Gesundheit : Bindeglieder zur Technik geschaffen

EBERHARD KNOBLOCH

"Es muß versucht werden, auch der Mathematik die Stellung einzuräumen, die ihr als einer der ältesten und edelsten Betätigungen des menschlichen Geistes und als einer der richtunggebenden Kräfte in seiner Entwicklung gebührt, - die sie aber im Bewußtsein der Gebildeten, wenigstens in Deutschland, leider nur selten einnimmt." Autor dieser überaus aktuellen Zeilen war ein gebürtiger Düsseldorfer, einer der größen Mathematiker aller Zeiten, wie die Deutsche Mathematiker-Vereinigung in ihrem Nachruf auf den am 25.April 1849 geborenen Rheinländer schrieb: Felix Klein.

Bereits in sehr jungen Jahren nahm Klein die Hürden auf dem Weg zu einer glänzenden Laufbahn eines Universitätsprofessors für Mathematik.Mit gut 16 Jahren begann er das Studium der Mathematik und Physik in Bonn.Ein Jahr später wurde er Vorlesungsassistent, drei Jahre später promovierte er in Mathematik, habilitierte sich mit 22 Jahren an der Universität Göttingen und wurde 1872 auf eine Mathematikprofessur der Universität Erlangen berufen: der dreiundzwanzigjährige Gelehrte galt bereits als führender Geometer seiner Zeit.

Nach Professuren in München und Leipzig kehrte er 1886 nach Göttingen zurück, wo er bis zu seinem Tode eine überragende Rolle als Lehrer, Forscher und Organisator spielte.

Von Anbeginn wandte sich Klein gegen Spezialisierung und Verknöcherung der Wissenschaft, war darauf bedacht, die Mathematik in ihren Bezügen zur Physik, zu ihren Anwendungen zu sehen, übergreifende Gesichtspunkte zu entwickeln, um Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Gebieten der Mathematik aufzuzeigen, Ordnung ins Chaos der unüberblickbaren Einzelresultate zu schaffen.

Seine frühesten Arbeiten galten der sogenannten nichteuklidischen Geometrie, in der das berühmte, aus der griechischen Antike stammende Parallelenaxiom nicht gilt: durch einen Punkt außerhalb einer Geraden gibt es genau eine zu dieser Geraden parallele, das heißt diese nicht schneidende Gerade.Durch Klein wurde die nichteuklidische Geometrie wissenschaftliches Gemeingut der Forschung.Sie sollte in der von Albert Einstein Anfang des 20.Jahrhunderts entwickelten allgemeinen Relativitätstheorie eine wesentliche Rolle spielen, eine Entwicklung, an der der 70jährige Klein noch aktiv teilgenommen hat.

Von überragender Bedeutung wurde Kleins Antrittsrede an der Universität Erlangen, die deshalb unter dem Namen "Erlanger Programm" zu einer der einflußreichsten und meist gelesenen mathematischen Abhandlungen der folgenden 60 Jahre wurde.Mit Hilfe des Begriffs "Gruppe" schuf Klein Ordnung im Gesamtgebiet der Geometrie, wie es in der Chemie mit Hilfe des periodischen Systems der Elemente zu geschehen pflegt.Später baute er im dramatischen Wettlauf mit seinem jüngeren französischen Zeitgenossen Henri Poincaré die Theorie der komplexen Funktionen aus, ein Wettlauf, den er knapp gewann.

Seiner weiteren überaus erfolgreichen Tätigkeit als Lehrer, Wissenschaftsorganisator, energischer Vertreter seines Faches in der Öffentlichkeit hat dies keinen Abbruch getan.Zu seinen zahlreichen Schülern gehörte Grace Young, die erste Frau, die an einer preußischen Universität in einem ordentlichen Verfahren promovierte, ebenso wie der bedeutende theoretische Physiker Arnold Sommerfeld.Es war Sommerfeld, der Kleins Mathematik mehr ein Schauen als ein Grübeln und Zerlegen charakerisierte.

Klein suchte die Bekanntschaft und Hilfe von Vertretern der Technik und Industrie, etwa seines ehemaligen Münchner Kollegen Carl von Linde, der in der Kältetechnik berühmt wurde.Als Klein daranging, in Göttingen Universitätsinstitute zur angewandten Mechanik, zur angewandten Elektrizitätstheorie, zur technischen Physik zu gründen, wurde er vom einflußreichen Leiter des preußischen Hochschulwesens, vom Ministerialdirektor Althoff, unterstützt.Den Anstoß, solche Bindeglieder zwischen Universitätswissenschaft und Technik zu schaffen, hatte Kleins Studienreisen in die USA im Jahre 1893 gegeben.Diese Bestrebungen führten 1898 zur Gründung der "Göttinger Vereinigung zur Förderung der angewandten Physik und Mathematik".1904 wurde auf sein Betreiben die erste ordentliche Professur für angewandte Mathematik an einer deutschen Universität eingerichtet.Gleichzeitig setzte sich Klein für eine Reform des Mathematikunterrichts auf allen Ebenen der Schule und der Universität ein, die "Kleinsche Reform" genannt wurde.Kein Wunder, daß er den Vorsitz der 1908 gegründeten Internationalen Mathematischen Unterrichtskommission (IMUK) und die neunbändigen "Abhandlungen über den mathematischen Unterricht in Deutschland" herausgab.

1913 wurde er emeritiert.Es war das Jahr, in dem er zum korrespondierenden Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin gewählt wurde.Die französische Académie des Sciences strich ihn aus der Mitgliederliste, als er 1914 in deutschnationaler Verblendung den berüchtigten "Aufruf an die Kulturwelt" unterzeichnet hatte.Seit 1902 arbeitete er am Monumentalwerk "Kultur der Gegenwart" mit.Groß war sein Anteil am Zustandekommen der umfassenden "Encyklopädie der mathematischen Wissenschaften unter Einschluß ihrer Anwendungen", deren vierten Band "Mechanik" er selbst redigierte.Seine "Vorlesungen über die Entwicklung der Mathematik im 19.Jahrhundert" erschienen postum dank seinen Göttinger Kollegen Richard Courant und Otto Neugebauer.Courant, der wenig später Deutschland verlassen mußte, leitete seine Gedächtnisrede vom 31.7.1925 mit den Worten ein: "Als am Abend des 22.Juni sich die Kunde verbreitete, Felix Klein sei tot, da fühlten wir alle: eine Epoche in der Geschichte der Mathematik ist abgeschlossen."

Der Autor ist Professor für Geschichte der exakten Wissenschaften und der Technik an der Technischen Universität Berlin und ordentliches Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

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