Gesundheit : Biologie: Tränen lindern das Leiden nicht

Rolf Degen

Jeden Tag wird in Deutschland so viel geweint, dass die vergossenen Tränen 40 Badewannen füllen könnten. Der Mensch heult um das Zerbrechen seiner Hoffnungen und um den Sieg oder die Niederlage bei einem Sportereignis. Früher waren Wissenschaftler einhellig der Meinung, die Aktivität der Tränendrüsen habe die Aufgabe, ein erschüttertes seelisches Gleichgewicht wieder ins Lot zu bringen. Jetzt mehren sich die Anzeichen, dass das Weinen in erster Linie als sozialer Auslöser fungiert, der den sozialen Zusammenhalt mit dem "Heuler" zementieren soll.

Tränen wurden im Laufe der Evolution eigentlich für einen ganz handfesten Zweck entwickelt: Die Tränenflüssigkeit soll bei Mensch und Tier die Hornhaut des Auges feucht halten, sie fortlaufend reinigen und vor Fremdkörpern, Entzündungen und Krankheitserregern schützen. Das Protein Transferrin, das die Fähigkeit besitzt, Eisen fest zu binden, nimmt in der Tränenflüssigkeit eine besondere Stellung ein. Da Mikroben für das Überleben im Körper ihres Wirtes Eisen benötigen, setzt sich der angegriffene Körper mit einer Eisenprohibition zur Wehr.

Nur beim Menschen kann diese Befeuchtungsanlage auf rätselhafte und scheinbar sinnlose Weise Amok laufen: Heftige Impulse aus der Großhirnrinde machen den Tränenapparat dann zum Pumpwerk flüssiger Gefühle. Der Mensch ist das einzige Mitglied der Fauna, das Tränen des Kummers und der Verzweiflung vergießt. Die einzigen "Heulsusen" neben uns sind vermutlich die Elefanten, die von der Amerikanerin Cynthia Moss seit 20 Jahren im kenianischen Amboseh Nationalpark studiert werden. Dabei hat sie Freudentränen fließen sehen, die den Tieren aus Drüsen an den Schläfen rinnen.

Es ist heute fast schon eine Binsenweisheit, dass Kummer schneller vorübergeht, wenn man sich ordentlich "ausheult". Auch die größten Denker und Literaten glaubten in der Vergangenheit, dass der Tränenfluss bei seelischem Elend eine "kathartische", reinigende und erleichternde Wirkung besitzt. "Wer weint, vermindert seines Grames Tiefe", hieß es schon bei Shakespeare.

Der Biochemiker William Frey vom Medical Center in Minneapolis hat die Entschlackungstheorie in den achtziger Jahren auf die Spitze getrieben. Ein Tränen-Stau mache psychisch und physisch krank, weil Tränen, vergleichbar mit Urin und Kot, schädliche Stoffe aus dem Körper entsorgten. Nur in Rotz und Wasser, das durch die Betrachtung eines Rührfilms ausgelöst worden waren, hatte der renommierte Tränenforscher erhöhte Konzentrationen von Stresshormonen wie ACTH und Prolaktin dingfest gemacht; in dem durch Zwiebeln provozierten Drüsensekret fehlten diese Reizstoffe.

So ästhetisch diese Theorie auch wirken mag, die neueren Studien haben ihr den Boden entzogen, betont der US-Literaturwissenschaftler Tom Lutz, der mit seinem Buch "Tränen vergießen" (Europa Verlag, Berlin 2000) eine umfassende Übersicht über die Forschung vorgelegt hat. "Nach einem Jahrhundert der Theorien und Forschungsarbeiten gibt es keine Beweise dafür, dass Tränen wirklich kathartisch wären, aber einige Beweise dafür, dass sie es nicht sind."

So haben amerikanische Psychologen bei 150 Versuchspersonen, während diese einen herzzerreißenden Film anschauten, ein ganzes Spektrum von physiologischen Messwerten erhoben. Die Tränen waren keineswegs geeignet, "des Grames Tiefe" zu vermindern. Die Probanden, die zu Tränen gerührt waren, empfanden während des Filmes und kurz danach mehr Traurigkeit und seelischen Schmerz als die anderen. Sie wiesen auch eine gesteigerte Aktivierung des Sympaticus, des aufputschenden Pols des vegetativen Nervensystems auf. Zudem waren in ihren Tränen keine Spuren von Stresshormonen zu finden.

