit dieser Entwicklung nicht Schritt“, warnte das College Board. Es handle sich um ein „ernstes Problem“, das dringend gelöst werden müsse, so Gaston Caperton, Präsident des College Boards, jüngst auf einer Pressekonferenz. In der Tat, denn die Darlehen, Stipendien und Zuschüsse des Bundes, der Einzelstaaten und der einzelnen Hochschulen, die die Studiengebühren in den USA traditionell abfedern, können die Erhöhungen längst nicht mehr auffangen. So sank die staatliche Unterstützung für bedürftige Studenten 2005 erstmals seit zehn Jahren auf 2354 Dollar pro Jahr.

Schon jetzt bleibt vielen Studenten und ihren Familien nichts anderes übrig, als sich zu verschulden. 2005 beliefen sich die privaten Bildungskredite auf 17 Milliarden Dollar. Wer die Uni mit Kreditlasten von 30 000 Dollar verlässt, kann sich zum Durchschnitt zählen. Doch auch Schulden im sechsstelligen Bereich sind gerade für Doktoranden nicht völlig außergewöhnlich.

Trotz der gesellschaftlich weiter verbreiteten Bereitschaft, sich zu verschulden, haben die Studienkosten gravierende Auswirkungen auf Bildungsentscheidungen. Laut einer Studie des Higher Education Research Institute der University of California traten rund ein Drittel aller Bewerber den Studienplatz an der Universität ihrer Erstwahl trotz Zusage nicht an. Wiederum ein Drittel davon gaben an, dass die Gesamtkosten ihre finanziellen Möglichkeiten überstiegen hätten.

Es stimmt, dass die Studierendenquote in den USA erheblich oberhalb des deutschen Niveaus liegt. Doch Bildung ist nicht gleich Bildung. Nur der qualitativen Vielfalt ihres tertiären Bildungsmarkts ist es geschuldet, dass die Hochschulbesuchsquote in den USA bei den unteren Bevölkerungsschichten so hoch liegt. Die unteren Einkommensschichten zieht es vornehmlich an die staatlich finanzierten und mit ihrem zweijährigen Kurzstudium eher Berufsschulen gleichenden Community Colleges. Hier, wo Bildung mit durchschnittlich rund 2000 Dollar relativ günstig, aber eben auch relativ schlecht ist, rekrutiert sich die Studentenschaft zu 51 Prozent aus der ärmeren Hälfte der Bevölkerung, aber nur zu 22 Prozent aus der Oberschicht.

An mit deutschen Universitäten vergleichbaren Einrichtungen, wo Forschung stattfindet und Promotionen abgenommen werden, stammen die Studenten zu drei Vierteln aus dem reichsten Viertel der Gesellschaft. Auch hier ist es in den vergangenen Jahren zu beträchtlichen Gebührenanhebungen gekommen, doch waren diese angesichts massiver Einkommenszuwächse und der Steuergeschenke der Bush-Regierung für Upper- Class-Familien leicht zu kompensieren. Dagegen stagnieren die Realeinkommen der unteren und mittleren Bevölkerungsschichten. Folglich erhöhte sich die Gebührenbelastung für eine Mittelschichtfamilie einer Studie der Brookings Institution zufolge zwischen 2001 und 2004 mit zehn Prozent mehr als dreimal so schnell wie ihr Einkommen.

Zurückzuführen seien die explodierenden Kosten vor allem auf Sparmaßnahmen der öffentlichen Hand, heißt es aus den Unis. Bezogen staatliche Unis 1980 noch über 50 Prozent ihrer Mittel aus öffentlichen Geldern und nur knapp 13 Prozent aus Studiengebühren, machten die öffentlichen Zuweisungen 20 Jahre später nur noch gut 36 Prozent aus, die Gebühren dagegen fast 19 Prozent.

Längst befinden sich vor allem die großen staatlichen Universitäten wie die University of Washington im Wettbewerb um Fördergelder und Forschungsmittel, buhlen untereinander und mit ihren privaten Konkurrenten um studentische „High potentials“ und die oberen Plätze in den Hochschulrankings.

Das Ziel, ihrem traditionellen Auftrag gemäß breiten Bevölkerungsschichten den Zugang zu Bildung zu ermöglichen, lässt sich nur schwer mit dem Bemühen vereinbaren, sich durch Exzellenz und Elitismus national wie international im Hochschulwettbewerb zu behaupten. Obgleich nach wie vor günstiger als ihre privaten Mitbewerber, werden die staatlichen Unis ihnen immer ähnlicher: Sie drehen kräftig an der Gebührenschraube und schichten Mittel von einkommensabhängigen (Need-Based Grants) zu leistungsabhängigen Stipendien (Merit Grants) um. So vervierfachte sich die Unterstützung für Studenten aus Familien mit Einkommen über 100 000 Dollar zwischen 1995 und 2003, während die Gelder für Studenten aus ärmeren Bevölkerungsschichten zurückging.

Die besten staatlichen Universitäten glichen zusehends „gated communities“, kritisiert die Washingtoner Nichtregierungsorganisation Education Trust – jenen privaten, für die Öffentlichkeit geschlossenen Wohnsiedlungen, die im letzten Jahrzehnt zum Symbol für die soziale Segregation der US-amerikanischen Gesellschaft geworden sind. Von Chancengleichheit, die Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs auch für Minderbemittelte bereithalten würde, könne angesichts dieser Entwicklungen keine Rede sein. Auch die millionenschweren Stipendienprogramme, mit denen Ivy-League-Unis wie Harvard, Princeton oder Stanford in den letzten Jahren für Aufsehen gesorgt haben, wirken da nur wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Sie ermöglichen Bewerbern aus ärmeren Familien ein Studium unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten. Die Dominanz von Kindern aus dem reichsten Fünftel der US-Gesellschaft blieb davon indes unberührt. Nach wie vor stellen sie über drei Viertel der Studenten an den Eliteunis.

So zementiert die Rekrutierungspraxis des US-Hochschulwesens einen gesellschaftlichen Status quo, in dem sich Bildungschancen an der sozialen Herkunft entscheiden und der gesellschaftliche Aufstieg über Bildung für junge Menschen, die weder reich noch hochbegabt sind, aller Rhetorik vom American Dream zum Trotz nicht selten ein ebensolcher bleibt. Wobei anzumerken bleibt, dass die soziale Selektion nicht erst bei den Studiengebühren, sondern beim qualitativ nicht minder stark differenzierten Schulsystem beginnt.

Die Frage, ob die Qualität der Lehre an den Edelunis die damit verbundenen hohen Kosten rechtfertigt, wird ebenfalls kontrovers diskutiert. Studenten in Harvard beklagen sich über seit Jahrzehnten unreformierte Curricula und Starprofessoren, die um die Welt touren und sich von überforderten Mitarbeitern ersetzen lassen. Doch in der breiten Öffentlichkeit wie auch in Bewerbungsgesprächen gilt bislang „Qualität hat ihren Preis“, werden höhere Studiengebühren mit entsprechend hochwertiger Lehre gleichgesetzt. Das Ursinus College, ein Liberal Arts College in Pennsylvania, verzeichnete im Jahr 2000 einen rasanten Anstieg an Bewerberzahlen. Es hatte die Gebühren um über 17 Prozent angehoben – und wenn schon nicht an Qualität, dann in jedem Fall an Prestige gewonnen.

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