Gesundheit : Biogasanlage in Amman: Die Brunnen reichen tief in Jordaniens Müllkippe hinein

Andrea Nüsse

Es stinkt erbärmlich. Von dem Förderband hängen Fleischfetzen herunter. Um den Schredder, in den die Fleischreste eigentlich fallen sollen, stehen fünf Arbeiter herum: Er ist wieder einmal kaputt, weil ein ganzerKuhkopf in den organischen Abfällen lag, die der Schlachthof anlieferte. "Dafür ist unsere Anlage nicht gemacht", erklärt Mustafa Jaar, der Projektmanager der kombinierten Deponie- und Biogasanlage, die auf der Müllkippe der jordanischen Hauptstadt Amman steht. In diesem ersten Biokraftwerk des Nahen Ostens werden organische Abfälle in Gas und schließlich in Elektrizität umgewandelt, und es wird Dünger produziert.

Die Betreiber sind darauf angewiesen, dass der Müll einigermaßen sortiert ankommt. Dies ist oft nicht der Fall: Aus den Restaurants werden Essensreste samt Plastiktellern angeliefert, vom Großmarkt kommen die verrotteten Tomaten im Styropor-Karton, und in der Lieferung vom Schlachthof liegt schon mal ein ganzer Kuhkadaver. "Die Ladung müssen wir dann ablehnen", sagt Jaar. Kleineren Plastikmüll sortieren vier Angestellte am Förderband per Hand.

So viel zu den Schwierigkeiten, mit denen das vor neun Monaten in Betrieb genommene Biokraftwerk zu kämpfen hat. Sonst sei es ideal auf die lokalen Bedürfnisse zugeschnitten, meint der in Deutschland promovierte Umweltingenieur Jaar, Vertreter des schleswig-hosteinischen Anlagenbauers Farmatic. Die Firma hat die kombinierte Anlage für die Jordanische Biogas-Gesellschaft (JBC) gebaut. Finanziert haben das zwölf Millionen Mark teure Projekt das UN-Entwicklungsprogramm mit umgerechnet sieben Millionen Mark, die dänische Regierung mit drei Millionen Mark und die Stadtverwaltung von Amman mit zwei Millionen Mark.

Mit 65 Prozent ist der Anteil organischer Abfälle in Jordanien relativ hoch, etwa 20 Prozent höher als in Deutschland. Das Land hat außerdem Probleme mit stark organisch verschmutztem Abwasser, das in der Biogasanlage genutzt werden kann. Da Jordanien kein Erdöl besitzt, ist es mehr als andere Länder der Region auf regenerative Energien angewiesen. Und die Deponie-Gasanlage löst ein Umweltproblem, das den Verantwortlichen seit zehn Jahren Kopfzerbrechen verbreitet: Aus der etwa 50 Hektar großen Müllkippe zwischen Amman und der nächstgrößeren Stadt Zarqa entweicht ständig klimaschädliches Methangas, das sich an der Oberfläche selbst entzündet.

Per Pipeline abgeleitet

Die Menschen der umliegenden Ortschaften leiden. Bei ungünstigen Windverhältnissen war der Geruch selbst in Amman zu riechen, erinnert sich Mustafa Jaar. Und die Explosionsgefahr war groß. Gasbrunnen, die etwa 30 Meter tief in die Müllkippe eingegraben werden, saugen nun das entstehende Methangas ab. Es wird per Pipeline zum Kraftwerk geleitet, in Elektrizität umgewandelt und direkt in das nationale Stromnetz eingespeist. Etwa 1000 Kilowatt pro Stunde reichen zur Versorgung der Haushalte von 100 Familien.

"Nun bekommen wir drängende Umweltprobleme in den Griff", freut sich der stellvertretende Leiter von JBC, Hatem Ababneh. "Dies ist ein sehr erfolgreiches Modell für die gesamte Region." Er gibt zu, dass die Biogasanlage schwieriger zu betreiben und zu vermarkten ist als die Deponie-Gasanlage. "Dafür braucht es noch etwas mehr Zeit", meint Ababneh. Denn das Bewusstsein für die Weiterverwendung von Müll und dessen Trennung ist in Jordanien nur wenig verbreitet.

Zwar veranstaltet die Farmatic auch Schulungen und Weiterbildungen - der aus Jerash stammende Jaar ist gerade mit zehn Vertretern von Ministerien und Universitäten nach Deutschland gereist. Doch wenn die Angestellten von Restaurants, Schlachthof und Gemüsemarkt den Müll nicht sauberer trennen, kann die Biogasanlage nicht mit voller Kraft gefahren werden, weil nicht genug verwendbarer Müll angeliefert wird. "Wenn ein Küchenarbeiter 120 Dinar (etwa 380 DM) im Monat verdient, kann ich es ihm nicht verdenken, dass er im Hochsommer bei 40 Grad Hitze keine Lust hat, Essensreste von Papierservietten und Plastiktellern zu trennen", sagt Jaar.

Ohne Ökozuschlag

Das ist im deutschen Kappeln, Hanerau-Hademarschen und St. Michaelsdonn, wo andere Anlagen der Firma Farmatic stehen, wohl nicht das Problem. Große Fotos dieser Anlagen inmitten grüner Wiesen schmücken die Wände in Jaars Büro an einer belebten Geschäftsstraße in West-Amman. So wird in Jordanien derzeit eher an den Ausbau der Entgasungsanlage für die Mülldeponie gedacht.

Farmatic will der Jordanischen Biogas-Gesellschaft vorschlagen, weitere Gasbrunnen zu bauen, die aus dem Erlös des Stromverkaufs finanziert werden sollen. Nach sieben bis acht Jahren hätte sich die Anlage dann rentiert, und die Einnahmen flössen an die jordanische Gesellschaft. Schneller geht es nicht. Der Preis für eine Kilowattstunde Strom liegt bei nur neun Pfennig. "Einen Zuschuss für umweltfreundliche Energien gibt es bei uns nicht", erklärt Jaar.

Dennoch interessieren sich auch andere Länder der Region für die fortschrittliche Technik auf der Müllkippe von Amman. "Wir sind zu einem Mekka der Umweltinteressierten geworden", berichtet Jaar, der bereits Delegationen aus Dubai, Palästina, Kuwait und Ägypten auf seiner eher unscheinbaren Anlage herumgeführt hat. Ein Förderband, mehrere Schredder, einige Silos und viele Pipelines sind zu sehen, die vollautomatische Steuerung wird in einem schmalen Container vorgenommen.

Mit internationalen Entwicklungsgeldern und dem Verkauf von Emissionsrechten ließe sich viel machen. Doch diese Initiative könne wohl nur aus der Privatwirtschaft kommen, wo die Menschen mehr Geld verdienen als im öffentlichen Sektor und daher motivierter seien, glaubt Jaar. Dafür haben der Umweltfachmann und seine Firma schon wieder eine neue Idee: Sie wollen den umweltbelastenden Rückständen bei der Olivenölproduktion zu Leibe rücken.

Aus dem Presskuchen und dem phenolhaltigen Abwasser sollen ebenfalls Biogas und Vorprodukte für Dünger hergestellt werden. Dieses Pilotprojekt, das vom Bundesministerium für Zusammenarbeit bezuschusst wird, "könnte für den gesamten Mittelmeerraum bis einschließlich Spanien interessant sein", hofft Jaar. Zumal es dabei wohl weniger auf ausgefeilte Müllsortierungstechniken ankommt als bei anderen organischen Abfällen.

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