Der niederländische Psychologe Ad Vingerhoets von der Katholischen Universität Brabant konnte in einer Untersuchung mit über 100 Frauen keinen Zusammenhang zwischen Weinen und dem Gesundheitszustand seiner Probandinnen erkennen. "Wer einen Weg findet, sich tränentreibenden Situationen zu entziehen, kann das ruhigen Herzens tun - Gesundheitsschäden braucht er nicht zu fürchten." Bei besonders anfälligen Menschen kann die Heul-Attacke sogar einen Asthma-Anfall auslösen.

All dies passt nicht zu dem aus der Romantik überlieferten Bild der wohlig bittersüßen Tränengnade für die aufgepeitschte Seele. Wenn der emotionale Tränenfluss wirklich eine bedeutende Funktion erfüllte, müsste man sich fragen, warum dieser segensreiche Mechanismus bei unseren nächsten Verwandten im Tierreich, den Affen, nicht funktioniert, gibt die Hannoveraner Primatenforscherin Signe Preuschoft zu bedenken.

Zwar lassen Affen sich ihre Niedergeschlagenheit an verlangsamten Bewegungen und einem herabgesetzten Muskeltonus anmerken, aber ihnen fehlt die Leidensmiene, der ein Tränenstrom entrinnt. "Es fragt sich auch, warum Affen ihre Verzweiflung ausdrücken sollten, in einer Welt, in der es keine mitfühlenden Zeugen gibt".

Die Evolution des Weinens ist offenbar eng mit der Evolution des Einfühlungsvermögens und der Hilfsbereitschaft verknüpft. Vermutlich dient die Leidensbekundung also als "sozialer Auslöser", der den seelischen Schmerz für die Menschen in der Umgebung kenntlich macht. Dadurch wird der soziale Zusammenhalt gefördert.

Es ist kein Wunder, dass der Tod von Prinzessin Diana eine regelrechte Tränenhysterie auslöste, da in der heutigen Gesellschaft zunehmend Gelegenheiten fehlen, sozial akzeptiert Tränen zu vergießen. Wenn ein Signal, das die Hilfsbereitschaft der Umgebung auslöst, leicht zu fälschen wäre, würden Betrüger es ständig "aufsetzen", um Zuwendung zu "erschleichen".

Jeder angehende Schauspieler weiß, wie schwer es ist, auf Kommando zu schluchzen. Doch die Belohnung kann so wertvoll sein, dass einem begnadeten Schauspieler das Blendwerk gelingt. Wer Tränen vergießt, entblößt sich zwar vor der Mitwelt, aber oft genug kann er daraus einen Vorteil ziehen: Tränen vermögen, Gleichgültigkeit in Hilfsbereitschaft zu verwandeln, Wut umzustimmen in Mitgefühl. Im gemeinsamen Tränenbad, etwa bei Trennung oder Tod, entsteht bisweilen zwischen Menschen ein inniges Gefühl der Verbundenheit.

Bill Clinton überstand die Lewinsky-Affäre nicht zuletzt mit Hilfe seiner Tränendrüse. Jeder Reue-Tropfen, vor Kameras vergossen, steigerte seine Popularität. Clinton kam auch die Tatsache zugute, dass der ungehemmte Tränenfluss längst den Beigeschmack weibischer Verletzlichkeit verloren hat. Nach einer Studie von Susan Labott, Universität von Toledo, werden Männer, die vor Fremden weinen, heute als sympathisch, nett und einfühlsam eingeschätzt - und zwar sowohl von Frauen als auch von ihren eigenen Geschlechtskollegen.

Weinende Frauen jedoch schnitten bei den Sympathiewerten deutlich schlechter ab als ihre tränentrockenen Testkolleginnen. Offenbar haben sie heute mit dem Etikett "hilfloses Weibchen" zu kämpfen. Unter ungünstigen Bedingungen können Tränen übrigens genau das Gegenteil des erwünschten Effektes bewirken. Wissenschaftler prüften 274 Vergewaltigungsfälle und stellten fest: Sexualtäter wurden umso rabiater, je mehr sich das Opfer in Tränen auflöste.

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